Vitáme vás", ruft Thomas Frey-Materna. "Herzlich Willkommen im Hotel Post." Mitten in der Stadt am Fleischmarkt schlägt das Herz vieler Vereine und Verbände, die von Tschechen und Slowaken einst gegründet wurden und das Leben der Minderheit in der Stadt bestimmen, zu der sich heute mehr als 15.000 Menschen in Österreich zählen. Rund die Hälfte davon lebt in Wien.

Am Hotel Post sind die meisten Verbände und Vereine über eine Genossenschaft direkt oder indirekt beteiligt. Gegründet ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, waren sie einst eine große Stütze, um in der fremden Stadt anzukommen und sich schnell zu integrieren. Das Angebot an Vereinen mit tschechischen Wurzeln in Wien war und ist bis heute groß: Angefangen bei Sport- und Kulturvereinen, über eine Theatergruppe bis hin zu Wohlfahrtseinrichtungen reicht das Spektrum.

"Tschechen und Slowaken gehen gerne in Vereine, wo ihre Sprache und Kultur gepflegt wird", erzählt Thomas Frey-Materna, der nicht nur stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Hotels, sondern auch dem Sokol, dem ältesten und größten Verbands der Tschechen und Slowaken, als Vorsitzender vorsteht.

Speisen als Brückenbauer

Für Politikberater und Soziologen Kenan Güngör laufe die Integration der Tschechen gut und es sei "zu natürlichen, generationsübergreifenden Assimilierungsprozessen gekommen". Kulturelle und soziale Ähnlichkeiten zwischen den Österreichern und Tschechen würden die Integrations- und Zugehörigkeitsprozesse zudem erleichtern, stellt Güngör fest.

Allein zu Zeiten des "Eisernen Vorhangs" kamen viele aus der früheren ČSSR nach Österreich - besonders während des "Prager Frühlings" im Jahr 1968 wurde für viele Flüchtlinge Wien zur neuen Heimat.

Begegnungsstätten zwischen Jung, Alt, Wienern, Touristen und den Tschechen und Slowaken sind seit jeher die Restaurants mit böhmischer und mährischer Küche - "und die werden auch jedes Jahr mehr", freut sich Thomas Frey-Materna, der sie als eine Bereicherung sieht. Kulinarisch treffen sie den Geschmack vieler Wiener, was die langjährige Verwandtschaft zwischen den beiden Ländern unterstreicht. Das tschechische Nationalgericht Svíčková na smetan zum Beispiel, der Lendenbraten mit Rahm und Semmelknödeln, findet sich dort auf beinahe jeder Speisekarte.

Doch nicht nur die Tschechen und Slowaken - auch die Ukrainer waren an der Entwicklung der Stadt beteiligt. Einen Aufschwung erfuhr die ukrainische Gemeinde in Wien nach der Angliederung der späteren Kronländer Galiziens und der Bukowina an Österreich. Im Jahr 1862 wurde etwa die Kirchengemeinschaft zu St. Barbara gegründet. Bei der Volkszählung im Jahr 1910 gaben nur knapp 1.500 an, Ruthenisch oder Ukrainisch zu sprechen. Die Gründung der Sowjetunion führte zu einer Fluchtwelle aus der Ukraine, die die Zahl der Ukrainer sogar auf mehr als 10.000 Menschen anwachsen ließ, bevor sie Österreich wieder in Richtung anderer Länder verließen. "Vor dem Krieg in der Ukraine lebten rund 7.000 Menschen mit ukrainische Wurzeln in Wien", schätzt Niko Malovany, der ursprünglich aus Lemberg (Lwiw) stammt und seit einigen Jahren in Wien arbeitet und in Niederösterreich lebt. Dass die bisher mehr als 60.000 nach Österreich geflohenen Ukrainer in einigen Jahren jemals wieder zurückkehren werden, bezweifelt er. Denn viele hätten dort alles verloren und hoffen hier auf einen Neubeginn. Je länger der Krieg in der Heimat dauere, desto weniger wollen wieder zurückkehren, da sie nicht wissen, was sie dort erwartet.

Selbstbewusstsein wächst

Die meisten hier seien noch dazu gut ausgebildet und stehen mitten im Berufsleben: Geschäftsleute befinden sich ebenso darunter wie Studierende oder Schüler, erzählt Malovany, der die aktuelle Beziehung der Ukraine zu Europa auch mit einem Mehrfamilienhaus vergleicht, in dem Ukrainer, Tschechen, Slowaken und Österreicher in Harmonie zusammenleben. Auch hätten darin weitere Nachbarn Platz. Sich gegenseitig zu unterstützen, sei für ihn und seine Familie daher ein Gebot der Stunde.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass für Menschen, die auf der Flucht in ein anderes Land kommen, die Freundlichkeit der lokalen Bevölkerung, eine angemessene Wohnsituation, Kontakte zur eigenen Community sowie insgesamt Möglichkeiten, soziale Beziehungen aufzubauen, wichtig seien, sagt der Soziologe Christoph Reinprecht zur "Wiener Zeitung". Wie viele der aus der Ukraine geflüchteten Menschen sich dauerhaft in Wien niederlassen werden, macht er von der Entwicklung der Ukraine abhängig. "Die Struktur der Migration, aber auch das durch den Krieg noch gestärkte nationale Identitätsgefühl können als ein Hinweis auf eine starke Rückkehrorientierung gelesen werden." Insgesamt sei es aber noch viel zu früh, um Schätzungen anzustellen.

Ein Dorn in Luegers Auge

Dass die heute in Wien Schutz suchenden Ukrainer die Geschichte der Tschechen fortschreiben werden, hält Soziologe Christoph Reinprecht für unwahrscheinlich. Auch sei es heikel, Parallelen zwischen ihnen zu ziehen, da sich Flucht und Exil unterscheiden. Zuwanderung und Ansiedlung von Tschechen in Wien gehen bis ins Mittelalter zurück. Während im 19. Jahrhundert der Schwerpunkt auf einer Zuwanderung von Arbeitskräften lag, kam es 1948 und nach 1968 zu einer politisch motivierten Migration. "Was rückblickend wie freiwillige, quasi natürliche Anpassung im Zeitverlauf aussieht, war Assimilationszwang", findet der Wissenschaftler.

Besonders dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger und den Deutschnationalen waren das rege Kultur- und Vereinsleben der Tschechen immer ein Dorn im Auge. Während sich Namen wie etwa Pospisil, Navratil und Jelinek bis heute halten, haben bereits die Nachkommen der Einwanderer oft die Sprache verlernt oder wollten diese auch nicht mehr weitergeben. "Die Geschichte der tschechischen und slowakischen Zuwanderung in Wien hat sich in die Stadt zwar eingeschrieben, aber an Sichtbarkeit und Einfluss eingebüßt", erklärt der Soziologe.

Dennoch wird heute großer Wert auf den Erhalt der tschechischen Sprache und Kultur gelegt. Gleiches gelte auch für die slowakische Volksgruppe. Dazu trage auch der Schulverein Komenský bei, der heuer sein 150-jähriges Jubiläum feiert.

"Ja, es gibt heute immer mehr Menschen, die begeistert Tschechisch und Slowakisch lernen", freut sich Thomas Frey-Materna, der 1968 mit seinen Eltern von Prag nach Wien gekommen war und hier zweisprachig aufgewachsen ist. Auch lernen heutzutage sogar Kinder von rein österreichischen Familien in den Grenzregionen Niederösterreichs eine der beiden Sprachen, um sich mit den Nachbarn jenseits der Grenze verständigen zu können. Für den Sokol-Verbandsobmann bilden die Vereine nach wie vor eine ideale Basis für vielerlei Aktivitäten.