Emil Förster war ein renommierter und vielbeschäftigter Architekt der Ringstraßenära. Das Hotel Regina, das Polizeigebäude an der Roßauer Lände, das Dorotheum oder die Bodencreditanstalt in der Teinfaltstraße (jetzt Außenstelle der Unibibliothek) kennt man gut in Wien. Försters letzte Werke wurden auf dem AKH-Gelände errichtet. Seit Herbst 2020 fehlt eines davon. Objekt 83, die ehemalige
I. Medizinische Klinik, wurde auf Betreiben des AKH abgerissen. Einem zweiten Förster-Bau, der alten Kinderklinik, droht dasselbe Schicksal. Doch warum?

Das Bundesdenkmalamt - normalerweise strenge Hüterin des architektonischen Erbes hierzulande - wollte die beiden Försterbauten nicht unter Schutz stellen. Bereits 1987 konstatierten die Denkmalschützer, den Bauten auf dem AKH-Gelände könne keine "derartige geschichtliche, künstlerische oder sonstige kulturelle Bedeutung zugesprochen werden, die ein Verfahren nach dem Denkmalschutzgesetz rechtfertigt." Daran hält die Behörde fest. Denn "das Werk Emil von Försters wurde durch die Unterschutzstellung ausgewählter Bauten bereits dokumentiert".

Zuerst abgerissen und dann auf Wunsch des Denkmalamts wieder - mit Beton - errichtet: die Mauer des Alten AKHs in der Spitalgasse. - © Michael Schmid
Zuerst abgerissen und dann auf Wunsch des Denkmalamts wieder - mit Beton - errichtet: die Mauer des Alten AKHs in der Spitalgasse. - © Michael Schmid

Ganz anders hingegen beurteilen die Fachleute aus der Hofburg die künstlerische und kulturelle Bedeutung der Betonmauer, die das AKH gegen die Spitalgasse hin abriegelt. Die wurde - weil marode - abgebrochen und musste prompt wieder aufgebaut werden. Doch dazu später.

Wer in Wien einen Altbau loswerden möchte, braucht Genehmigungen. Das Gebäude darf weder unter Denkmalschutz noch in einer Schutzzone stehen. Bausperren oder Einwände der für das Stadtbild verantwortlichen Magistratsabteilung 19 (MA 19) können einen Abriss ebenfalls verhindern. Außerdem muss man argumentieren, "dass die Instandsetzung nur durch wirtschaftlich unzumutbare Aufwendungen bewirkt werden kann". Das wiederum ist mit passenden Gutachten zu belegen.

Manchmal benötigen solche Prozesse Zeit. Beim Objekt 83 im AKH viel Zeit, wie im Abrissbescheid der Magistratsabteilung 37 (MA 37) festgestellt wird: "Dieser Abbruch war schon seit mehr als 40 Jahren vom Krankenhausbetreiber beabsichtigt und wurde zuletzt im PD 7988 (PD = Plandokument, Anm.) berücksichtigt."

Fassadendetails wiesen auf den Nutzungszweck als Kinderklinik hin. - © Michael Schmid
Fassadendetails wiesen auf den Nutzungszweck als Kinderklinik hin. - © Michael Schmid

Die MA 19 hatte offenbar keine allzu schwerwiegenden Einwände und wenn, dann stand sie auf verlorenem Posten. "Auch wenn die MA 19 öffentliches Interesse am Erhalt eines Gebäudes bestätigt, kann die Baubehörde aufgrund ‚unzumutbarer Aufwendungen‘ Abbrüche genehmigen. Dies war bei diesem Bauwerk der Fall", heißt es von Seite der MA 19. Aber, was waren nun diese unzumutbaren Aufwendungen?

Dazu wieder ein Blick in der Abrissbescheid. Da heißt es: "Die technisch mögliche, aber kostenintensive Ertüchtigung des Objektes 83 nach heutigen Kriterien ohne die technisch erforderlichen Ausstattungen eines Krankenhausgebäudes in geometrischer, funktioneller wie fachlicher Hinsicht herstellen zu können, rechtfertigt den Abbruch von Objekt 83." Damit ist zumindest einmal klargestellt, dass die ehemalige Klinik keine Bauruine war, sondern eine technische Sanierung möglich gewesen wäre.

Klimaschutz als Sanierungsmehrwert

Peter Schubert ist ein Vertreter jener neuen Generation von Architekten, die beim Bauen auf Umwelt und Klima schauen. Der Sprecher des österreichischen Zweiges der internationalen Plattform Architects for Future verweist auf die sogenannte Graue Energie, die in den Gebäuden gespeichert ist. Dabei handelt es sich um diejenige Energiemenge, die für die Herstellung von Bestandteilen und Materialien, für Transporte, die Errichtung aber auch die Entsorgung eines Gebäudes aufgewandt werden muss. Beim Blick auf die Energiebilanz des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes sei laut Architects for Future, "jede Sanierung selbst dem Bau von Passivhäusern vorzuziehen. Nicht nur werden wertvolle und schwindende Ressourcen bei einem Abriss und Neubau verschwendet, sondern auch bedeutend mehr Energie."

Im Falle der noch stehenden ehemaligen AKH-Kinderklinik ist für Architects-Sprecher Schubert die Frage der Nachnutzung das entscheidende Kriterium. "Soll das ein Klinikgebäude sein, dann haben wir andere Maßstäbe anzulegen, als wenn hier Verwaltung, Labors oder Institute der MedUni Wien untergebracht werden." Hier müsse zuallererst eine klare Festlegung erfolgen. Bei einem Verwaltungs- oder Unigebäude wäre wohl eine Sanierung aus Gründen des Klimaschutzes durchaus ratsam. Die Wirtschaftlichkeit von Neubauten ergebe sich oftmals nur aus den zusätzlichen Flächen, die wegen geringerer Raumhöhen in derselben Kubatur untergebracht und gut verkauft oder vermietet werden können. Allerdings: "Die hohen Räume von Altbauten sind bei der Kühlung wiederum von Vorteil." Und Gebäudekühlung gewinnt laut Schubert zunehmend an Bedeutung. Jedenfalls sollte die Klimabilanz eine zentrale Rolle bei der Bauentscheidung spielen.

Unter Protest abgerissen, unter Protest aufgebaut

Klimaschutz ist allerdings bei Abbruchbegehren und Neubau-Wünschen hierzulande noch nicht relevant. So heißt es im Abrissbescheid für Försters Klinikbau im AKH: "Schließlich können aber verschiedene Funktionen und Qualitäten, die für ein modernes Krankenhaus oder Forschungsgebäude in Geometrie oder Ausstattung mit medizintechnischer Infrastruktur sowie z. B. eine Betriebsgarage, die zeitgemäß erforderlich wären, gar nicht bewerkstelligt werden."

Der Klimaschutz blieb auch beim zweiten aktuellen Abrissfall am AKH völlig unberücksichtigt. Die in die Jahre gekommene Betoneinfriedung an der Spitalgasse war nicht zuletzt wegen der Wurzeln der mächtigen alten Bäume baufällig geworden. Als Sofortmaßnahme wurden die Bäume gefällt. Sehr zum Unwillen empörter Bürger aus dem Bezirk und der Grünen. Die Mauer drohte trotzdem auf die Straße zu fallen und wurde daher abgetragen. Die Bevölkerung war zufrieden und auch die Bezirksparteien, die sich über mehr Durchlässigkeit und bessere klimatische Bedingungen am Areal freuten.

Gar nicht einverstanden hingegen war das Denkmalamt. Die Mauer - 1988 unter Schutz gestellt - musste um teures Geld wiedererrichtet werden. Aus neuem Beton. Eine Protestpetition mit 850 Unterschriften aus der Bevölkerung und selbst die Interventionsversuche der Bezirksvorsteherin Saya Ahmad blieben erfolglos. Bedauernd stellt Ahmad fest: "Nach einem runden Tisch mit allen Stakeholdern und Fraktionen, Telefonaten und einem Schreiben an den Präsidenten des BDA (Bundesdenkmalamts, Anm.) sowie den Vizekanzler Kogler, der dem BDA übersteht, hat das BDA auf die Wiederrichtung der Mauer beharrt." Mögliches Fazit: Betonmauern sind in Wien wichtiger als historische Gebäude. Oder doch nicht?

Für das noch stehende Kinderklinikgebäude Emil Försters gibt es vielleicht Hoffnung. In einer aktuellen Stellungnahme des AKH heißt es: "Weitere Abrisse historischer Bauten sind in den nächsten drei Jahren nicht geplant." Auch der MA 19 "sind derzeit keine geplanten Abbrüche bekannt". Die Chefin der Bezirks-ÖVP Elisabeth Fuchs meint sogar, "dass die Fassade erhalten bleibt und innen eine moderne Klinikeinrichtung ermöglicht wird." Sehr viel skeptischer ist Markus Landerer von der Initiative Denkmalschutz und verweist auf einen Satz des technischen Direktors des AKH, Siegfried Gierlinger, aus dem Jahr 2020: "Die eine Klinik ist nun jedenfalls Geschichte, und auch die ehemalige Kinderklinik aus dem Altbestand, die derzeit noch als Büro verwendet wird, soll abgerissen werden, wenn es nach den Plänen des AKH Wien geht."

Denkmalschutz, Klimaschutz und die Politik

Denkmalschützer Landerer indes kann sich für das Gebäude unterschiedliche neue Nutzungen vorstellen: "Hauptsache der Bau wird erhalten." Vorsichtiger äußert sich Bezirksvorsteherin Ahmad: "Politisch ist es immer eine Abwägungssache, ob Gebäude oder Mauern unter Denkmalschutz stehen sollten oder nicht. Was wir nicht wollen, ist, dass der Bezirk sich in ein Museum verwandelt. Es muss immer der Mehrwert für den Bezirk im Vordergrund stehen."

Um den Mehrwert geht es auch Ahmads Stellvertreterin von den Grünen Josefa Molitor-Ruckenbauer. Nämlich um den Klimaschutz-Mehrwert bei einer Sanierung. Sie würde "gerade unter den Aspekten Klimaschutz, CO2-Einsparung und bauökologischer Betrachtungen den Erhalt des noch bestehenden Bauteils 81 gegenüber einem weiteren neuen Betonbau im Bezirk bevorzugen."

Die technische Sanierung wäre unterm Strich möglich. Sie kostet Geld - vielleicht mehr Geld als Abriss und Neubau. Dafür würde eine Sanierung wertvolle Ressourcen sparen und den CO2-Ausstoß verringern. Was es am Ende wird, das wird die Prioritäten der zuständigen Stellen zeigen.