Während mancher seine Mama nur an besonderen Tagen wie Geburtstag, Weihnachten oder Muttertag mit Besuchen beehrt, ist für andere der tagtägliche Kontakt der Regelfall. Und das sowohl auf privater als auch auf beruflicher Ebene. Kann das funktionieren? Was sind dabei die Schwierigkeiten? Wie gelingt die Rollenverteilung? Und: Kann man sich nach Feierabend noch in die Augen schauen? Die "Wiener Zeitung" hat sich so einen Fall genauer angesehen.

Früher stand Mutter Liu noch allein in der Küche des China-Restaurants "Mama Liu & Sons" in der Gumpendorfer Straße, das für seine Hot-Pots die asiatische Variante des Fondues bekannt ist. Ihr älterer Sohn Yong unterstützte sie dabei lediglich. Aber nach einiger Zeit war klar, dass das auf Dauer so nicht funktionieren würde.

Die Vorstellungen waren zum Teil zu unterschiedlich. Die Absprache innerhalb des Teams sei nur halbwegs gut gelungen, sagt Yong Liu. Das sei neben den sprachlichen Barrieren mit weiteren Mitarbeitern und Lieferanten auch den fehlenden Führungskompetenzen zuzuschreiben gewesen. "Mama hat ja keine Ahnung, wie man Mitarbeiter führt", sagt der 37-Jährige über seine 58-jährige Mutter.

Nicht immer nachgeben

Ein Kompromiss beider Parteien musste folgen: Yong übernahm eines Tages den Küchenservice, die Leitung der Mitarbeiter und den Rundum-Blick. Um die traditionellen Herstellungsverfahren von Saucen, Fonds und die Zubereitung der Teigtascherln kümmern sich hingegen beide. Denn kein anderer beherrscht das Handwerk eben so gut wie Mutter Liu. Das Resultat: weniger Streit, weniger Hektik, mehr Entspannung für alle Beteiligten.

Wenn zwei Generationen aufeinandertreffen, liegt es auf der Hand, dass unterschiedliche Denkweisen und Meinungen gelegentlich zu Unstimmigkeiten und Konflikten führen. Wie löst man das? "Einer muss dann einfach nachgeben", erklärt Yong diplomatisch. Früher habe er immer nachgegeben, aber mittlerweile weiß er, dass das keine gute Lösung ist. "Man muss sich ja auch weiterentwickeln und zeitgemäß agieren." Heute benötige man als Gastronomiebetrieb beispielsweise Social-Media-Kanäle und Online-Auftritte. Es sei notwendig, dass man sich und sein Lokal auf unterschiedlichen Plattformen präsentiert. Das kostet alles Geld. "Das muss man den Eltern klar vermitteln, indem man ihnen gleichzeitig die Angst von Unbekanntem nimmt", so Yong.

Gleichzeitig lehrte ihn aber auch seine Mutter, auf altbewährte Prozesse zu vertrauen, auch wenn diese mit Mehrarbeit einhergehen. So wird der tägliche Gemüseeinkauf beispielsweise selbst von Mama Liu im Großhandel erledigt. Auf das besteht sie, berichtet der Gastronom. "Essen muss wertgeschätzt werden", ist das Motto der Mutter.

Eine Frage der Kultur?

Hängen der Familienzusammenhalt und die Bereitschaft zum Generationsarbeiten mit kulturellen Aspekten und Hintergründen zusammen? Laut Yong ist das weniger der Fall. Er rückt eher den wirtschaftlichen Aspekt in den Fokus.

"Wenn die Eltern investieren, will man sie unterstützen, indem man aktiv dabei ist." Man müsse den Prozess gemeinsam durchgehen, wenn man nicht scheitern möchte. Dafür sei es notwendig, alles zu geben. "Da kann man nicht nur auf der Seite stehen und zuschauen", sagt Yong klar. Würde man das tun, würde man seine Eltern im Stich lassen. Und das sei für ihn eindeutig keine Option.

"Unerwartetes gibt es immer, sowohl im Beruf als auch privat. Da ist es wichtig, dass man weiß, dass man sich aufeinander verlassen kann", so der Sohn. Recht hat er, erinnert man sich an seine eigene Teenagerphase oder den ersten Liebeskummer zurück: Selbst, wenn alles außen herum ins Wanken kam, auf Mama war immer Verlass.

10 Jahre Streit zahlen sich aus

"In manchen Situationen wünscht man sich ganz klar, nicht mit der Familie zusammenzuarbeiten." Es sei einerseits sehr schwer, weil man sich täglich sieht, was automatisch zu Auseinandersetzungen führt. Aber an anstrengenden Tagen oder bei Personalengpässen wird jedes Mal aufs Neue klar, wie wertvoll es ist, gemeinsam mit der Mutter in einem Betrieb als ein Team zu arbeiten, zieht Yong Liu Resümee.

"Jeder von uns ist zu 100 Prozent dabei. Jeder von uns will das Beste für unsere Gäste, aber auch für die Familie. Das ist unser tagtäglicher Ansporn." Das Ziel sei es, weiterhin im Restaurant das anzubieten, was sie - als Familie - bisher immer glücklich gemacht hat. Da lohnt sich auch der ein oder andere Streit. Denn davon gab es viele.

"Von 17 Jahren, die wir zusammengearbeitet haben, haben wir sicher auch zehn Jahre miteinander gestritten", lacht Yong. Aber am Ende hält das gemeinsame Ziel, das man verfolgt zusammen. Und das nicht nur beruflich, sondern auch privat. Da trifft man sich nämlich immer noch regelmäßig, wohl auch am heurigen Muttertag. Denn ist man sich ehrlich: Arbeitskollegin hin oder her, Mama ist und bleibt ja doch die Beste. Und ohne sie läuft eindeutig gar nichts.