Mit Riesenschritten nähert sich ein besonderes Jubiläum, das Wien im Jahr 2023 zelebrieren wird: 150 Jahre I. Wiener Hochquellenwasserleitung. Um dem Meilenstein der städtischen Infrastruktur auch künstlerisch ein Denkmal zu setzen, lud die Magistratsabteilung 31 (Wiener Wasser) zu einem Gestaltungswettbewerb. Sieben Entwürfe wurden eingereicht. Eine Jury kürte das Projekt von Gelatin zum Sieger.

Der neue Monumentalbrunnen wird im kommenden Jahr beim Eingangsbereich zum Helmut-Zilk-Park (Ecke Sonnwendgasse/Gudrunstraße) in Favoriten errichtet. Er soll zur runden Jahresfeier - die I. Hochquellenleitung ging am 24. Oktober 1873 in Betrieb - seine Fontäne bis zu sieben Meter hoch in die Luft des Sonnwendviertels sprühen lassen.

War in der Auswahl: Der auf Kunst im öffentlichen Raum spezialisierte Pfelder mit schwebendem Wasserhahn. 
- © Wiener Wasser

War in der Auswahl: Der auf Kunst im öffentlichen Raum spezialisierte Pfelder mit schwebendem Wasserhahn.

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"Damit es auch in Zukunft unser Wasser bleibt"

"Es ist ein Menschenkreis. Die Menschen umgeben gemeinsam das Brunnenbecken und halten das Wasser zusammen", schildert Wolfgang Gantner von Gelatin die Gestaltung des künftigen Kunstwerks. Die vier Protagonisten von Gelatin (neben Gantner sind das Ali Janka, Florian Reiter und Tobias Urban) wollen "das Gemeinsame" in den Vordergrund rücken. "WirWasser" heißt das vielskulpturige Monument. "Unser Wasser, unser Brunnen. Das bedeutet auch Verantwortung. Das bedeutet auch, dass wir es sind, die da das Wasser zusammenhalten müssen", umschreiben die Künstler ihren Entwurf, "damit es auch in Zukunft unser Wasser bleibt." "Die Form des Brunnens und die Fontäne spielen auf den Hochstrahlbrunnen (am Schwarzenbergplatz, Anm.) an und übersetzen diesen in zeitgenössische Kunst", erklärt Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ).

Axel Loytved lässt einen Meteor als Wasserspender in Favoriten einschlagen - ebenfalls im Brunnenwettbewerb vertreten. 
- © Wiener Wasser

Axel Loytved lässt einen Meteor als Wasserspender in Favoriten einschlagen - ebenfalls im Brunnenwettbewerb vertreten.

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Gelatin (oder wahlweise Gelitin) haben ihre Arbeiten auf zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt, unter anderem auch als Vertreter Österreichs drei Mal bei der Biennale in Venedig. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden ist ihr "Arc de Triomphe", der 2003 über die Stadt Salzburg hinaus für Aufsehen sorgte. Es handelte sich dabei um die Skulptur eines nach hinten gebogenen Mannes, der aus seinem erregten Glied Wasser in seinen Mund spritzen ließ.

Klassizistische Geste und Surrealismus verband Klaus Weber für das Kunst-Projekt von Wiener Wasser. 
- © Wiener Wasser

Klassizistische Geste und Surrealismus verband Klaus Weber für das Kunst-Projekt von Wiener Wasser.

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Erregt hat das vor allem die Salzburger Lokalpolitiker, die das vor dem Rupertinum aufgestellte Monument verhüllen und dann von der Feuerwehr einhausen ließen. Es folgten gehöriges Rauschen im Blätterwald, gegenseitige Anzeigen von Stadt und Veranstaltern und schließlich der Abtransport des Triumphbogens.

Das Brunnen-Konzept von Gabriele Edelbauer für die Gestaltung im Sonnwendviertel. 
- © Wiener Wasser

Das Brunnen-Konzept von Gabriele Edelbauer für die Gestaltung im Sonnwendviertel.

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Ein Problem lösen, dass es gar nicht gibt

"Wir hatten kein Problem mit der Bevölkerung. Wir haben dort zwei Wochen lang aufgebaut und niemand hat sich aufgeregt", erinnert sich Gantner. "In Salzburg gab es ein Missverständnis des Bürgermeisters, der ein Problem lösen wollte, das es gar nicht gegeben hat."

Marusa Sagadin nannte ihr Einreichprojekt "roots and fruits". 
- © Wiener Wasser

Marusa Sagadin nannte ihr Einreichprojekt "roots and fruits".

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Wie sich die Sache in Wien des Jahres 2023 darstellen wird, ist nicht absehbar. Da aber keine Penisse Wasser versprühen, sondern überlebensgroße Figuren im Kreis sitzen, lehnen, knotzen, lungern und liegen, werden die Reaktionen wohl nicht ganz so heftig sein. "Alte, Junge, Helle, Dunkle, Dicke, Dünne sitzen im Kreis und beschützen und umkosen das Wasser", erklärt Gelatin.

Kritik am Projekt kommt mittlerweile von der Wiener FPÖ. Der Favoritner Bezirksparteiobmann und Gemeinderat Stefan Berger stößt sich vor allem an den veranschlagten Kosten von 2,1 Millionen Euro: "Geld, das in der momentanen Gemengelage an anderer Stelle sicher weit besser verwendet werden kann."

Seitens der Bevölkerung gibt es bisher kaum negatives Feedback. "Wir haben bisher drei kritische Schreiben bekommen", sagt eine Sprecherin von Wiener Wasser. Der Brunnen-Entwurf kann seit Anfang dieser Woche mit den sechs Konkurrenzprojekten in der Bezirksvorstehung Favoriten begutachtet werden.

Ein Platz wird zum Open-Air Bildhauer-Atelier

Begutachten kann man auch die Arbeit der Bildhauer. "Wir lassen die alte Tradition von Bauen am Platz wieder aufleben", sagt Gantner. "Ein großer Teil des Brunnens wird vor Ort produziert." Im kommenden Jahr, der genaue Baubeginn steht noch nicht fest, werden die meisten Figuren am Standort im Sonnwendviertel zusammengesetzt oder erschaffen.

Die "34 bis 40 Figuren" (Gantner) werden aus Beton hergestellt, teils fertig gegossen und teils modelliert. Es wird ein Planschbecken geben und eine der Skulpturen wird Trinkwasser spenden. Neben der großen Fontäne in der Mitte des Brunnens, der sieben Metern Durchmesser haben wird, werden auch einige der Gestalten Wasser in das 40 Zentimeter tiefe Becken speien.

"Das Konzept ist außergewöhnlich und wird nationale und internationale Gäste ins Sonnwendviertel locken.", hofft der Favoritner Bezirksvorsteher-Stellvertreter Gerhard Blöschl (SPÖ). "Der Jubiläumsbrunnen wird ein kommunikativer Ort sein", der für Anrainer und die Kinder des nahen Bildungscampus für Erfrischung sorgen werde. Zweifel, ob dies bei den Favoritnern gut ankommt, hegt der Freiheitliche Gemeinderat Berger: "Ob aber diese Darstellungsform des Brunnens das ist, was die Anwohner des 10. Bezirks gerne tagtäglich sehen wollen, wage ich zu bezweifeln."