Man bringe den Spritzwein: Noch sind die wärmeren Temperaturen zwar nicht stabil, doch der Frühling ist da und mit ihm öffnen die Buschenschanken und auch jene Heurigen, die nicht ganzjährig geöffnet haben. Wer zum Einkehren zwischen Osternestersuchen, Schinkenessen und Familienbesuchen bisher kein freies Zeitfenster gefunden hat, kann sich mit der Tatsache trösten, dass die nächsten Wochen noch reichlich Optionen bieten. Denn: Mit April wurde erst der Saisonauftakt in den Betrieben eingeläutet. Und das mit gelockerten Corona-Maßnahmen sowie ausnahmsweise verlängerten Öffnungszeiten.

Normalerweise dürfen Buschenschanken lediglich von Freitag bis Sonntag öffnen. Doch um die corona-bedingten finanziellen Rückschläge ein wenig abzufedern, gibt es nach 2021 heuer erneut eine Sonderreglung. Diese erlaubt es, die ganze Woche über zu öffnen. "Aufgrund von Corona waren und sind viele Buschenschanken ohnehin in einer schwierigen Situation", erklärte Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ). Gültig ist die Verlängerung bereits seit 1. April und läuft bis Ende Oktober 2022.

Noch sind die Temperaturen teilweise frisch, doch auch mit Jacke sitzt es sich gut im Freien. - © Stanislav Jenis
Noch sind die Temperaturen teilweise frisch, doch auch mit Jacke sitzt es sich gut im Freien. - © Stanislav Jenis

Dabei könnte das Leben vieler Heurigen- und Buschenschank-Betreiber mit dem im März eingeführten flächendeckenden Parkpickerl-System in Wien noch zusätzlich erschwert werden. Dieses bringt Kurzparkzonen mit sich, die zuvor in den meisten Heurigengegenden noch nicht gültig waren. Das bereitet auch Stefan Fuchs (Weingut Fuchs-Steinklammer) vom gleichnamigen Heurigen in Liesing Kopfzerbrechen. "Zusätzlich zur Tatsache, dass unsere Gäste auf Grund der Corona-Pandemie noch immer vorsichtig sind, sind die neuen Kurzparkzonen definitiv ein zu berücksichtigender Faktor in unserem Betrieb." "Dabei sollte die Anreise mit dem Auto zum Heurigen wohl ohnehin überdacht werden", fügt der Winzer schmunzelnd hinzu.

Ausg’steckt is

Dennoch können die für Wein prädestinierten Bezirksteile wie Stammersdorf, Neustift am Walde, Grinzing, Ottakring & Co in den kommenden Wochen wohl wieder eine höhere Frequenz an Besucherströmen erwarten. Für die meisten Wiener Buschenschank-Betriebe war bereits mit Beginn April Saisonstart, der Großteil zieht spätestens Ende April nach. Die Heurigen in Wien haben hingegen in der Regel ganzjährig geöffnet. Zu erkennen ist die Öffnung traditionell am "ausg‘steckten" buschigen Ast.

Doch: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Buschenschank und Heurigen? Und gibt es in Wien überhaupt Buschenschanken oder sagt man in der Hauptstadt generell zu diesen Einrichtungen "Heuriger"?

Buschenschank vs. Heuriger

Wien hält beides bereit. Man muss aber differenzieren. Während das Gastronomieangebot von Heurigen auch warme Gerichte vorsieht, beschränkt sich das Sortiment in Buschenschanken rein auf kalte Speisen, die aus der eigenen Produktion stammen müssen. Ähnlich verhält sich das bei den Getränken. Heurigen ist es erlaubt, zugekaufte Ware zu offerieren, sodass der Gast neben Soda und Wein auch zwischen Cola, Frucade, Kracherl und Bier wählen kann. Bei der Buschenschank ist das anders. Dort dürfen rein saisonal begrenzte und selbst produzierte Getränke wie Most und Wein serviert werden.

Fritz Wieninger, Winzer vom gleichnamigen Wiener Weingut und Buschenschank-Betreiber am Nussberg, blickt jedenfalls mit Freude der anstehenden Buschenschank-Saison entgegen: "Die Wiener sehnen sich den Frühling nach den Wintermonaten und vielen Lockdowns quasi herbei. In den Weingärten eine Brettljause und ein Glas Wiener Wein zu genießen, ist in dieser Jahreszeit für viele fast obligat."

Auch der Winzer Stefan Fuchs teilt diese Vorfreude. So berichtet er zwar von noch verhaltenen Gästezahlen unter der Woche, zum Wochenende ändert sich dies aber. Mit den steigenden Temperaturen und sinkenden Corona-Fallzahlen erhofft er sich eine Rückkehr zur kontinuierlichen Gästeauslastung.

Wiener Wein

Wien ist Hauptstadt, Großstadt, aber auch Weinstadt. "Der Wiener Wein, die Heurigen und die Buschenschanken gehören zum Lebensgefühl unserer Stadt", sagt Umweltstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ). Mit rund 580 Hektar Rebfläche innerhalb der Stadtgrenzen ist Weinbau ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor in Wien. Die hügeligen Stadtgrenzen bieten sehr gute Voraussetzungen für Anbauflächen und Weinberge: Die Großlagen Bisamberg, Kahlenberg, Nussberg, Maurerberg und Laaerberg schaffen die Basis für Qualitätswein-Rebsorten. Angebaut werden dort vorwiegend Weißweine, darunter die Rebsorten Grüner Veltliner, Riesling, Weißburgunder und Chardonnay. Das Aushängeschild und der Klassiker der Wiener ist jedoch der "Wiener Gemischter Satz".

Der Gemischte Satz

Die Bezeichnung "Gemischter Satz" ist dabei ein Unikum, das sich Österreich in der EU sogar schützen hat lassen: Kein anderes Land darf seinen Wein so nennen. Der Gemischte Satz wird aus Trauben unterschiedlicher Rebsorten hergestellt, wobei diese aus einem Weingarten stammen müssen, der mindestens mit vier Qualitätsrebsorten bepflanzt ist. Diese müssen in weiterer Folge gemeinsam gelesen und verarbeitet werden. Wichtig ist zum anderen auch, dass eine Sorte dabei nicht den Anteil von 50 Prozent überschreitet, mindestens aber 10 Prozent aufweist.

Mit rund 220 Hektar nimmt der Gemischte Satz fast die Hälfte der Gesamtanbaufläche in Wien ein. 2013 hat der Wiener Gemischte Satz den DAC-Status (kontrollierte Ursprungsbezeichnung) erhalten, wodurch ein noch größerer Anker im gebietstypischen Wiener Qualitätswein gesetzt wurde. "Der Gemischte Satz ist ein echter Herkunftswein, bei dem die verschiedenen Sorten das Terroir wunderbar zur Geltung bringen und die Weine dadurch besonders eigenständig sind", resümiert Fritz Wieninger.

Aber Wien kann auch mit Rotweinen aufwarten, wie Blaufränkisch, Zweigelt und Pinot Noir. Hier sind die Wiener Winzer experimentierfreudig und erreichen bereits hohe Qualitätsstufen.

Gutes Lagerpotenzial

Doch was erwarten die Besucher heuer für Weine? Der Weinjahrgang 2021 hält durch den kühleren August und sehr sonnigen Herbst lebendige, fruchtbetonte Weine bereit. Nachdem 2021 zu Beginn mit Trockenheit zu kämpfen hatte, sorgten im weiteren Verlauf viele Regentage und hohe Niederschlagsmengen für erste Besorgnis bei heimischen Winzern. "Hin zur Endreife der Trauben waren die Bedingungen für die Lese aber perfekt", berichtet Stefan Fuchs. Das Resultat in der Flasche: vollreife Trauben, ausgeprägte Aromen, feine Säure - Eigenschaften die sich im Trinkfluss und gutem Lagerpotenzial widerspiegeln. Das Zusammenspiel aus hoher Zuckerkonzentration und vorhandener Säure sorgt für harmonische Weine.

Wie gut - oder möglicherweise auch schlecht - der Wiener Wein im Einzelfall wirklich ist, stellt man letztendlich aber am besten vor Ort fest. Wenn man in den nächsten Wochen das ein oder andere Mal zur Buschenschank oder zum Heurigen pilgert, so tut man das am besten ohne Auto.