Er hat zwar aufgehört als Bariton zu singen, steht aber deswegen nicht weniger im Rampenlicht: Daniel Serafin bringt als erfolgreicher Kulturmanager Wien in die USA - aber auch ins Burgenland. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt er unter anderem, wie er den Wiener Opernball in New York wienerischer gemacht hat und warum er der "Nabucco"-Premiere in der Oper am Steinbruch in ein paar Wochen gelassen entgegensieht.

"Wiener Zeitung": Seit wann gibt es eigentlich den Wiener Opernball in New York?

Daniel Serafin: Er wurde im selben Jahr wie der Opernball gegründet - nämlich 1956. Man wollte den Wiener Expats - das waren hauptsächlich im Zweiten Weltkrieg geflüchtete Juden - damit ein bisschen Heimatgefühl vermitteln. So hat man dann im Waldorf Astoria den Ballroom gemietet und dort den ersten Wiener Opernball veranstaltet.

"Das ist das, was ich will: Ich will die Menschen bewegen - auch solche, die keine Oper-Experten sind"; sagt Serafin. 
- © Philipp Hutter

"Das ist das, was ich will: Ich will die Menschen bewegen - auch solche, die keine Oper-Experten sind"; sagt Serafin.

- © Philipp Hutter

Und stimmt es, dass der Wiener Opernball in New York den Opernball in Wien überholt hat?

Ja - in New York wurde der Ball nur einmal 2021 wegen der Pandemie abgesagt. In Wien waren es schon dreimal: 1991 wegen des Krieges in Kuwait - es erschien unmoralisch zu tanzen, während andere Menschen im Krieg starben - und zweimal wegen Corona, 2021 und 2022. Das heißt, wir hatten heuer in New York den 66. Wiener Opernball, nächstes Jahr ist bereits der 67. und in Wien wird erst der 65. Opernball stattfinden.

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Sie den Ball in New York organisieren?

Ich wurde 2017 von der Präsidentin der Austrian Chamber of Commerce, Silvia Frieser gefragt, ob ich das machen will, weil ich sowohl in Österreich als auch international sehr gut vernetzt bin. Ich habe ja auch Gesang an der Juilliard School of Music in New York studiert, daher auch meine Nähe zu der Stadt. Abgesehen davon war meine Vorgängerin schon 82 Jahre alt und wollte sich verständlicherweise nach 25 Jahren zur Ruhe setzen.

War sie eine Wienerin?

Nein, sie war Amerikanerin und war nie in Österreich, aber sie kannte viele Bilder von Wien.

Das heißt, Sie haben frischen Wiener Wind nach New York gebracht?

Ich habe immer gesagt: Ich könnte nie einen Texas-Ball machen, ohne vorher in Texas gewesen zu sein. Das ist für mich nicht authentisch - und somit habe ich ein paar Sachen verändert, wobei ich aber betonen muss, dass ich das alles nicht alleine mache. Ich darf mitorganisieren, wir sind vier Personen, es ist ein fantastisches Team - ich alleine könnte das nie stemmen: Auch eine Uhr tickt erst, wenn die Zahnräder ineinandergreifen. Wer behauptet, dass er so etwas alleine schafft, dem sage ich: "Na, dann musst du aber ein Wunderkind sein".

Was haben Sie verändert?

Ich habe gleich einmal die Stars von der Metropolitan Opera geholt und damit das Level stark angehoben. Und das geht nur durch gute Kontakte, denn der Wiener Opernball in New York ist ein Charity-Ball zugunsten des Sloan Kettering Cancer Program - eine der größten US-Krebshilfen, da verdienen die Künstler, die dort auftreten, nichts.

Was ist wienerischer geworden?

Die Debütanten, die musikalische Leitung, ein eigenes Orchester, einen Zeremonienmeister von der Wiener Tanzschule Svabek - einfach mehr Wiener Touch in diesem amerikanischen Umfeld.

Und wodurch unterscheidet sich der Opernball in Wien von dem in New York?

In New ist es mehr ein Gala-Dinner, ein gediegenes Essen auf Zehner-Tischen, eine Live Auction, eine große Tanzfläche und ein Orchester - ein medial begleitetes Dinner Dance mit bis zu 600 Gästen. Es waren Arnold Schwarzenegger, George Bush, Ban Ki-moon und viele andere großartige prominente Gäste da.

Stimmen Sie sich eigentlich mit dem Wiener Opernball ab?

Es sind komplett voneinander getrennte Gefäße. Meine damaligen Versuche, hier eine Brücke zu bauen, sind an der damaligen Opernballchefin gescheitert, weil sie uns als Konkurrenz gesehen hat - aber heute lachen wir angesichts der Entfernung von 7.000 Kilometer darüber und mittlerweile versteht man sich und es herrscht ein gutes Einvernehmen, aber jeder macht sein Ding.

Eine ganz andere Frage: Sie waren ja ein nicht ganz unbekannter Bariton. Singen Sie eigentlich noch?

Nur noch privat. Es gibt so viele großartige Sängerkollegen, die besser sind als ich - mir macht es jetzt viel mehr Spaß, genau die auf die Bühne zu bringen.

Was Sie letztendlich zur Oper im Steinbruch in St. Margarethen im Burgenland gebracht hat?

Ich darf einer wunderschönen Aufgabe nachgehen als Intendant beziehungsweise künstlerischer Direktor der Oper im Steinbruch. Seit vier Jahren hab ich mit einem fantastischen Team auch einiges auf die Beine stellen können. Wie viele pandemiebedingte Pausen gab es da? Wir haben jedes Jahr mit Ausnahme von 2020 gespielt. 2019 die Zauberflöte, die Turandot musste auf 2021 verschoben werden und am 13. Juli findet die Premiere von "Nabucco" statt.

Sie haben es ihrem Vater gleich getan und sind sogar ins selbe Bundesland gegangen, um Intendant zu werden.

Das kann man nicht miteinander vergleichen. Die Oper am Steinbruch ist anders Mörbisch. Mein Herz schlägt für die Oper - das ist meine Leidenschaft. Und alles, was du authentisch machst, spüren die Menschen und das erzeugt Emotionen. Und das ist das, was ich will: Ich will die Menschen bewegen - auch solche, die keine Oper-Experten sind.

Opern sind nicht jedermanns Sache.

Das höre ich auch sehr oft - "ich würde ja gerne kommen, aber mich interessiert die Oper nicht". Dann sage ich: Die Oper im Steinbruch ist ein Gesamterlebnis. Die größte Freiluftbühne Österreichs auf 7000 Quadratmetern. Internationale Opernstars und junge Talente, ein großartiges kulinarisches Angebot, es geht um große Bilder, es geht um Faszination und Emotion - ich schwöre Ihnen, wenn Sie da wieder rausgehen, werden auch Sie fasziniert sein, denn so etwas haben sie noch nicht gesehen.

Wie schaffen Sie das?

Den Zuschauern darf keine Sekunde lang fad werden, es muss sich dauernd etwas tun. Das sind wir in unserer reizüberfluteten Gesellschaft gewöhnt. Jeder schaut alle zwei Minuten ferngesteuert in sein Handy. Bei uns jedoch sind die Menschen nach der Vorstellung darüber verwundert, dass sie das jetzt eineinhalb Stunden lang nicht getan haben.

Vermissen Sie selbst nicht Bühne - warum haben Sie aufgehört zu singen?

Es gab einen Tag vor acht Jahren, an dem mir klar wurde, dass ich meinen eigenen Ansprüchen, Anforderungen und Wünschen nicht mehr genüge. Meine Ziele lagen sehr hoch, aber ich wusste, dass ich sie nicht erreichen kann - Einsicht ist der Weg zur Erkenntnis und einen Mittelweg zu gehen, mich auf einen Kompromiss einzulassen, war für mich nicht denkbar. Abgesehen davon war das Ganze nicht mehr mit meinem Leben vereinbar.

Inwiefern?

Singen ist eine Berufung, da musst du dafür leben, dein gesamter Alltag, Disziplin und tägliches Stimmtraining deine ganze Tagesgestaltung danach ausrichten. Es ist wie beim Spitzensport, wo man immer fit sein muss. Man muss sehr asketisch leben und das wollte ich nicht mehr. Abgesehen davon war ich von 2013 bis 2017 im Vorstand des Österreichischen Musiktheaterpreises und dort haben wir Jahr für Jahr die größten Opernstars und Nachwuchstalente ausgezeichnet - und ich fand es wichtiger, diese zu fördern, als meine eigene Karriere voranzutreiben.

Wann sind Sie zufrieden?

Das schönste ist für mich, ein glückliches Publikum zu haben und nach jeder einzelnen Vorstellung zu wissen, noch mehr Menschen begeistert zu haben.