Ein "lauter Knacks" sei es gewesen "und auf einmal waren die Schmerzen da", erinnert sich Ute Eller-Walter an den Vorfall vom 29. November 2021 zurück. Die Endoskopie-Assistentin war von einem sedierten Patienten derart heftig gestoßen worden, dass ihr ein Wirbel brach. Weder die Gesundheitskasse noch die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) wollen die Kosten für die Operation übernehmen. Jetzt hat die 57-jährige Frau eine Klage eingereicht.

Wuchtiger Schlag

Eller-Walter arbeitet in einer Praxis für ambulante Chirurgie und Endoskopie in Penzing. Am 29. November gab es einen Routine-Eingriff, bei dem sie der Ärztin assistierte. Bei einem Patienten wurde eine Koloskopie durchgeführt. Eller-Walter sollte bei der Darmspiegelung, wie üblich, den Patienten in stabiler Seitenlage halten. "Es war ein großer, gewichtiger Patient", sagt Eller-Walter. "Er war sediert, in Tiefschlaf versetzt."

Ein Wirbel von Ute Eller-Walter musste mit Knochenzement geklebt werden. 
- © getty images / Mikkel Juul Jensen

Ein Wirbel von Ute Eller-Walter musste mit Knochenzement geklebt werden.

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Trotzdem habe der Mann "angefangen, sich richtig zu wehren". Das komme bei derartigen Eingriffen durchaus öfters vor, erklärt die Arztassistentin. "Wir hatten schon Patienten, die aus dem Bett gesprungen sind." Der Patient vom 29. November habe ruckartig mit dem Ellbogen ausgeschlagen. "Das war so wuchtig, dass ich mir total das Kreuz verdreht habe", sagt die 57-Jährige. Dann gab es den eingangs erwähnten "Knacks". "Ich dachte zuerst, es sei etwas mit einer Bandscheibe."

Dem Patienten wurde anschließend mehr vom Sedierungsmittel Propofol verabreicht und der Eingriff konnte ohne weitere Zwischenfälle abgeschlossen werden. Eller-Walter ging auch tags darauf noch arbeiten, musste aber aufgrund der starken Rückenschmerzen einsehen, dass ihre Wirbelsäule untersucht werden muss.

Am 3. Dezember des Vorjahres stellte man im Ambulatorium Döbling "eine zwischenzeitlich neu aufgetretene mutmaßlich rezente, muldenförmige Grundplattenimpression von BWK 7" fest. Der siebente Brustwirbel war gebrochen. Bei der Magnetresonanztomografie wurde zudem ein Knochenmarksödem festgestellt.

"Ich ging zum Orthopäden", sagt Eller-Walter. Der habe sie vor die Wahl gestellt, vier Monate ein Stützgerüst zu tragen oder den Wirbel mit einem operativen Eingriff zu reparieren. "Den Wirbel kann man verkleben. "Das war die beste Möglichkeit, weil der Bruch frisch war."

Das Problem: Die Spitäler waren voll. Corona-bedingt wurden keine Operationen, die nicht unbedingt notwendig waren, durchgeführt. "Ich hätte bis Juni auf einen OP-Termin warten müssen", sagt die medizinische Assistentin. "Bis dahin wäre der Wirbel komplett schief zusammengewachsen." Ihr Orthopäde empfahl ihr eine private Operation im evangelischen Krankenhaus. Teile der Kosten könne sie sich später von der Sozialversicherung wieder zurückholen.

Am 16. Dezember wurde der verletzte Wirbel erfolgreich mit Knochenzement gefestigt. Am darauffolgenden Tag konnte Eller-Walter das Spital in Währing schmerzfrei verlassen. Kopfzerbrechen sollten ihr hingegen in den Folgemonaten die Kosten von 4.500 Euro für Operation und Krankenhaus-Aufenthalt bereiten.

Die Wahlarzthilfe der Österreichischen Gesundheitskasse beschied ihr am 14. Jänner 2022: "Die von ihnen eingereichten Leistungen fallen nicht in die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung und sind daher keine Kassenleistung." Da sie sich die Verletzung bei einem Arbeitsunfall zugezogen hatte, wandte sich Eller-Walter an die AUVA.

Negativer Bescheid

Sie staunte nicht schlecht, als sie den Bescheid vom 25. März 2022 in Händen hielt. Die Leistungsabteilung der Unfallversicherungsanstalt meinte bezüglich des Wirbelbruchs: "Dieser ist Folge vorbestehender degenerativer Veränderungen im Bereich der Wirbelsäule sowie Ihrer Osteoporoseerkrankung. Eine schädigende Einwirkung von außen fand nicht statt." Damit ist für die AUVA klar, dass es sich um keinen Arbeitsunfall gehandelt habe und Eller-Walter somit "keinen Anspruch auf Leistungen aus der Unfallversicherung" habe.

"Es ist ja in der Ordination während der Arbeit passiert", sagt Eller-Walter. "Wenn das kein Arbeitsunfall ist, was dann? Das ist eine Frechheit." Der "Wiener Zeitung" liegt ein Schreiben der Ärztin, die die Koloskopie durchgeführt hat, und einer weiteren Assistentin vor, die den Vorfall bestätigen.

"Dagegen kann man eine Klage bei dem Arbeits- und Sozialgericht einreichen", sagt der Sozialrechtsexperte Alexander Pasz von der Arbeiterkammer Wien. "Mit der Klage tritt der Bescheid der AUVA außer Kraft." Das Gericht müsse einen Sachverständigen bestellen, der ein Gutachten erstellt, ob es sich tatsächlich um einen Arbeitsunfall oder schlicht um eine Verletzung bei einer "alltäglichen Tätigkeit" gehandelt hat.

Die Rechtsanwaltskanzlei Schwarz Schönherr hat sich der Sache angenommen und ihm Namen von Eller-Walter vor wenigen Tagen eine Klage beim Arbeits- und Sozialgericht Wien eingereicht. Für die Anwälte ist klar, dass der Bruch des Brustwirbelkörpers "nicht durch ein alltägliches Ereignis" eingetreten sei, sondern "ein Arbeitsunfall vorliegt und die beklagte Partei leistungspflichtig ist". Der Bruch rühre nicht von einem "Anlageschaden", sondern ganz klar von dem Schlag des sedierten (und somit schuldlosen) Patienten her. Die AUVA müsse der Patientin die "gesetzlich zustehenden Leistungen ersetzen".

Eller-Walter ärgert sich auch über den AUVA-Befund, der ihre Osteoporose als Ursache für den Bruch angibt. "Wenn das die Osteoporose war, müssten alle Krankenschwestern über 50 den Job an den Nagel hängen, weil die Verletzungsgefahr so hoch ist."