Er ist vom Aussterben bedroht und steht unter strengem Artenschutz. Der Feldhamster, auch als europäischer Hamster bekannt, hat es mit dem Menschen nicht immer leicht. Verknappung der Lebensräume, Versiegelung der Böden und Intensivierung der Landwirtschaft haben in den vergangenen Jahrzehnten zu einem starken Rückgang der Hamster-Populationen quer durch seinen angestammten Lebensraum in Europa geführt. Ganz so leicht unterkriegen lässt sich der weltweit geschützte Nager, dessen wissenschaftlicher Name Cricetus Cricetus lautet, dann aber doch nicht. Just in der Millionenstadt Wien, und hier vor allem im am dichtest besiedelten Bezirk Favoriten, fühlt sich das pelzige Tier pudelwohl.

Spitalsaufenthalt

So kann man Feldhamster tagtäglich am Wasserspielplatz beim Wasserturm östlich der Triester Straße beobachten. Eine größere Population lebt nur wenige hundert Meter entfernt am Gelände der Klinik Favoriten (Kaiser-Franz-Josef-Spital). Die auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehenden Tiere haben es sich in ihren Bauten unter den Wiesen, Bäumen und Sträuchern des Krankenhaus-Geländes gemütlich gemacht. Hier stören sie kein Pflug und kein Mähdrescher. Patienten und Mitarbeiter, die im Park der Klinik spazieren gehen und den gebotenen Abstand einhalten, werden von den Tieren geflissentlich ignoriert.

Zubau für Psychiatrie

Aber! Die Klinik Favoriten ist Baustelle. Und das über Jahre hinaus. Die teils aus dem späten 19. Jahrhundert stammende Baustruktur entspricht nicht mehr den baulichen und technischen Anforderungen moderner Spitalsarchitektur. Wie der Wiener Gesundheitsverbund (Wigev) mitteilt, finden "seit Anfang April in und rund um die Psychiatrische Abteilung (Pavillon P) in der Klinik Favoriten umfangreiche Bauarbeiten (bei laufendem Betrieb) statt".

Um die Abteilung zu vergrößern, wird in diesen Monaten ein Zubau in Modulbauweise errichtet, der Ende des Jahres fertiggestellt werden und in Betrieb gehen soll. Aktuell erfolge nun der Innenausbau. "Sobald die Übersiedlung (der Abteilung, Anm.) abgeschlossen ist, wird das Bestandsgebäude renoviert", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des für die Wiener Krankenhäuser zuständigen Wigev.

"Die Psychiatrie ist eine Interimslösung", sagt Simone Klais von der Umweltschutzabteilung (MA 22) der Gemeinde Wien. "Die Situation der Hamster wurde für dieses Bauprojekt schon einzeln begutachtet und mit einer Bewilligung abgedeckt." Die Hamster, die am Baugrund ihre Bauten hatten, wurden auf dem Spitalsgelände umgesiedelt.

Übersiedlung kostet Geld

Das Prozedere kostet natürlich. Ein in die Planungen involvierter Techniker spricht von etwa 70.000 Euro, die die Stadt Wien für die Übersiedlung der Feldhamster alleine für den Zubau der Psychiatrie in Favoriten in die Hand nehmen müsse. Die Ausgaben werden vom Wigev grundsätzlich bestätigt. In einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage der "Wiener Zeitung" heißt es: "Allerdings umfassen diese Kosten nicht nur Übersiedelungskosten für Feldhamster, sondern auch diverse Kosten, die in keinem Zusammenhang mit der Übersiedelung stehen, wie zum Beispiel Ersatzpflanzungen." Das für das Umquartieren der Tiere unter Vertrag genommene Unternehmen "Land in Sicht" will sich zu Details und Kosten unter Berufung auf eine "Vertraulichkeitsklausel" nicht weiter äußern.

Mit den wenigen Hamstern, die auf dem relativ kleinen Gelände des Psychiatrie-Zubaus gelebt haben, ist es jedoch nicht getan. Ab kommendem Jahr soll die Klinik Favoriten bis 2032 großflächig erneuert werden. Bei laufendem Betrieb. Der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) erklärte bei der Präsentation der Spitalsneubauten im Juni dieses Jahres auf Favoriten Bezug nehmend: "Es wird Provisorien geben, es wird Belastungen geben." Es kämen auf alle Beteiligten große Herausforderungen zu. Es werde Reibungen geben, meinte er im Hinblick auf das fast ein Jahrzehnt auf einer Baustelle arbeitende medizinische Personal und die Patienten der Klinik, die, wenn auch nur temporär, ebenfalls mit dem Baulärm leben werden müssen. Ob Hacker dabei auch an die Feldhamster gedacht hat, ist nicht überliefert.

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"Hamsterhochburg"

Sehr viel an die großen Cousins der im syrischen Raum beheimateten Goldhamster denkt jedenfalls Carina Siutz. Die Biologin der Universität Wien beschäftigt sich seit Studienzeiten mit den pelzigen Nagern, die das bunteste Fell aller europäischen Säugetiere ihr Eigen nennen sollen. "Der 10. Bezirk ist eine Hamsterhochburg", sagt die Wissenschafterin. Die Feldhamster-Population am Gelände der Klinik Favoriten schätzt sie auf "60 bis 80 erwachsene Tiere, die dauerhaft dort leben".

Verhaltensbiologin Carina Siutz hat sich der Erforschung der Feldhamster verschrieben. Sie ist die Expertin für die kleinen Stadtbewohner. - © Georg Hönigsberger
Verhaltensbiologin Carina Siutz hat sich der Erforschung der Feldhamster verschrieben. Sie ist die Expertin für die kleinen Stadtbewohner. - © Georg Hönigsberger

Das Gelände biete den Hamstern gute Bedingungen, da die Tiere "auf dem Areal relativ geschützt" sind. "Es wird gegossen, es gibt genug Nahrung, es gibt Bäume und nicht nur Ziersträucher." Den Neubauten, die in den nächsten zehn Jahren entstehen werden, sind die Nager aber im Weg. Siutz hat nicht nur das Verhalten ihrer Lieblingsstudienobjekte erforscht (und dafür 2019 den Forschungspreis der deutschen Wildtierstiftung erhalten), sondern weiß auch, wie man den geschützten Tieren ein neues Zuhause schafft.

Mit Bohrern wird im neuen Habitat eine schräge "Initialröhre" geschaffen, die das eingefangene Exemplar im besten Fall als neues Heim ansehen wird. Tier für Tier wird so übersiedelt. Wenn alles klappt, stellen sich die Tiere neue unterirdische Gänge und Kammern her, in denen sie schlafen und das Futter für die kalte Jahreszeit horten. Und sie legen eine Fluchtröhre an, die mit ihren Schaufel-Pfötchen von der Oberfläche senkrecht in den Bau getrieben wird. In diese lassen sie sich, wenn Gefahr droht, einfach hineinplumpsen.

Erdnussbutter

Bevor der Umzug vonstattengehen kann, muss man der geschützten Tiere natürlich habhaft werden. "Wir fangen sie mit Lebendfallen ein", sagt Siutz. Metallkäfige, wie man sie von Lebend-Mausefallen kennt, werden verwendet. Nur etwas größer dimensioniert, denn die Männchen der Feldhamster können bis zu 35 Zentimeter lang und ein halbes Kilo schwer werden. Um die Tiere anzulocken, empfiehlt Siutz nicht etwa Salat, Karotten oder Nüsse, sondern Erdnussbutter. "Die finden sie unwiderstehlich." Mit Speck fängt man Mäuse, mit Erdnussbutter geht einem Cricetus Cricetus in die Falle. Der herkömmliche Speiseplan der Feldhamster ist hingegen nicht so süß geraten. Grünpflanzen und Getreide zählen zu den Hauptnahrungsmitteln, aber auch bei Mais, Nüssen, Eicheln und seltener bei Insekten greifen sie gerne zu.

Bevor die Erdnussbutter bei jenen Hamstern der Klinik Favoriten zum Zug kommt, die nicht bereits für den Zubau der psychiatrischen Abteilung eingefangen worden sind, muss die für Umweltschutz zuständige Magistratsabteilung noch die naturschutzrechtliche Genehmigung erteilen. "Wir sind in Vorgesprächen", sagt Simone Klais von der MA 22.

"Das Ganze läuft noch, es muss eine Ersatzfläche von zwei Hektar geben", ergänzt ihr Kollege Harald Gross. Wo das sein wird, sei noch unklar. Man warte auf jedenfalls auf die Pläne der Baufirmen. "Wenn 2023 gebaut werden soll, muss jetzt bald nach dem Naturschutzgesetz eingereicht werden", sagt Gross. Dann wird ein von der MA 22 beauftragtes Sachverständigen-Gutachten erarbeitet, auf dessen Basis der Bescheid erstellt werden könne. Sachgerechte Übersiedelung der Hamster, laufende Dokumentation und Nachprüfen der Wirkung der gesetzten Maßnahmen müssen von den durchführenden Unternehmen gewährleistet werden.

Wettlauf mit der Zeit

Für die Planer des Gesamtprojektes ist das ein Wettlauf mit der Zeit. Denn neben den bereits geschilderten aufwendigen Maßnahmen gibt es noch eine knifflige Aufgabe, die die Planungen der Baufirmen erschweren. Die seit 2020 auf der Liste der aussterbenden Arten stehenden Hamster dürfen eigentlich nur in den Sommermonaten eingefangen werden. Im Winterschlaf (etwa Oktober bis März) ist es strengstens verboten, die Tiere zu stören. Danach öffnet sich ein kurzes Zeitfenster, ehe die Weibchen trächtig sind, was ein Umsiedeln aus rechtlichen Gründen wieder verunmöglicht. Bleibt im Prinzip der Sommer mit ein wenig Vor- und Nachlaufzeit übrig.

Hamster-Umsiedlung bis zu 600.000 Euro teuer

Die technische Planung muss also sehr exakt verlaufen und neben Baulogistik auch Hamsterbaulogistik miteinbeziehen. Und hier landet man wieder bei den Kosten. Der eingangs zitierte, mit dem Umbau beschäftigte Techniker schätzt die Summe, die die Hamsterbetreuung für die zehnjährigen Bauarbeiten in Favoriten ausmachen wird, auf 600.000 Euro. Dies sei bei einer in Aussicht gestellten Bausumme von mehr als einer Milliarde Euro mit 0,05 Prozent aber vergleichsweise vernachlässigbar. Noch dazu könne man den Umkehrschluss ziehen: Nicht der Hamster bringt die Menschen ob der Umweltdirektiven zum Verzweifeln, sondern der Mensch den Hamster, da er in den Lebensraum der von Ausrottung bedrohten Art stetig und vehement eingreift. "Die Gesamtkosten über 600.000 Euro können wir nicht bestätigen", heißt es seitens der Wigev. Es sei zu früh, um detaillierte Hamster-Übersiedelungskosten für das Gesamtprojekt" nennen zu können.

Die Hamster wohnen aber nicht nur am Spitalsareal. Im Hotspot Favoriten tauchen sie auch in Blumenrabatten und Gemeindebauten rund um das Spital oder in Grünflächen beim Reumann- oder Keplerplatz auf. Wenige wagen sich sogar über die Bezirksgrenze hinaus nach Liesing oder auf den Meidlinger Friedhof. Einzig nennenswertes Verbreitungsgebiet südlich der Donau ist neben dem 10. Bezirk aber der Zentralfriedhof in Simmering.

Auch in Floridsdorf und der Donaustadt

Auch in Transdanubien, sowohl im 21. als auch im 22. Bezirk, gibt es größere Populationen. Die meisten davon jedoch in den Feldern am Stadtrand und nicht im dicht bebauten Gebiet. Eine von der MA 22 in Auftrag gegebene und vom Landschaftsplanungsunternehmen TBK durchgeführte Studie kam 2020 aufgrund von Zählungen und Hochrechnungen zum Schluss, dass 3.044 Hamster in Wien leben - etwa 70 Prozent davon in Favoriten und den umgebenden Gebieten.

Auch in Privatgärten geschützt

Auch in Gärten kommen die Baubewohner, die vormittags und abends auch an der Oberfläche zu sehen sind, immer wieder vor. Was man in einem solchen Fall tut? Hamster-Forscherin Siutz: "Sich freuen!" Auch in privaten Refugien steht die Störung der bedrohten Tiere unter Strafe. Will man das im eigenen Garten gezogene Gemüse vor den vorratsanlegenden Hamstern schützen, rät Siutz pragmatisch zu Hochbeeten. Selbst die unterirdischen Bauten dürfen nicht manipuliert werden.

Gerichtsurteil

Erst im Februar 2022 hat das Verwaltungsgericht Wien das Urteil gegen einen Unternehmer bestätigt, der im Zuge der Vorbereitung von Bauarbeiten an einer Wiener Schule beim Errichten der Baucontainer einige Hamsterbauten zerstört hat. Da ihm kein Vorsatz nachgewiesen werden konnte, wurde die vom Gericht verhängte Strafe jedoch von 630 auf 70 Euro herabgesetzt. Ob tatsächlich Tiere zu Schaden kamen, konnte nicht verifiziert werden.

Um das Überleben der Hamster besser schützen zu können, kommt die oben zitierte Studie zum Schluss, dass die Wiener Naturschutzverordnung 2000 von "Schutz in geschützten Lebensräumen" für den Hamster auf "Lebensraumschutz im gesamten Stadtgebiet" angepasst werden müsste. Dafür sieht man in der Umweltschutzbehörde aber keine Notwendigkeit. Durch die bestehende Regelung seien die Bauten von Hamstern im Umkreis von 50 Metern ohnehin geschützt. "Und der Hamster ist keine Art, die weit ausufert", sagt Harald Gross von der MA 22. Die Tiere seien relativ standorttreu und hielten sich in der Regel nahe ihrem Bau auf.

Auch die Ziesel siedeln durchaus gern in ihnen genehmen Habitaten in der Nähe des Menschen. Rund 14.000 sollen derzeit in Wien leben. 
- © apa / Norbert Potensky

Auch die Ziesel siedeln durchaus gern in ihnen genehmen Habitaten in der Nähe des Menschen. Rund 14.000 sollen derzeit in Wien leben.

- © apa / Norbert Potensky

Baurebellen mit Pfiff

Im Gegensatz zum Feldhamster genießt das Ziesel in Wien den Lebensraumschutz im gesamten Stadtgebiet. Das bei Gefahr seine Artgenossen mit schrillen Pfeiftönen warnende Erdhörnchen hat es vor einigen Jahren zu einiger Berühmtheit gebracht: Trotz Versuchen, ihnen neue Lebensräume schmackhaft zu machen, verblieben sie dennoch auf einem für den Bau mehrerer Wohnhaus-Projekte freigegebenen Fläche nördlich des Heeresspitals in Floridsdorf.

Der wienerische Kompromiss: Ein Teil der Fläche wurde für den Bau der Häuser freigegeben. Das hat möglicherweise auch Auswirkungen auf die dort lebende Ziesel-Population. "In und um das Heeresspital ist die Zahl der Ziesel rückläufig", sagt Josef Mikocki von der MA 22. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Bauarbeiten mit der Dezimierung der unter Schutz stehenden Tiere zu tun habe. "Aber auch Klimaereignisse wie Starkregen und milde Winter setzen ihnen zu", sagt Mikocki. Gesamt gesehen entwickle sich die Gemeinschaft der Ziesel in Wien aber relativ gut. 2005 sei die Zahl der Tiere in der Bundeshauptstadt bei 6.000 bis 7.000 gelegen. Letzte Messungen gehen von 14.000 Exemplaren aus.