"Die demokratische Republik Österreich ist wiederhergestellt und im Geiste der Verfassung von 1920 einzurichten." Artikel I. der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 liest sich heute wie eine Selbstverständlichkeit. Dabei fußt sie auf einem mutigen Zusammenwirken österreichischer Patrioten verschiedener Weltanschauung, die auch ordentliche Differenzen austrugen. Aber in für die Republik entscheidenden Tagen im April gelang es gemeinsam, die Gunst der Stunde zu nutzen, eine Proklamation und eine Provisorische Regierung zu schaffen.

Unterzeichnet wurde die Unabhängigkeitserklärung von den Gründungsvätern Karl Renner und Adolf Schärf (SPÖ), Leopold Kunschak (ÖVP) sowie Johann Koplenig (KPÖ). Letzterer ist der Einzige, nach dem auch nach 72 Jahren noch keine Verkehrsfläche in Wien benannt ist. Neos-Mandatare in der Brigittenau legen sich quer, und Koalitionspartner SPÖ verweist auf diesen Konflikt.

Die "Blaimschein-Villa" gehört heute der iranischen Botschaft. - © P. Vécsei
Die "Blaimschein-Villa" gehört heute der iranischen Botschaft. - © P. Vécsei

Doch zurück in die zweite April-
Hälfte 1945: Die Russen hatten den Osten Österreichs bereits befreit. Zum Entsetzen der KPÖ-Spitzen, die im Moskauer Exil an Plänen für Österreichs Wiedererrichtung gebrütet hatten, erkor Stalin den alten Staatskanzler Karl Renner für die Bildung einer künftigen Regierung aller antifaschistischen Kräfte. Stalin vertraute Renner. Die KP erfuhr dies per russischer Besatzungsmacht und fügte sich schockiert. Hatte doch 1920 sogar Lenin Renner in einer Schrift als "Lakai der Bourgeoisie" betitelt.

Die Verhandler 1945 in der Wenzgasse 2. Vorne: Adolf Schärf, Leopold Kunschak, Karl Renner, Johann Koplenig, Theodor Körner. Hinten: Ernst Fischer, Johann Böhm, Franz Honner, Georg Zimmermann, Eduard Heinl, Andreas Korp. - © Renner Museum Gloggnitz
Die Verhandler 1945 in der Wenzgasse 2. Vorne: Adolf Schärf, Leopold Kunschak, Karl Renner, Johann Koplenig, Theodor Körner. Hinten: Ernst Fischer, Johann Böhm, Franz Honner, Georg Zimmermann, Eduard Heinl, Andreas Korp. - © Renner Museum Gloggnitz

Renner bezog am 20. April die ihm zugewiesene Villa Ecke Lainzer Straße und Wenzgasse 2. Sie hatte bis 1938 dem Margarinefabrikanten Carl Blaimschein gehört, ehe ihn die "Nazis" ins Exil vertrieben. Das Haus wurde nun zentraler Ort für Verhandlungen über Unabhängigkeitserklärung und Regierungsbildung.

Karl Renner hatte fleißig vorgearbeitet. "Er hatte für jede denkbare Variante ein Papier parat", erzählt der Renner-Biograf und langjährige Leiter des Renner-Museums in Gloggnitz, Siegfried Nasko. Entsprechend trägt auch die ausführliche Proklamation samt Unabhängigkeitserklärung klar Renners Handschrift.

Die Parteien, Gewerkschaftsbund und Wiener Stadtverwaltung hatten sich bereits gebildet. Es galt, rasch eine einheitliche Regierungskonstruktion für ein gemeinsames Österreich zu schaffen. Es waren die Russen, die darauf drängten, auch die durch die Dollfuß-Diktatur von 1934 diskreditierten Christlich-Sozialen unbedingt einzubinden. Die hatten sich eben als "Österreichische Volkspartei" neu gegründet. Die Briten forcierten im April 1945 die Idee eines Donaustaates aus süddeutschen Gebieten. In Tirol bastelte der spätere Außenminister Karl Gruber (ÖVP) an einer "West-Regierung".

In der Wenzgasse nutzte man nun die Gunst der Stunde, um staatliche Einheit zu schaffen und zu demonstrieren. Diskutiert wurden allerdings bis zuletzt Personalfragen - und das durchaus auch lautstark. Historische Details dazu finden sich in Adolf Schärfs Erinnerungen und im Buch des Historikers Manfred Mugrauer "Die Politik der KPÖ in der Provisorischen Regierung Renner", im StudienVerlag.

Als der zugeeilte spätere KPÖ-"Innenminister" Franz Honner in der Uniform slowenischer Partisanen am 23. April einen martialischen Auftritt hinlegte, gab Renner seinen vorherigen Widerstand gegen die Betrauung des KP-Mannes auf. "Was habt ihr da für einen Prachtkerl", sagte er zu den KPlern. Die Einigung war perfekt. In der eben gegründeten Einheitszeitung "Neues Österreich" erschienen Proklamation und Regierungsliste am 28. April. So war der Grundstein für staatliche Einheit gelegt. In der Folge gelang es, auch die skeptischen Westmächte zur Anerkennung zu gewinnen.

Die Blaimschein-Villa kennen viele Wiener "vom Vorbeifahren". Sie ist heute in Hand der Mullahs. Nach einer Restituierung erwarb sie 1958 die Botschaft des Iran.