Es handelt sich um wertvolles Gut. Dennoch gibt es wohl kaum Menschen, die diesen Schatz heben, diese Lebenserfahrung machen wollen. Der Schatz heißt Obdachlosigkeit, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit. Und er ist dann eine Preziose, wenn Menschen, die einst diese schwerwiegenden Erfahrungen gesammelt haben, diese mit jenen teilen, die jetzt in einer solch prekären Situation leben und kein Licht am Ende des Tunnels sehen.

Unter dem Titel "exPEERience 2022" veranstaltete das Wiener Neunerhaus Donnerstagnachmittag den Fachtag der Peer-Arbeit. Der englische Begriff Peer bezeichnet ehemals betroffene Menschen, die ihr Wissen an andere weitergeben. Experten qua Lebenserfahrung, die den Teufelskreis durchbrochen und nebst einem Dach über dem Kopf auch Perspektive durch Arbeit haben. "Ich war auch dort, wo du jetzt bist", fasst Barbara Berner, Leiterin des Peer-Campus Neunerhaus, das Credo zusammen.

Brückenbauer

"Wohnungslose haben oft Probleme mit Behörden. Sie haben oft schlechte Erfahrungen gemacht", sagt Elisabeth Hammer, Geschäftsführerin Neunerhaus. "Peers können da eine besondere Brücke bauen. Sie sind die personifizierte, stellvertretende Hoffnung. Sie haben selbst die Erfahrung der Reise hinter sich, die oft lang und beschwerlich ist." Die Erfahrung der Reise von der Obdachlosigkeit zurück in ein selbständiges Leben.

Christopher, 42, ist einer, der weiß, welchen Proviant man für den Weg zurück aus den Tiefen der Obdachlosigkeit benötigt. Er gehört zu jenen, die 2019 den ersten Zertifikatskurs "Peers der Wohnungslosenhilfe" abgeschlossen haben. "Psychische Krankheit, Opiatsucht, Arbeitslosigkeit und Wohnungslosigkeit", schildert er die Situation, in die er vor Jahren sukzessive geschlittert ist. "Bedingt die Obdachlosigkeit die Sucht? Bedingt die Sucht die Obdachlosigkeit? Man weiß es nicht. Aber die Sucht hat die Obdachlosigkeit erträglich gemacht."

Wohnung zuerst

Dann zog er aus Wien zurück zu seinen Eltern in die Steiermark. "Ich wollte ihnen aber eigentlich nicht mit den zehn Jahren meines Lebens unter die Augen treten." Christopher wandte sich an die Suchthilfe Wien und zog ein dreimonatiges Entzugsprogramm im niederösterreichischen Ybbs durch. Erfolgreich. Via Beratungszentrum der Wohnungslosenhilfe Wien wurde er ins Programm "Housing first" aufgenommen, das besagt, dass zuerst die Wohnsituation zu lösen ist und dann andere Probleme angegangen werden. "Ich habe eine Startwohnung der Caritas bekommen", sagt Christopher. Die Kosten für die kleine Wohnung muss er selbst tragen, die Sozialarbeiter, die regelmäßig auf Besuch kommen, werden vom Fonds Soziales Wien finanziert.

Eine Sozialarbeiterin der Caritas habe ihn vor drei Jahren auf den Peer-Kurs, den das Neunerhaus organisiert, aufmerksam gemacht. "Ich habe schnell gewusst, das kann ich mir vorstellen - eine Arbeit zu bekommen, die Freude macht und sinnvoll ist." Von 50 Teilnehmern des Auswahlverfahrens hat er es gemeinsam mit 19 anderen in den Kurs geschafft, den er nach mehreren Monaten mit Zertifikat abgeschlossen hat. Ausgestattet mit theoretischem und praktischem Rüstzeug arbeitet er seither als Peer im Gesundheitszentrum Neunerhaus in der Margaretenstraße. Und er unterrichtet bereits selbst angehende Peers. Der nächste, mittlerweile sechste Kurs, beginnt im September (www.neunerhaus.at).

Auf Augenhöhe

Christopher kann Menschen, die eine Zeit durchleben, die er hinter sich hat, auf Augenhöhe begegnen. "Es wird viel Ansprache gesucht." Die Ausbildung zum Peer habe ihm "Selbstbewusstsein gegeben, am Arbeitsmarkt ein wertvolles Mitglied zu werden". Das Arbeitsmarktservice habe ihm lediglich die Perspektive "Hilfsarbeiter oder Straßenkehrer" aufgezeigt.

Wie viele andere Peers auch ist Christopher längst ein wertvolles Mitglied in der Sozialarbeit. "Betroffene, die in unseren Teams mitarbeiten, können selbst mitbestimmen, wo sich die Arbeit hinentwickelt", sagt Barbara Berner vom Neunerhaus. "Durch Austausch und Reflexion erhalten wir Vielfalt. Es gibt viele Wege aus der Wohnungslosigkeit."

Die Peer-Ausbildung durch das Neunerhaus kommt auch anderen Organisationen zugute, die sich wohnungslosen Menschen annehmen. Die 20 Personen, die pro Saison ausgebildet werden, haben eine gute Chance, auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen. "Die Nachfrage ist derzeit größer als das Angebot", sagt Geschäftsführerin Hammer. Demnächst können sich die ersten neuen Obdachlosen-Helfer des Ruhestands erfreuen. "Zwei Peers gehen bald in Pension", sagt Berner.