Die mediale Aufmerksamkeit war von Beginn an gegeben. In der Berichterstattung über die 26 im Jahr 2021 verübten Frauenmorde nimmt der "Mordfall Leonie" einen Sonderstatus ein: ein minderjähriges Opfer, Flüchtlinge, Suchtgift, Vergewaltigung und Tod. Das 13-jährige Mädchen Leonie soll in der Nacht auf 26. Juni 2021 von Asylwerbern aus Afghanistan unter Drogen gesetzt und vergewaltigt worden sein. Sie verstarb an Ersticken, wie die gerichtlich angeordnete Obduktion ergab. Die Überdosis Ecstasy war ebenfalls in tödlicher Höhe verabreicht worden.

Noch steht der Prozess-Termin gegen drei der ursprünglich vier Verdächtigen nicht fest. Nach Veröffentlichung der Anklageschrift Mitte Juli gehen aber die beteiligten Anwälte davon aus, dass es im September so weit sein wird.

Wettlauf im TV

Bereits zwei Wochen nach dem Martyrium der 13-Jährigen begann der juristische Wettlauf um die Deutungshoheit in der Öffentlichkeit. So konnte der Rechtsvertreter eines der Angeklagten im österreichischen Privat-TV behaupten, dass Leonie und sein Mandant "einvernehmlichen Sex" gehabt hätten und "Zeitungsberichte, die über Vergewaltigung und Mord sprechen, unwahr" seien. Die Staatsanwaltschaft Wien sieht dies - zumindest im Fall der Vergewaltigung - konträr.

Seine prominente Berufskollegin Astrid Wagner schaffte es mit der Schwester eines der Angeklagten in eine Talk-Sendung eines anderen privaten Senders und konnte dort über das schwere Schicksal ihres Mandanten und dessen Traumatisierung in Folge der Kriegserlebnisse in seiner Heimat ausführlich berichten.

Auch die Mutter eines Verdächtigen durfte in zwei Tageszeitungen ihr Leid klagen und verbreiten, dass ihr Sohn und der verstorbene Teenager ein Liebespaar gewesen seien. Auch hier glaubt die Staatsanwaltschaft, beweisen zu können, dass dies nicht der Fall war.

Aber auch die Anwälte der Gegenseite, die die Hinterbliebenen von Leonie vertreten, versuchen seit etwa einem Jahr, der medialen Öffentlichkeit ihre Sicht der Dinge näherzubringen. So auch am Dienstag, bei einer Pressekonferenz in der Josefstadt.

"Wir haben diesen Schritt bewusst gesetzt", sagt Anwalt Johannes Öhlböck, der Leonies Geschwister vertritt, über den Medientermin . Die Familie des Opfers werde nach medialen Auftritten der Gegenseite immer wieder auf deren relativierende Aussagen angesprochen. Damit nicht nur der Spin der Verteidiger in den Zeitungen Platz finde, müsse man seitens der Opfervertreter versuchen, "objektiviert die Öffentlichkeit zu informieren". Kritik übt Öhlböck an der Staatsanwaltschaft Wien: "Es kann nicht sein, dass der Inhalt der Anklageschrift schon in der Zeitung steht, bevor wir als Vertreter der Opfer die Anklageschrift bekommen haben."

Die Staatsanwaltschaft hat die drei afghanischen Staatsbürger wegen des Verbrechens der Vergewaltigung und des schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen angeklagt. Für Öhlböck und seinen Kollegen Florian Höllwarth (er vertritt Leonies Eltern) geht dies nicht weit genug. "Unser Ziel ist es, dass die Befragung der Angeklagten in die Richtung geht, dass die Staatsanwaltschaft veranlasst wird, die Anklage auf Mord auszudehnen", sagt Höllwarth.

Die beiden Anwälte sehen mit Blick auf die Vergangenheit von zwei der drei mutmaßlichen Täter eine klare Mordabsicht. Zwei waren mehrmals - auch wegen Drogendelikten - mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und dreimal verurteilt worden. "Jemand, der mit Drogen handelt, muss über die Wirkung von Ecstasy bescheid wissen", sagt Öhlböck. "Wenn er einer 13-Jährigen sieben Tabletten in ein Getränk mischt, muss er davon ausgegangen sein, dass die Mischung tödlich ist."

Die beiden Anwälte hegen auch die Hoffnung, dass die bisherige Strategie der Verteidigung nicht aufgeht. Mehr oder weniger will keiner der drei für den Tod Leonies verantwortlich sein, noch das Mädchen vergewaltigt haben. "Sie schieben sich selber den Schwarzen Peter hin und her", sagt Öhlböck.

Weiters glauben Sie, dass die Angeklagten das höchste Strafausmaß (20 Jahre bis lebenslange Haft) ausfassen werden. Die Strafe könnte auch bei einer Mordanklage nicht höher ausfallen.