Ab heute, Gründonnerstag, Abend schweigen die Kirchenglocken. Erst in der Osternacht werden sie wieder läuten. Und am Ostersonntag ist dann auch die größte Glocke Österreichs zu hören: die Pummerin im Stephansdom. Sie wird heuer 70 Jahre alt.

Am 26. April 1952 kam die Pummerin, die nach dem Zweiten Weltkrieg und der teilweisen Zerstörung des Stephansdomes in der Oberösterreichischen Glocken- und Metallgießerei St. Florian neu gegossen worden war, per Tieflader in Wien an. Laut einer Presseaussendung der Erzdiözese Wien salutierten selbst die sowjetischen Besatzungssoldaten bei der Überquerung der Alliiertengrenze und ließen die neue Pummerin ohne die üblichen Formalitäten passieren.

Die Pummerin läutet nur zu seltenen Anlässen. - © Erzdiözese Wien / Stephan Schönlaub
Die Pummerin läutet nur zu seltenen Anlässen. - © Erzdiözese Wien / Stephan Schönlaub

Auf dem Stephansplatz nahmen sie dann zehntausende Wienerinnen und Wiener in Empfang. "Sie stand auf dem Tieflader und hat schön geglänzt, hat einen Blumenkranz gehabt rundherum, und die Leute haben Blumen auf sie geworfen", erinnert sich die Historikerin und spätere Archivarin und Büroleiterin von Kardinal Franz König, Annemarie Fenzl. Die Glocke stellte für viele Menschen nach dem Krieg ein Sinnbild von Neubeginn, Wiederaufbau und Frieden dar.

26. April 1952: Die neue Pummerin kommt mit dem Tieflader in Wien an. - © Erzdiözese Wien / Paula Witsch
26. April 1952: Die neue Pummerin kommt mit dem Tieflader in Wien an. - © Erzdiözese Wien / Paula Witsch

Am 27. April weihte sie Kardinal Theodor Innitzer dann im Rahmen der feierlichen Wiedereröffnung des Stephansdoms - es war der Sonntag nach dem Domweihfest (23. April). "Friede sei ihr erst’ Geläut!", formulierte der damalige Dompfarrer Karl Raphael Dorr unmittelbar vor dem ersten Einsatz der neuen Glocke, die seither nur an hohen Festtagen oder zu besonderen Ereignissen läutet.

Seltenes Pummerin-Läuten

Neben dem Ostersonntag kommt sie auch zum Beispiel am Pfingstsonntag und zu Fronleichnam zum Einsatz. Und natürlich beim Domweihfest am 23. April. Seit 1952 läutet die Pummerin auch zu Silvester um Mitternacht das neue Jahr ein. Und sie ist auch zu hören, wenn ein Papst gestorben beziehungsweise ein neuer gewählt worden ist. Auch die Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 wurde von der Pummerin begleitet. Nach der Ermordung von US-Präsident John F. Kennedys 1963 läutete sie ebenfalls. Der jüngste außertourliche Anlass war das weltweite ökumenische Friedensgebet für die Ukraine am 25. Februar, am Tag nach dem russischen Angriff.

Das "Herz des Stephansdoms", wie sie gern genannt wird, hat seit 1953 ein elektrisches Geläut - im Gegensatz zu den anderen elf Glocken des Festgeläutes im Südturm ist die Pummerin, die seit 1957 im Nordturm hängt, aber nicht mit dem Internet verbunden (der Grund bei den anderen Glocken ist eine Fernwartungsleitung zur Innsbrucker Glockenfirma). Deshalb war sie auch nicht vom jüngsten Hacker-Angriff Mitte März betroffen, als plötzlich um 2.11 Uhr nachts die Glocken des Steffls die Anrainer aus dem Schlaf rissen. Übrigens nicht zum ersten Mal: Vor ungefähr 20 Jahren gab es bereits einen ähnlichen Vorfall, ebenfalls mitten in der Nacht, und auch ein Blitzschlag hat einst die Glocken im Dom in Gang gesetzt.

Mehr als 20 Tonnen schwer

Mit einem Durchmesser von 3,14 Metern, einer Höhe von 2,94 Metern und einem Gewicht von 20,13 Tonnen (20,9 Tonnen mit dem Klöppel von 1740) ist die neue Pummerin die zweitgrößte freischwingende Glocke Europas nach der Petersglocke im Kölner Dom und die fünftgrößte der Welt.

Ihre Vorgängerin war etwas kleiner und hing im Südturm. Sie war 1711 aus Kanonenkugeln der Besatzer Wiens als Zeichen des Friedens und Neubeginns gegossen worden. Am 12. April 1945 fiel sie dem verheerenden Dombrand zum Opfer. Aus geborgenen Teilen dieser Vorgängerglocke und den Resten anderer zerschellter Domglocken wurde in St. Florian bei Linz die neue Domglocke gegossen. Der oberösterreichische Bildhauer Franz Forster fertigte ihre Reliefs an. Sie zeigen Motive der alten Glocke: die Belagerung Wiens, den Brand des Stephansdoms 1945 und die Muttergottes.

Bleibt die Frage, warum sie Pummerin genannt wird. Nun, ursprünglich hieß sie offiziell nach dem Stifter Josephinische Glocke, aber ihr tiefes Pumpern brachte ihr den lautmalerischen Kosenamen Pummerin ein.(kap/maz)