Stille. Nicht einmal das Treiben vom nahen Graben ist zu hören. Die Sonne strahlt durch die Fenster. Auf den Lesepulten im Saal stapeln sich einige Bücher und dicke Ordner. Laptops sind keine zu sehen. Hier in der Bibliothek der Barnabiten im Salvatorianerkloster in der Habsburgergasse in der Wiener City scheint die Zeit stillzustehen. Wer diesen Ort betritt, fühlt sich um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt. Rund 6.500 Bücher befinden sich hier. Hinzu kommen noch etliche Schriften. Als stumme Zeitzeugen erzählen sie viel über die Geschichte der Orden der Barnabiten und Salvatorianer in Wien, die das Leben der Stadt über Jahrhunderte prägten.

Archive und Bibliotheken werden von Experten auch gerne als das geistiges Erbe eines Landes bezeichnet. Mehr als 1300 öffentliche Bibliotheken gibt es in Österreich. "Diese sind wichtige Orte der Begegnung, des kollaborativen Lernens und der Kulturvermittlung", sagt Maria Seissl, Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB). "Sie werden schmerzlich vermisst, wenn sie nicht zugänglich sind, wie wir in den diversen Lockdowns der Corona-Pandemie erfahren mussten."

Bibliothekarin Seissl spricht von "Gedächtnisinstitutionen". - © Erben
Bibliothekarin Seissl spricht von "Gedächtnisinstitutionen". - © Erben

Die Mindeststandards von Bibliotheken orientieren sich an folgenden Hauptaufgaben: dem gezielten Sammeln, dem Erschließen, Katalogisieren und Dokumentieren sowie dem in der Regel kostenlosen Zugänglichmachen von Literatur, Daten und Informationen. Für Maria Seissl sind sie zudem "Gedächtnisinstitutionen" und spielen bei der Erhaltung von Kulturgut eine wichtige Rolle. Besonders in den barocken Klosterbibliotheken schlummern unschätzbare Werte, so die Bibliothekarin im Gespräch.

Ein barockes Kleinod

"Kommen Sie. Ich zeige Ihnen unsere Schätze", strahlt Peter van Meijl, Ordenshistoriker und Provinzarchivar der Salvatorianer, der die Bibliothek der Barnabiten seit vielen Jahren betreut. Gelegen über dem Sommerrefektorium, beeindruckt sie durch ihre hochbarocke Malerei. Ihre Saaldecke ist in drei Mittelfelder gegliedert und stellt die Apotheosen der heiligen Alexander Sauli, Paulus und Franz Xaver dar. In den Fensternischen sind Allegorien der Wissenschaft und der Künste zu sehen. Bücherschränke aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stehen an den Wänden. Fertiggestellt wurde der barocke Bau mit einem Großteil des heutigen Kollegs im Jahr 1710.

Flucht aus der Stadt

Im Jahr 1923 mussten der Barnabitenorden Stadt und Land verlassen, da er hohe Schulden hatte. Das Barnabitenkloster in der Habsburgergasse, in der Barnabitengasse in Mariahilf sowie weitere Niederlassungen in Wien und Niederösterreich wurden von der Ordensgemeinschaft der Salvatorianer übernommen. "Im Paket enthalten war auch die Bibliothek", erzählt der Pater, der von 2002 bis 2016 Pfarrer von St. Michael war. Jedoch mussten von den Barnabiten einige Bestände wie Handschriften der Bibliothek verkauft werden - so auch an eine Bibliothek in London, wo sie sich nun befinden. Der wertvollste Teil - darunter Inkunabeln und grafische Werke - soll Graf Oswald von Seilern erworben haben. "Doch nicht alles ging damals verloren", räumt Peter van Meijl ein. Das Meiste blieb in der Habsburgergasse.

"Unsere Bibliothek ist etwas für das Auge", findet Peter van Meijl, der ursprünglich aus den Niederlanden stammt und seit Jahrzehnten in Wien lebt. Es gebe zwar Kataloge, aber die Nummern auf den Büchern stimmen nicht mit der Inventarisierung der Bibliothek überein. Noch bis vor 40 Jahren lagen viele Bücher zerstreut im Raum oder am Boden des Saals. Niemand interessierte sich dafür. Erst van Meijls Vorgänger ordnete und strukturierte die Bestände, damit der Ort wieder zu einer "Schaubibliothek" wird, was heißt, dass sie nur besichtigt, jedoch nichts entliehen werden kann. Trotzdem sei das Interesse groß. Oft seien es kleine Gruppen, die er durch das Kloster und die Bibliothek führe und ihnen die Schönheiten versucht näherzubringen.

"Ich zeige den Besuchern aber nicht nur den Raum und die Decke, sondern auch die Leichenreden aus dem 19. Jahrhundert", erzählt Ordensmann van Meijl. Vorsichtig nimmt er ein Buch aus einem Regal, dessen Boden sich bereits leicht nach unten wölbt. Ob es sich dabei um eines aus der Zeit der Barnabiten oder Salvatorianer handelt, könne er nicht sagen, bevor er es nicht durchgeblättert hat. "Das sind gedruckte Predigthefte von den Barnabiten", ruft der 75-Jährige begeistert. Dabei handelt es sich um Predigten, die aus dem Leben des Verstorbenen erzählt, der in der Öffentlichkeit eine bestimmte kirchliche oder politische Funktion in der Stadt oder Region bekleidete. "Die Schubladen sind voll damit", fügt er hinzu und legt das Predigtheft wieder hinein. Wie viele sich darin insgesamt befinden, könne er nicht sagen. Wissenschaftlich erforscht wurden sie bisher noch nie. Auch ist unbekannt, ob zu jeder Beerdigung in der Gruft auch eine Leichenrede gehalten wurde.

Gut versteckt

Doch nicht nur in den Schubladen - auch hinter der ersten Buchreihe in den Regalen finden sich Besonderheiten: Dort wurden zuletzt etwa Nachlässe von Salvatorianern gefunden. "Es war ein gutes Versteck, um sie so vor Zugriffen zu bewahren", erklärt Karin Mayer, Leiterin des Bereichs Kultur und Dokumentation der Ordensgemeinschaften Österreich. Für sie ist die "gewachsene Bibliothek" im Kloster etwas Großartiges. Einzigartig sei es, dass eine Ordensgemeinschaft die Bestände einer früheren pflegt, die es in Österreich nicht mehr gibt. So bleibe dieses Gedächtnis erhalten.

Aber nicht nur in der rund 180 Quadratmeter großen Bibliothek entdecke er so manche Schätze aus der Vergangenheit - auch im Depositorium, einem Abstellraum, der sich darüber befindet. "Ich versuche, die Bibliothek zu verstehen und zu erfahren, welche Bestände barnabitischen und welche salvatorianischen Ursprungs sind."

Stempel der Vergangenheit

Feuchtigkeit oder Bücherwürmer machen ihnen aber nicht zu schaffen, meint Bibliothekar van Meijl. Doch wie kann er die unterschiedlichen Bestände voneinander unterscheiden, wollen wir von ihm wissen? "Das ist anhand deren Entstehungszeit möglich", erklärt er und zeigt auf einen Stempel, der sich in jedem Predigtheft befindet.

Kirchenglocken sind zu hören. Die Sonnenstrahlen ziehen sich aus der Bibliothek zurück. Jede Woche verbringt Peter van Meijl viele Stunden in der alten Bibliothek. Auf die Uhr schaue er dabei kaum. Stolz sei er auf die "Schatzkammer", in der er immer wieder auf Besonderheiten stoße. "Meine Aufgabe ist es, dass hier alles so bleibt und fachgerecht verwaltet wird, damit ja nichts verfällt", sagt der Pater abschließend und wirft noch einen Blick in den Saal, bevor er die alte Holztüre wieder versperrt. "Vor allem, um die Bibliothek und die Bestände für die Nachwelt zu erhalten."

Die Barnabiten-Bibliothek im Michaelskloster ist privat und öffentlich nicht zugänglich. Nur im Rahmen von Führungen kann sie besichtigt werden. Anmeldungen sind im Pfarrbüro von St. Michael möglich. Mehr unter www.michaelerkirche.at.