Zahlreiche hübsche Legenden ranken sich rund um die Zeremonie der Unterzeichnung des Staatsvertrages am 15. Mai 1955. Der stellte damals Österreichs komplette Freiheit wieder her.

Zumindest einer der Geschichten könnte auch die "Wiener Zeitung" aufgesessen sein. Stolz wurde 2012 in einer Türkei-Beilage berichtet: Zeitzeuge Botschafter Ludwig Steiner (1922 bis 2015), Büroleiter des Staatsvertragskanzlers Julius Raab (1891 bis 1964), habe beim Besuch im Ballsaal der türkischen Botschaft in der Prinz-Eugen-Straße zweifelsfrei den seinerzeitigen "Staatsvertragsteppich" identifiziert. Das stützte eine Version, wonach die Türkei den armen Österreichern bei der Inszenierung 1955 tatkräftig aushelfen hätte müssen. Der türkische Teppich sei 25,4 mal 14,8 Meter groß gewesen.

Eine Aufstellungsskizze aus dem Archiv der Mobilienverwaltung mit ihrem eigenen Teppich. Die Anordnung von Tisch und Stühlen belegen auch die Staatsvertragsfotos. Bundesmobiliengesellschaft - © Bundesmobiliengesellschaft
Eine Aufstellungsskizze aus dem Archiv der Mobilienverwaltung mit ihrem eigenen Teppich. Die Anordnung von Tisch und Stühlen belegen auch die Staatsvertragsfotos. Bundesmobiliengesellschaft - © Bundesmobiliengesellschaft

Beim Staatsvertragsjubiläum 2015 dementierten wir hingegen: Ein Teppich dieser Größe könne im nachgemessenen Belvedere-Saal mit 18 mal 13,5 Meter gar nicht Platz gefunden haben. Aber auch diese Darstellung war in einem Punkt wieder falsch: Denn der Teppich der Türken war gar nie so groß. Eine Nachmessung mithilfe des äußerst hilfsbereiten Botschaftspersonals am vergangenen Mittwoch bewies auch der "Wiener Zeitung": Acht mal sieben Meter hätten im Belvedere allemal Platz! Dennoch lag der türkische Teppich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht im Belvedere. Also war ordentliche Recherche angebracht, um das Rätsel des Staatsvertragsteppichs ein für allemal zu lösen.

Ein Ushan wurde 1955 aus heimischen Beständen beigestellt. Ein Lieferschein und Nachmessungen widersprechen der Legende vom türkischen Teppich. - © picturedesk / Imagno / Votava
Ein Ushan wurde 1955 aus heimischen Beständen beigestellt. Ein Lieferschein und Nachmessungen widersprechen der Legende vom türkischen Teppich. - © picturedesk / Imagno / Votava

Ein Kern von Missverständnissen liegt im berühmten Auftragsbild des Malers Robert Fuchs. Auf diesem "Wunschbild" der Zeremonie im Belvedere stimmt vieles nicht. Eitle Beamte, die gar nicht dort waren, wurden "eingebaut", andere Personen verschoben und der abgebildete Teppich lag garantiert nicht so. Das zeigen Fotos der echten Verleihungszeremonie.

Dieses Stück (Ausschnitt) wurde beim Staatsvertrag aufgelegt. Es befindet sich in Bundesbesitz. Bundesmobiliengesellschaft - © Bundesmobiliengesellschaft
Dieses Stück (Ausschnitt) wurde beim Staatsvertrag aufgelegt. Es befindet sich in Bundesbesitz. Bundesmobiliengesellschaft - © Bundesmobiliengesellschaft

Im Bundesmobiliendepot liegt ein eingerolltes Stück, das als "echter Staatsvertragsteppich" gilt. Sogar die Kopie des seinerzeitigen Leihscheins liegt der "Wiener Zeitung" vor. Der Teppich wurde 2005 im Belvedere aufgelegt, als für die 50-Jahr-Feier die komplette Einrichtung nachgestellt wurde. Er misst 9,7 mal 9,6 Meter. Ein untrügliches Indiz zugunsten dieses Teppichs ist die Art der Aufstellung der vier Unterzeichnungstische und der imperialen Lehnstühle. Deren Maße sind bekannt und die Gesamtlänge daher eindeutig berechenbar: Sieben Stühle befanden sich für die Signatare hinter den Tischen. Je einer links und rechts an den Flanken der Anordnung. Die Fotos zeigen, dass hinter den Flankenstühlen noch Platz auf dem Teppich ist. Das geht sich mit den fast 10 Metern des Teppichs der Bundesverwaltung gut aus. Weder die 7 noch die 8 Meter des türkischen Teppichs hätten aber dafür gereicht. Also ist wohl die Geschichte mit dem von der Türkei ausgeliehenen Teppich endgültig ins Reich gut gemeinter Legenden und Irrtümer zu verweisen. Der Dankbarkeit tut das keinen Abbruch. Nur weil man der Botschaft jederzeit solche Hilfe und freundlichen Beistand zutraute, konnte eine solche Anekdote der Freundschaft erst entstehen.

Robert Fuchs malte ein Bild ganz nach Wunsch der Auftraggeber. Hier ist vieles nicht richtig dargestellt. Auch der Teppich lag in Wahrheit ganz anders. Bundeskanzleramt / Andy Wenzel - © Bundeskanzleramt / Andy Wenzel
Robert Fuchs malte ein Bild ganz nach Wunsch der Auftraggeber. Hier ist vieles nicht richtig dargestellt. Auch der Teppich lag in Wahrheit ganz anders. Bundeskanzleramt / Andy Wenzel - © Bundeskanzleramt / Andy Wenzel

Paul Vécsei