Das am 1. Juli 1927 in Wien geborene jüdische Mädchen Erika Polesiuk sollte als Vertriebene in Amerika unter dem späteren Ehenamen Freeman Weltruhm erlangen. Sie gilt in der Geschichte des Fachs als "Enkelin" des Urvaters der Wiener Psychoanalyse, Sigmund Freud. Das geht so: Der "Übervater" hatte sich im Laufe des Lebens (1856-1939) so mit all seinen Schülern überworfen. Theodor Reik (1888-1969), nach New York vertriebener Jude, blieb ihm treu und kann in diesem Sinn als "psychoanalytischer Sohn" gesehen werden. Der wieder coachte und förderte die Emigrantin Erika Freeman, sozusagen die "Enkelin" in dieser Reihe.

Erika Polesiuk-Padan-Freeman war 1939 unter abenteuerlichen Umständen 12-jährig alleine nach New York gelangt. Ihre Mutter, die als Hebräisch-Schülerin in Männerkleidern später als Vorbild für den Film "Yentl" mit Barbara Streisand fungierte, hatte Erikas Flucht organisiert. Sie selbst blieb alleine als jüdisches U-Boot im von den Nationalsozialisten beherrschten Wien. Tragischerweise fiel sie im März 1945 einem der letzten, großen Bombenangriffe zum Opfer. Sie ist eine der unter dem Philipphof verschütteten Bombentoten - dort, wo am heutigen Albertinaplatz das Mahnmal gegen Faschismus von Alfred Hrdlicka steht.

Erika kämpfte sich allein in einer sagenhaften Lebensgeschichte in Amerika hoch. Details sind in einer ausführlichen Laudatio in der "Wiener Zeitung" vom Freitag nachzulesen (www.wienerzeitung.at/erika-freeman).

Jedenfalls schloss sie als erste Frau das Psychologiestudium an der Columbia-University ab. Deshalb betont sie heute ihren Titel: "Dr. Erika Freeman." Den Bildenden Künstler Paul Freemann (1929 bis 1982) heiratete sie 1954. Erika hatte zahlreiche prominente Patienten, von Marylin Monroe über Marlon Brando bis zum "Stadtneurotiker" Woody Allen. Sie beriet auch berühmte Politiker, wie Israels Regierungschefin Golda Meir, "um die Welt so besser zu machen".

Ab den 1970ern war sie in nahezu jeder US-Talkshow als Psycho-Expertin zu sehen. Die bekannte österreichische Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner sagt über Freeman: "Bei Erika Freeman bewundere ich zwei Verhaltensweisen - unabhängig von der Bewältigung ihres Schicksals: Sie hat sich nicht gescheut, Politiker zu beraten - denn die brauchen das dringend, so sie nicht regelmäßig mit ethisch kompetenten Personen reflektieren, und: Sie scheute sich nicht, in Talkshows aufzutreten, was üblicherweise Kollegenhäme erzeugt. Das ist aber die optimale Form von Erwachsenenbildung, weil unvermeidbar dialektisch."

Seit 2007 kam Freeman immer öfter nach Wien. Es begann eine Aussöhnung mit der Stadt. Sie unterstützte die Gedenkaktion "Letters to the Stars" und trat als gefragte Zeitzeugin auf. Beim heurigen "Fest der Freude" auf dem Wiener Heldenplatz am 8. Mai hielt sie eine berührende Rede. Es war ihr sichtlich eine Genugtuung, heute jenen Ort anders zu besetzen, an dem einst Adolf Hitler auftrat.

Darum residiert sie seit zwei Jahren auch mit Genuss im "Hotel Imperial". Auch dort war der Diktator einst abgestiegen. Freeman, sagt mit leichtem Triumph: "Noch nie hat jemand so lange durchgehend in dem Hotel gelebt." Für eine unversicherte Amerikanerin, die keinesfalls in ein Heim will, ein leistbares Konzept. Ihre Anwesenheit bringt auch dem Hotel ausreichend lohnende Publicity.

Vor einigen Monaten habe Bürgermeister Michael Ludwig an sie einen "sehr bewegenden Brief" verfasst und die Wiederaufnahme der österreichischen Staatsbürgerschaft angeboten. Diese wurde der 95-Jährigen nun am Freitag im Rathaus feierlich wieder zugesprochen. "Das ist zu meinem 95. Geburtstag ein letzter Schritt zur Versöhnung mit dieser Stadt", sagt Freeman.

Wenn sie heute den Albertina-Platz passiert, hat sie Erinnerungen an die dort begrabene Mutter. In der Albertina hängen drei Bilder ihres verstorbenen Mannes. Jetzt hat die alte, neue, große Wienerin noch einen Wunsch, wie sie der "Wiener Zeitung" verrät: "Ein gemütliches Bankerl zum Verweilen dort." Denn das gibt es am Albertina-Platz bis jetzt noch nicht.