Übergriffe sind im Nachtleben und bei Großveranstaltungen allgegenwärtig. Nicht erst seit der publik gewordenen und breit diskutierten sexuellen Belästigung von Frauen beim Formel-1-Grand-Prix von Spielberg vor knapp zwei Wochen. Meist männliches Publikum soll zudem durch homophobe und rassistische Ausfälle auf den Tribünen der steirischen Autorennstrecke und am dortigen Campingplatz aufgefallen sein.

Dort wo viele Leute auf begrenztem Raum zusammenkommen, gibt es Reibeflächen und Spannungen: Bei Sportveranstaltungen, Festivals, in Clubs aber auch auf den Straßen und Plätzen einer Großstadt wie Wien. Hier setzt die Stadtregierung seit vergangenem Jahr unter dem Stichwort "Awareness", also Achtsamkeit, auf eine neue Strategie der Konflikt-Bewältigung im öffentlichen Raum. Heuer nimmt sich das Kollektiv "AwA_Stern" auf Wiens Straßen und Plätzen der Deeskalation brenzliger und weniger brenzliger Situationen an. Die "Wiener Zeitung" begleitete die Teams von "AwA" durch das nächtliche Wien.

Willi Hejda (r.) ist einer von 28 Mitarbeitern der Awareness-Teams, die auf Wiens öffentlichen Plätzen als Problemlöser unterwegs sind. 
- © Georg Hönigsberger

Willi Hejda (r.) ist einer von 28 Mitarbeitern der Awareness-Teams, die auf Wiens öffentlichen Plätzen als Problemlöser unterwegs sind.

- © Georg Hönigsberger

Plötzlich bedrängt

"Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Nathalie Conrad wurde bei der Recherche zu dieser Reportage ungewollt Teil der Geschichte. Sie begleitete Alina, Lare und Dora, das Awareness-Team, das in der Nacht von Freitag auf Samstag am Donaukanal unterwegs war. Von der Ferne hallte noch die Musik des Nachtlokals "Flex", als sich die vier in Richtung Salztorbrücke bewegten. Der Weg ist eher düster und schlecht ausgeleuchtet. Bei einer Treppe, die zum Donaukanal führt, wird ein kurzer Zwischenstopp eingelegt. Zwei Männer kommen auf sie zu. Sie schicken sich an, bei der Gruppe vorbeizugehen, ehe sie schlagartig ihre Richtung ändern und vor den vier Frauen stehenblieben. Einer der Männer reicht der Journalistin die Hand und stellt sich vor. Was wie ein höflicher Akt anmutet, wird im nächsten Augenblick zu einer übergriffigen Handlung. Er zieht die Reporterin an sich, drückt sie an seinen Körper und lässt ein Kompliment über ihr Aussehen folgen. "Die Situation ist so schnell entstanden, dass ich überfordert war und einfach nur das Wort ,Danke‘ herausbrachte." In dieser blitzartig und völlig unerwartet entstandenen Situation meldet sich Alina vom Awareness-Team zu Wort. Sie spricht den Mann direkt an: "Ich finde das gerade nicht okay von dir. Wir haben hier eine Unterhaltung geführt und du kommst einfach daher und reißt sie aus dem Gespräch." Die Intervention fruchtet. Der Mann lässt von weiteren Annäherungsversuchen ab, entschuldigt sich und zieht mit seinem Freund von dannen.

Die Auflösung einer spontanen Party am Wiener Karlsplatz durch die Polizei war 2021 Auslöser für die Gründung der Awareness-Teams. - © apa / Christopher Glanzl
Die Auflösung einer spontanen Party am Wiener Karlsplatz durch die Polizei war 2021 Auslöser für die Gründung der Awareness-Teams. - © apa / Christopher Glanzl

Die Lage wurde durch einfaches und unmittelbares Ansprechen des ungebührenden, übergriffigen Verhaltens beruhigt. "Ich war sehr beeindruckt, wie schnell und unkompliziert Alina die Situation mit den richtigen Worten entschärfen beziehungsweise mich aus meiner Lage befreien konnte", erinnert sich Conrad. Danach boten die drei Frauen der Reporterin an, über das Erlebte zu sprechen. Das Awareness-Team ist dazu da, während eines Vorfalls und danach Flagge zu zeigen.

Die Auflösung einer spontanen Party am Wiener Karlsplatz durch die Polizei war 2021 Auslöser für die Gründung der Awareness-Teams. - © apa / Christopher Glanzl
Die Auflösung einer spontanen Party am Wiener Karlsplatz durch die Polizei war 2021 Auslöser für die Gründung der Awareness-Teams. - © apa / Christopher Glanzl

Die mit dem Fahrrad

"Man kann solche Vorfälle nicht gänzlich verhindern", sagt AwA-Mitglied Willi Hejda wenige Stunden zuvor am Karlsplatz zum Thema Übergriffe im öffentlichen Raum. Vielmehr gehe es darum, wie man in Folge mit dieser Situation umgeht.

Weithin zu sehen: Das Lastenrad der "Special Forces" mit der violetten Fahne. - © Georg Hönigsberger
Weithin zu sehen: Das Lastenrad der "Special Forces" mit der violetten Fahne. - © Georg Hönigsberger

Im ersten Moment wirkt die Arbeit des dreiköpfigen AwA-Teams bei der Karlskirche und im Resselpark recht unspektakulär. Ein Lastenfahrrad mit auffallender violetter Fahne wird geschoben, Flyer werden verteilt. "Wir gehen aktiv auf die Leute zu und sagen: ,Kommt‘s zu uns, wenn ihr was braucht‘", sagt Caro, die mit Hejda ihre Runden dreht.

Freitagabend um 21 Uhr ist das Areal gut besucht. Aus der Karlskirche strömen Konzertgäste in Abendgarderobe, das Kaleidoskop-Kino auf der anderen Seite des Teiches bietet die Wien-Premiere des gesellschaftskritischen in Haiti gedrehten Films "Freda" und darf sich über viele Cineasten freuen. Rund um den Brunnen sind es meist Erwachsene und junge Erwachsene, die sich Bier aus der Dose gönnen und mit Freunden den lauen Abend im Freien genießen. Eine murmelnde Geräuschkulisse liegt über dem Platz. Hier zeigt ein Jugendlicher seine Skateboardkünste, dort springt ein junger Mann mit seinem Rad auf und über die Sitzgelegenheiten am Platz. Etwas weiter abseits unter Bäumen sitzen Burschen mit ihren Smartphones und Lautsprechern aus denen Hip-Hop-Musik dröhnt. Alles in allem wirkt der Karlsplatz an diesem frühen Freitagabend relativ beschaulich.

Die Nacht der Eskalation

Dabei war es der Karlsplatz, der im Juni 2021 wegen einer nächtlichen Party in die Schlagzeilen geraten war. Tausende Jugendliche und junge Erwachsene, des Eingesperrt-Seins in Pandemie-Zeiten überdrüssig, haben sich zu einer Party eingefunden. Laute Musik wurd gespielt, es wurd getanzt und gesungen. Dann kam die Polizei - offiziell wegen "drohender Sachbeschädigung und anderen strafbaren Handlungen". Gegen 1 Uhr Früh versuchte ein Polizeikordon, die Jugendlichen mit Schildern und Pfefferspray abzudrängen. Glasflaschen flogen auf die Einsatzkräfte. Eine Beamtin erlitt eine Gehirnerschütterung. Die Polizei rief ein Platzverbot für den Karlsplatz aus, das bald darauf wieder aufgehoben wurde.

Empörung machte sich breit, die Polizei verteidigte ihre Position als Partycrasher und die Wiener Politik reagierte. Die Stadtregierung berief eilends einen runden Tisch mit Experten ein, um zu klären, wie man das Konfliktpotenzial zwischen feiernden Jugendlichen im öffentlichen Raum und dem Ruhebedürfnis von Anrainern in den Griff bekommt. Fazit: Das AwA-Kollektiv wurde beauftragt, an sieben Wochenenden im Sommer 2021 die Lage auf nächtens stark besuchten öffentlichen Orten auszuloten und kalmierend einzugreifen, wo Hilfe benötigt wird.

Das Projekt griff. Anfang Juni dieses Jahres verkündete der zuständige Stadtrat, Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (Neos), die Awareness-Teams als "Special Forces" erneut auf den öffentlichen Plätzen einsetzen zu wollen. Diesmal drei Monate lang. "Im Sinne des Credos ‚Informieren statt strafen‘ ist es mir wichtig, dass die Awareness-Teams zwischen den Menschen und ihren vielfältigen Interessen vermitteln und deeskalierend in Konfliktsituation wirken. Denn Wien ist eine Stadt des Miteinanders und wir wollen dieses Miteinander so gestalten, dass alle ihre Abende im öffentlichen Raum genießen können", sagte Wiederkehr bei der Präsentation des Projektes.

Seit 23. Juni sind die vier Awareness-Teams wieder an Freitagen, Samstagen und vor Feiertagen von 19 Uhr bis 4 Uhr Früh am Karlsplatz, am Donaukanal, am Yppenplatz und rund um den Ring mit ihren Lastenrädern aktiv.

Der Polizei-Einsatz am Karlsplatz und rigorose Personen-Kontrollen in Pandemie-Hoch-Zeiten haben ihre Spuren hinterlassen. "Gerade Jugendliche haben seit Corona das Problem, dass sie die Polizei nur mehr als strafendes Organ wahrnehmen", sagt Willi Hejda. Er und seine Kollegen versuchen hingegen, mit den jungen Menschen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten, "auf Augenhöhe zu kommunizieren". "Wir sind normale Menschen ohne Autoritätsposition", ergänzt seine Kollegin Caro. Das senke die Hemmschwelle, sich im Fall des Falles bei den Streetworkern Hilfe und Unterstützung zu holen. Vor allem bei Betroffenen von Gewalterfahrung oder sexualisierten Übergriffen sei es notwendig, ihnen zur Seite zu stehen, zuzuhören, weitere Hilfe anzubieten und - wenn gewünscht - Polizei, Rettung oder andere Institutionen einzuschalten. Die Teams müssen nicht persönlich aufgesucht werden. Unter der Telefonnummer 0677/64100205 steht immer ein Ansprechpartner zur Verfügung.

Das Gewaltproblem

Es seien "sehr unterschiedliche Anliegen", sagt Hejda, mit denen die jungen Leute auf die AwA-Teams zukämen. "Oft sind es akute Krisensituationen, etwa Probleme im Elternhaus", die verzweifelte Jugendliche bei den Mitarbeitern des Kollektivs loswerden wollen. Kritisch wird es, wenn es "zu Streit zwischen verschiedenen Gruppen kommt", erklärt Hejda. "Wir hatten dieses Jahr schon Gewaltvorfälle."

Vier Mal musste in den vergangenen Wochen im Zusammenhang mit schweren Körperverletzungen interveniert werden, zwanzig Mal wurden die AwA-Mitarbeiter in diesem Zeitraum wegen rassistischer, sexualisierter oder homophober Gewalt zu Hilfe gerufen, haben interveniert und die Betroffenen unterstützt.

Werden die drei- bis vierköpfigen Teams Zeugen von Rangeleien, sei es wichtig, "Distanz zu wahren und ruhig zu bleiben", sagt Hejda. Oft genüge ein laut gerufenes "Stopp", um die Streithähne zur Räson zu bringen. Der grell leuchtende Strahl einer Taschenlampe auf die Rangler habe sich auch als probates Mittel zur Deeskalation bewährt. Oder das AwA-Team bindet den anwesenden Freundeskreis der Kontrahenten ein, um den Konflikt zu kalmieren. Das funktioniere in den meisten Fällen sehr gut. "Es hat ja niemand Bock auf Stress", sagt Hejda. "Die sind ja zum Abhängen oder zum Feiern hier und suchen keinen Streit." Die Polizei um Hilfe zu rufen, käme nur "in äußerst seltenen Situationen" vor.

Meistens Männer

Hauptaggressoren sind üblicherweise Männer. Sexualisierte Übergriffe hören zudem "bei keiner Altersgruppe auf". Ob es Bevölkerungsgruppen gibt, die besonders Herausstechen? Hejda: "Depperte Wiener gibt es in allen Bevölkerungsgruppen."

Im Lastenfahrrad mit der violetten Fahne mit dabei sind Erste-Hilfe-Koffer, Trinkwasser, FFP-2-Masken, Hygiene-Artikel für Frauen, Kondome und Müllsäcke. Wasser ist ein bedeutendes Utensil. 550 Liter wurden an den bisherigen vier Wochenenden verteilt. "Wenn einer aus dem Freundeskreis einen über den Durst getrunken hat, werden wir oft gefragt, ob wir Wasser haben", erklärt Hejda.

Gerade am Donaukanal käme es oft vor, dass die Rettung kommen müsse, "weil Menschen verschiedene Dinge zu viel konsumieren". Am vergangenen Wochenende war dies laut Wiener Berufsrettung einmal der Fall. Ein 17-jähriges Mädchen musste mit Verdacht auf Alkoholvergiftung von den Einsatzkräften versorgt werden. Oft helfe es aber auch, einem schwer Alkoholisierten Wasser zu geben, "und eine halbe Stunde bei der Person zu bleiben", wie Hejda sagt. Ist der Betroffene halbwegs ausgenüchtert, könne er meist seinen Freunden für den Heimweg anvertraut werden.

Das vergangene Wochenende war gesamt gesehen vergleichsweise ruhig. Wohl auch, weil die Temperaturen nach Mitternacht in den Keller rasselten. "Ab 2 Uhr war auf den öffentlichen Plätzen nicht mehr viel los." Das wird an diesem Wochenende vermutlich anders sein. "Es soll heiß bleiben", sagt Hejda, "da wird in der Nacht mega-viel los sein."

Die AwA-Mitarbeiter gehören schon ein wenig zum Inventar der öffentlichen Party-Hotspots. Von manchen werden sie schon von weitem begrüßt wie alte Bekannte. Fragt man auf den Plätzen nach den Awareness-Teams, erntet man zunächst oft Schulterzucken, ehe ein erhellendes "Ah, die mit dem Radl" nachgeschoben wird. Man kennt die Helfer mittlerweile.

Was es in Bars, Clubs und bei Veranstaltungen gibt, fehlt im öffentlichen Raum völlig: Das Personal, das im Notfall einschreiten kann, wenn Grenzen überschritten werden. Diese Funktion übernehmen die Awareness-Teams. Der einzige Haken, wie Hejda erklärt: "In einer Location kann ich Menschen, die sich schlecht benehmen, vor die Tür stellen. Diese Leute sind dann halt auf öffentlichen Plätzen. Und wir haben keine Tür vor die wir sie stellen können."

Teil der Stadtkultur

Die Arbeit bis 4 Uhr Früh sei sehr anstrengend und fordernd aber notwendig. Hejda: "Um diese Tageszeit ist ja sonst kaum wer aus sozialen Einrichtungen auf den Straßen." Das Treffen von Freunden auf das eine oder andere Bier auf öffentlichen Plätzen sieht Hejda als "Teil der Stadtkultur". "Der öffentliche Raum wird auch in der Nacht genutzt." Für ihn selbst sei der Raum durch die Tätigkeit "lebendiger" geworden. "Die Plätze werden sehr divers genutzt." Der Awareness-Experte glaubt, dass die nächtliche Nutzung von Donaukanal und Co. weiter zunehmen wird. "Die Städte werden immer wärmer und die Leute können es sich nicht mehr leisten in Clubs zu gehen."

Aufräumen möchte er mit dem "medial verbreiteten Bild, dass Jugendliche Lärm machen und ihnen egal ist, ob sie andere damit belästigen". Das stimme so nicht. Er selbst treffe öfters Jugendliche, die erstaunt sind, dass in den Gebäuden am Karlsplatz Leute wohnen. "Denen sagt man, sie sollen rüber zur technischen Universität gehen, wo sie niemanden stören. Das machen sie dann auch."

Hejda sieht Wien als Vorbild, was die Awareness-Arbeit, die ursprünglich in Clubs und Nachtlokalen entstanden war, betrifft. Die Teams machen nach jeder Schicht Berichte und stellen Statistiken über ihre Einsätze zusammen. Mit den Verantwortlichen der Stadt sei man regelmäßig in Kontakt. Bei den Gesprächen "weisen wir regelmäßig auf Problemlösungen hin", sagt Hejda. Er würde es begrüßen, wenn die Teams künftig "in der gesamten warmen Jahreszeit" in Wien unterwegs sein könnten. Auch international findet das im Vorjahr entstandene Projekt Beachtung. So steht man in Kontakt mit der sächsischen Stadt Leipzig, die ein ähnliches Programm starten will.