In gewissem Sinne war Eduard Sueß ein Dauer-Revolutionär. In jugendlichem Ungestüm schloss sich der damals 16-Jährige im Jahr 1848 den Revolutionären an und trat der Akademischen Legion bei, was ihm eine Verurteilung vor dem Kriegsgericht einbrachte. Später revolutionierte er als Wissenschafter unsere Sicht auf die Entstehung und Zusammensetzung der Erde und schließlich ist es größtenteils dem jüdisch-stämmigen Wissenschafter zu verdanken, dass aus den Rohren der Weltstadt Wien bis heute sauberes Wasser aus den Quellen der niederösterreichisch-steirischen Kalkalpen fließt.

Die Gedenktafel für Eduard Sueß wurde am Freitag in der Afrikanergasse im 2. Bezirk enthüllt. - © Georg Hönigsberger
Die Gedenktafel für Eduard Sueß wurde am Freitag in der Afrikanergasse im 2. Bezirk enthüllt. - © Georg Hönigsberger

Mehrere Gedenkorte

Da nimmt es nicht wunder, dass dem 1914 verstorbenen Sueß eine Straße in Rudolfsheim-Fünfhaus gewidmet wurde (die ursprünglich nach seinem Bruder benannt und unter Nazi-Herrschaft umbenannt worden war). Am Schwarzenbergplatz, neben dem Hochstrahlbrunnen, steht Sueß’ Büste mit Unterbrechungen seit 1928. In der Leopoldstadt, nahe seinem Wohn- und Sterbehaus, gibt es ein Gässchen, das ebenfalls mit Sueß in Zusammenhang steht: Die Tethysgasse zwischen Praterstraße und Afrikanergasse ist nach der griechischen Meeresgöttin benannt, deren Namen der Geologe Sueß für den von ihm entdeckten erdgeschichtlichen Ozean herangezogen hatte.

Seine Büste blickt am Schwarzenbergplatz zum Hochstrahlbrunnen. 
- © Georg Hönigsberger

Seine Büste blickt am Schwarzenbergplatz zum Hochstrahlbrunnen.

- © Georg Hönigsberger

Und seit Freitag dieser Woche wird an einem weiteren Ort des genialen Wissenschafters, Universitätsprofessors und durchsetzungsfähigen Politikers gedacht. Vis-a-vis der Tethysgasse wurde eine Gedenktafel an seinem Wohn- und Sterbehaus, Afrikanergasse 9, enthüllt. Rund 50 Personen ehrten den großen Wissenschafter und Philanthropen, darunter sein Urenkel Stephen Suess, Vertreter aus Wissenschaft, Forschung, Politik und Stadtverwaltung.

Wiener Schule der Geologie

"Generell hat Sueß’ Wirken die methodische Sichtweise in den Geowissenschaften gleichsam revolutioniert: Aus der auf purer Klassifikation des Beobachteten fußenden Geognosie wurde die mit kritisch-rationaler Denkweise operierende und die historische Dimension der Erdentwicklung berücksichtigende moderne Geologie", heißt es in einem Porträt des 1831 in London Geborenen auf der Website der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Im Bereich der Methodik sei die von Sueß begründete Wiener Schule der Geologie und Paläontologie "durch die Kombination von sorgsamer Detailstudie und vergleichender Betrachtungsweise zu höchstem internationalen Ansehen gelangt".

Sueß war von 1898 bis 1911 Präsident der Akademie der Wissenschaften und für wenige Monate auch Rektor der Universität Wien. Von letzterem Posten zog er sich aber wegen ständiger Angriffe deutschnationaler, antisemitischer Studentenvereinigungen zurück.


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Widerstand

Als Erster erkannte Sueß den Zusammenhang der geologischen Beschaffenheit des Wiener Bodens und der Verunreinigung der Quellen als Hauptgrund für Seuchen im damals zur Millionenstadt heranwachsenden Wien. Gegen Widerstände aus Presse und Politik setzte sich Sueß, der auch im Wiener Gemeinderat und im niederösterreichischen Landtag saß, nach jahrelangen Entscheidungsprozessen und unterstützt von Vizebürgermeister Cajetan Felder (der später Bürgermeister wurde) durch.

Er begann mit den Planungen und dem Bau der I. Wiener Hochquellenwasserleitung, die von 1873 bis heute sauberes Wasser aus dem 90 Kilometer entfernten Rax-
Schneeberggebiet in die Bundeshauptstadt leitet. All dies in natürlichem Gefälle ohne Einsatz vom Pumpen durch Rohre und über Aquädukte, die man etwa in Baden bei Wien oder in Mödling heute noch bewundern kann. Heute ist die Leitung durch weitere Ausbauten in den vergangenen Jahrzehnten 150 Kilometer lang.

Es spricht für das populistische Talent des späteren Bürgermeisters Karl Lueger und für die Geschichtsvergessenheit der Wiener, dass der Bau der 2. Hochquellenwasserleitung in Luegers Amtszeit als die große kommunalpolitische Errungenschaft gefeiert wurde. Das Pionierwerk des Gelehrten, das heute noch rund die Hälfte des Wiener Trinkwassers liefert, ist in der Öffentlichkeit jedoch kaum mit dessen Namen verbunden. Der Antisemit Lueger gilt vielen Wienern heute noch als "Vater des sauberen Wiener Trinkwassers". Es war jedoch Sueß, der Wissenschafter mit jüdischen Vorfahren, der mit seiner Expertise und Hartnäckigkeit die Sicherung der Wiener Wasserversorgung ermöglicht, eingeleitet und gesichert hatte.

Sueß’ Werk hier zusammenfassen zu wollen, sprengt alle Grenzen. Erwähnt sei nur noch, dass er es war, der den Begriff Biosphäre prägte, den Ur-Kontinent Gondwana nannte und die Donauregulierung vorangetrieben hat.

Am Freitag wurde eine weitere Gedenktafel zu Ehren der Familie von Eduard Sueß in der Landesgerichtsstraße 12 enthüllt - zu Ehren von Sohn Franz E. Sueß und Enkel Hans E. Sueß, die ebenfalls große Wissenschafter waren.