Zwei Jahre lang sind wir zu Hause gesessen, jetzt können wir endlich wieder raus", sagt Franz P. am Flughafen während sich dutzende Pensionistinnen und Pensionisten aus Wien und dem Burgenland zum Boarding am Flughafen Wien anstellen. Das Ziel: die griechische Insel Kreta. Nach zwei langen Jahren pandemiebedingter Pause kann der Pensionistenverband Österreichs mit Seniorenreisen endlich wieder sein Frühjahrstreffen organisieren - zwar ohne dem gewohnten Begrüßungsfest mit Musik, Tanz und Folklore und dieses Mal aufgeteilt auf nur vier anstatt fünf Turnusse -, "aber wir können endlich wieder reisen und das ist die Hauptsache", sagt Gerlinde Zehetner, Geschäftsführerin vom Pensionistenverband Österreichs und Seniorenreisen zur "Wiener Zeitung."

Vier Mal eine Woche lang sind jeweils rund 1.000 von den Veranstaltern liebevoll genannten "Pensis" nach Kreta geflogen worden - aus pandemiebedingten Sicherheitsgründen an drei Ab- und Anflugtagen wöchentlich. Eine zusätzliche logistische Herausforderung, wenn man bedenkt, dass vor allem die Gäste aus den benachbarten Bundesländern von zu Hause mit Bussen abgeholt werden und ihre Koffer das nächste Mal wieder in ihren Hotelzimmern vorfinden. Die Wiener Reisegruppen treffen sich direkt am Flughafen, müssen sich aber dort um nichts mehr kümmern.

Busreiseleiterin und Gruppenreiseleiter führen durch die Gassen von Rethymno. - © Rösner
Busreiseleiterin und Gruppenreiseleiter führen durch die Gassen von Rethymno. - © Rösner

Drei inkludierte, drei fakultative Ausflüge zur Auswahl

Dazu kommen noch drei im Reisepreis inkludierte Ausflüge in den den Süden Kretas, nach Knossos und Heraklion sowie einen in die Weinbaugebiete. Und dann gibt es noch drei fakultative Ausflüge auf die Insel Spinalonga, zur Lassithi Hochebene - wo der Legende nach der Göttervater Zeus geboren worden sein soll - und in den Westen Kretas, um die Städte Chania und Rethymno zu besuchen.

Angesichts der hohen Anzahl an betagteren Menschen steht den Gästen auch rund um die Uhr ein Ärzteteam zur Verfügung, die auch Reisegruppen bei den Ausflügen begleiten. - © Rösner
Angesichts der hohen Anzahl an betagteren Menschen steht den Gästen auch rund um die Uhr ein Ärzteteam zur Verfügung, die auch Reisegruppen bei den Ausflügen begleiten. - © Rösner

"Wenn man in die Gesichter schaut, dann sieht man, wie sehr sich alle freuen, endlich wieder wegfliegen zu können. Das entschädigt auch uns für vieles - denn wir haben zwei Jahre lang trotz Kurzarbeit viel geleistet - aber ohne diese fröhlichen, dankbaren Gesichter zu sehen", so Zehetner.

Die Arbeit hat sich in den vergangenen zwei Jahren laut der Geschäftsführerin u.a. plötzlich nur noch um stundenlanges Lesen von Unterstützungsanträgen und Gesetzestexten gedreht, weil sich die während der Pandemie ständig geändert haben. Man musste Einsparungsmöglichkeiten finden, um niemanden kündigen zu müssen. Dann durfte man endlich wieder hoffen und planen, um dann letzten Endes doch wieder alles absagen zu müssen, weil der nächste Lockdown vor der Türe stand. Und man musste die Funktionäre bzw. Reisebegleiter bei Laune halten, die sozusagen das direkte Bindeglied zwischen dem Pensionistenverband und den Gästen sind. "Das laugt wesentlich mehr aus, als sich an einer Urlaubsdestination rund um die Uhr um die Pensis zu kümmern", meint Zehetner.

Die Pensionisten hatten es während der Pandemie auch nicht leicht. Viele sind alleine zu Hause gesessen und hatten kaum Kontakt zur Außenwelt. "Und rundherum sind die Leute gestorben, wir haben viele Freunde verloren in den letzten Jahren", erzählt eine Frau aus Heiligenstadt bei einer Busfahrt in den Westen der Insel, wo Strände vor dem tiefblauen Meer am Fenster vorüberziehen - mit dem noch mit Schnee bedeckten Weißen Gebirge im Hintergrund. Die Frau ist mit Freundinnen unterwegs. "Den Mann habe ich zu Hause gelassen, der traut sich noch nicht - wegen Corona. Aber ich habe das nicht mehr ausgehalten zu Hause. Endlich wieder Meer - wer weiß, wie oft ich noch die Gelegenheit dazu habe", meint sie.

"Es war nicht gerade einfach, für niemanden", sagt Zehetner. "Vor allem auch nicht für unsere Gäste, die im Vorfeld des Frühjahrstreffens sehr viel Flexibilität an den Tag legen mussten. Von unserer Seite hieß es ständig: Bitte habt’s Geduld, es ist noch nicht alles fix ausgemacht, aber bitte vertraut uns, die Reisen werden stattfinden - auch wenn wir jetzt noch nicht sagen können, ob wir am 20. oder 22. fliegen und so weiter. Wir wussten selbst nicht, was morgen passieren wird. Oft waren Aussendungen an unsere Mitglieder nach kurzer Zeit wieder obsolet. Und unsere Gäste sind leider nicht so online-affin, dass sie jeden Tag auf die Homepage schauen."

Pensionistenverband mit mehr als 300.000 Mitgliedern

Man musste sozusagen auf kurze Sicht arbeiten und vertrauensbildend kommunizieren, wobei natürlich die Landesorganisationen eine besondere Rolle spielten. Denn ohne diese Struktur - der der SPÖ nahestehende Pensionistenverband Österreichs hat mehr als 300.000 Mitglieder und das längst nicht mehr nur aus den eigenen Reihen - wäre eine Flugreise mit fast 5.000 Menschen zu einer Destination innerhalb von vier Wochen nach einer Pandemie nicht möglich. Tatsächlich gibt es derzeit kaum einen Reisenanbieter, der so ein Vorhaben zustande bringt. Denn das Risiko, in so einer unsicheren Zeit Flüge zu organisieren, Verträge mit Hotels abzuschließen, am Zielort Busreisen anzubieten, eine entsprechende Planungssicherheit zu gewährleisten usw., ist sehr groß. Vor allem wenn die Sprit- und Kerosinpreise explodieren und das Leben immer teurer wird. Gar nicht zu reden von dem Vertrauen, das die Gäste in so einer Situation in den Veranstalter setzen müssen.

Die Pandemie hat den älteren Menschen Zeit gestohlen

"Die Menschen, die einsam sind, brauchen uns als Pensionistenverband. Da geht es nicht ums Geld. Den Kindern hat die Pandemie ein Stück normale Kindheit weggenommen - den älteren Menschen Lebenszeit und soziale Kontakte. Wenn ich über 80 bin, weiß ich nicht, wie oft ich noch reisen kann, deswegen ist es so wichtig, dass das jetzt wieder möglich ist. Und ich bin so froh, darüber, dass wir es tatsächlich geschafft haben", so die Geschäftsführerin.

Im Team habe man immer mit der fixen Annahme gearbeitet, dass die geplanten Aktivitäten auch tatsächlich stattfinden, auch wenn es unwahrscheinlich erschien. Und wenn sie abgesagt werden mussten, haben wir einfach mit dem nächsten Projekt begonnen. "Das war sozusagen unser Geheimrezept." Nach den ersten Lockdowns hat man kommuniziert: "Es ist ein verrücktes Reisejahr, wir verrücken das Herbsttreffen auf das Frühjahrstreffen und machen im Mai 2021 eine Busreise nach Kroatien ans Meer. Das Frühjahrstreffen verschieben wir mit Flugreisen in den Herbst." Alles wurde dementsprechend geplant, doch dann kamen im März die Gerüchte auf, dass es wieder einen Lockdown geben wird, die berühmte "Osterruhe". Und so wurde das ins Frühjahr verrückte Herbsttreffen - dieses Mal erfolgreich - weiter in den Herbst verrückt und das Frühjahrstreffen ins heurige Frühjahr - "bis Ende Jänner 2022 haben wir nicht gewusst, ob wir fliegen", so Zehetner. Und normalerweise muss man die entsprechenden Flüge schon ein halbes Jahr vorher einkaufen und Stornoquoten entsprechend geschickt verhandeln.

"So etwas schafft man nur, wenn man sich jahrzehntelang einen guten Ruf aufgebaut hat und die richtigen Partner kennt." Und da ist es natürlich von Vorteil, wenn man entsprechende Sicherheiten vorweisen kann: Laut Fachmedien gehört Seniorenreisen österreichweit zu den Tourismusunternehmen mit den höchsten Eigenfinanzierungsquoten, viele andere Reiseveranstalter leben zum Teil auf Kredit.

Rund ein Drittel der Gäste
ist zu Hause geblieben

Jetzt ist es jedenfalls geschafft. Jetzt sind sie alle wieder da. Zumindest fast alle. Rund ein Drittel der Gäste sind zu Hause geblieben - teils noch immer aus Angst vor der Pandemie, teils wegen des Krieges in der Ukraine und der damit verbundenen Teuerung. "Es gibt viele Pensis, die sagen, sie sparen ihr Geld lieber für ihre Enkerl, anstatt Urlaub zu machen. Andere wiederum wollen es sich lieber gut gehen lassen - solange sie das noch können", erzählt ein Reisebegleiter.

Aber vorsichtig hat die Pandemie alle gemacht. In geschlossenen Räumen tragen alle ihre Masken, am Buffet werden ganz automatisch Abstände eingehalten, gesellige Runden finden nur draußen im Freien statt. Aber die Stimmung unter den Menschen ist ausgelassen und oft auch sehr emotional, wenn Abende mit griechischer Folklore die Tränendrüsen kitzeln.