Die junge Frau ist offenkundig müde und hat einen guten Schlaf. Auf einem kleinen Teppich vor einem der noch geschlossenen Auskunftsbüros einer Fluglinie schläft sie auf ihrer zusammengerollten Jacke als Kopfpolster selig. Dabei geht es keine zehn Meter von ihr entfernt kurz nach vier Uhr früh an diesem Dienstagmorgen in der Schalterhalle des Terminals 1 auf dem Flughafen Wien-Schwechat schon zu wie in einem aufgescheuchten Wespennest. Nicht nur direkt vor den Schaltern zweier Billigfluglinien drängen sich Menschen Schulter an Schulter, die Menschenschlange reicht weit mehr als 50 Meter in die angrenzende Halle.

Für den freundlichen Mitarbeiter beim Info-Point gegenüber ist das Menschen-Gewurrle nichts Ungewöhnliches in der Urlaubssaison, die in Ostösterreich mit den Schulferien am vergangenen Wochenende endgültig begonnen hat. Die Leute sind reise-hungrig nach mehr als zwei Jahren Pandemie mit Einschränkungen bis hin zu Lockdowns. "Der ganz normale Wahnsinn", nennt es der gut gelaunte Mann am Auskunftsschalter.

Auch im Sommer nicht auf Vorkrisenniveau

Insgesamt 175.000 Passagiere wurden am ersten Ferienwochenende, Samstag und Sonntag, in Schwechat abgefertigt, lautet die Bilanz des Flughafen Wien auf Anfrage der "Wiener Zeitung". Das seien 80 bis 85 Prozent der Passagierzahlen vor der Corona-Krise. Diese Fluggäste seien an dem ersten großen Ferienwochenende weitgehend problemlos ohne Unregelmäßigkeiten und Wartezeiten abgewickelt worden, wird von Seiten des Flughafens betont. Auch wenn längere Warteschlangen bei den Billigfluglinien einen anderen Eindruck vermitteln mögen. Man werde auch in der heurigen Sommersaison trotz erhöhter Reiselust nicht das Vorkrisenniveau erreichen. Das waren 2019 immerhin 31,7 Millionen Passagiere im Jahr.

Eine gute Stunde später, etwas nach fünf Uhr früh, ist die junge Frau aufgewacht. Sie kommt aus Graz, ist mit dem Zug um ein Uhr in der Nacht angekommen und schlägt seither bis zu ihrem Flug, der ungefähr um 7 Uhr mit einer Billigfluglinie nach Mailand geht, die Zeit tot. Immerhin auf dem dünnen Teppich und nicht direkt auf dem harten, kalten Fliesenboden. Eine Blasenentzündung wolle sie sich nämlich nicht holen, sagt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Abgebrüht nach 32 Jahren

Auch wenn Flughafenbedienstete und Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten angesichts der vielen Fluggäste stöhnen, habe man alles im Griff, versichert eine AUA-Beschäftigte auf dem Weg zum Dienstantritt. "Nach 32 Jahren kann einen nichts mehr erschüttern", meint sie lächelnd. Allerdings, ohne Kaffee, den sie bei einer Kaffeehaus-Kette mit Filiale im Terminal 1 kauft, geht einmal gar nichts. In der Früh gebe es zunächst eine starke Welle an Reisenden, wird in der Pressestelle des Flughafens erklärt, vor allem bei den Billigfluglinien, das ebbe im Laufe des Tages ab. 

Als Vorteil erweist sich jetzt, dass der Flughafen während der Lockdowns und Einschränkungen auf Kurzarbeit für die Mitarbeiter gesetzt hat. Der Flughafen in Schwechat habe im Gegensatz zu ausländischen Destinationen kein Personal abgebaut. Dass man nur rund 80 Prozent des Personalstandes im Vergleich zur Zeit vor der Krise erreiche, liege daran, dass manche Beschäftigte von sich aus gegangen sind.

Kaffee, das ist das Betriebsmittel, das so mancher braucht, um richtig munter für den morgendlichen Dienst zu sein. Eine Polizistin trinkt den Kaffee im Mitnehmbecher noch rasch auf der Rolltreppe. Sie habe "einen 24er", ruft sie gleichsam im Vorbeischweben, also einen 24-Stunden-Dienst, während zwei männliche Kollegen schon durch den Terminal patrouillieren. Aber an sich habe man alles Griff, erklärt auch die Exekutivbeamtin.

Eine Frau, die nach Paris fliegt, ist etwas nervös wegen der vielen anderen Menschen, die sich mit ihr vor dem Schalter der französischen Fluglinie jeden halben Meter voranschiebend drängen. Ihre Sorge erweist sich aber als unbegründet. Der Flieger hebt zeitgerecht mit ihr in Richtung französische Hauptstadt ab.

"Eine herausfordernde Situation"

Im Terminal 3 bei den AUA-Schaltern ist es vergleichsweise ruhig. Für unschlüssige Personen mit Koffern stehen hilfsbereite Mitarbeiter parat. Der Andrang hier hält sich aber (noch) in Grenzen. AUA-Betriebsratschef Rene Pfister hebt aber hervor, es sei derzeit "eine sehr herausfordernde Situation, weil die Reiselust Gott sei Dank zugenommen hat". Innerhalb des Lufthansa-Konzern würden gerade die Mitarbeiter in Wien-Schwechat die beste Performance abliefern, deswegen habe es auch Lob gegeben. 

Dennoch sei die Lage angesichts des knappen Personals und der Rahmenbedingungen nach wie vor wegen des Coronavirus schwieriger als nach 09/11, dem Terroranschlag auf das World Trade Center, und der Aschewolke durch den isländischen Vulkan, die auch den Flugverkehr in Europa durcheinandergewirbelt hatte. Die besonderen Herausforderungen würden sich aufgrund der unterschiedlichen Corona-Einreisebestimmungen in den einzelnen Ländern ergeben. "Wir versuchen, dass unsere Charter alle fliegen", betont der Belegschaftsvertreter.

Auch die Warteschlange vor den beiden Billigfluglinien ist nach zwei Stunden verschwunden, aber direkt vor dem Schalter stehen noch immer Dutzende Wartende.