Sich den Traum vom eigenen Garten in einer Großstadt zu erfüllen, ist schwierig. Die Stadt Wien bietet daher seit vielen Jahren eine Alternative: Gemeinschafts- und Nachbarschaftsgärten. Das Konzept ist nicht neu, sogenannte "Community Gardens" gab es schon in den 1970ern in der Großstadt New York. Allerdings erfreuen sie sich auch in Europas Großstädten - vor allem seit Beginn der Corona-Pandemie - immer größerer Beliebtheit.

In Wien gibt es mittlerweile in jedem Bezirk mindestens einen Gemeinschafts- oder Nachbarschaftsgarten, nicht alle der über 100 Gärten sind jedoch öffentlich zugänglich, manche sind für Institutionen wie Schulen und Kindergärten gedacht. Leopoldstadt kann mit 16 Projekten die meisten "Urban Gardening"-Flächen aufweisen, Floridsdorf liegt mit zehn Gärten an zweiter Stelle.

Das Prinzip der Gemeinschaftsgärten ist folgendes: Eine gewisse Anzahl an Beeten wird unter Interessenten verlost und die Gewinner dürfen dann für einen bestimmten Zeitraum ihr Beet bepflanzen und eigenes Obst und Gemüse anbauen. Da die kleinen Beete sehr beliebt sind, werden sie nach einigen Jahren neu vergeben. Als Begründer der ersten öffentlichen Gemeinschaftsgarten in Wien gilt der Verein "Gartenpolylog". 2007 haben die Mitglieder in Kooperation mit der Stadt und einigen Freiwilligen den urbanen Nachbarschaftsgarten "Heigerlein" im 16. Bezirk eröffnet. Dies bezeichnet David Stanzel, Mitbegründer des Vereins "Gartenpolylog", als einen "Türöffner".

Garteln beim KHM

In den Folgejahren waren sie an vielen weiteren Gartenprojekten beteiligt, die sie heute immer noch betreuen. Das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft hat ebenfalls gemeinsam mit den Österreichischen Bundesgärten seit einigen Jahren ein "Urban Gardening"-Projekt am Laufen. Seit 2015 können insgesamt 120 Privatpersonen Zehn-Quadratmeter-Beete im Augarten bepflanzen. Im vergangenen Jahr ist das Projekt ausgeweitet worden: Auch vor dem Kunsthistorischen Museum (KHM) in der Innenstadt gibt es nun 15 Zwei-Quadratmeter-Hochbeete, die sozialen Einrichtungen, Vereinen und Kindergärten zur Verfügung stehen.

Somit sind erstmals in der Inneren Stadt kleine Grünflächen für Hobbygärtner vorhanden. Hier wird gelost: Die Gewinner der im Frühjahr stattfindenden Auslosung dürfen von April bis zur Erntezeit im Oktober ihr Beet betreuen, danach wird es an den Nächsten weitergegeben. Was die meisten an den Gemeinschaftsgärten schätzen, ist das kleine Stück Natur in der Großstadt, wo sie ihre Zierpflanzen und das selbstgesetzte Gemüse beim Wachsen beobachten können. Wie Stanzel betont, fördern Gemeinschaftsgärten die Biodiversität und können dem Insektensterben entgegenwirken.

Aber auch der kulturelle Austausch spielt eine große Rolle. Seine Nachbarn in einem ungezwungenen Umfeld kennenzulernen, ist für viele eine große Bereicherung. Vor allem in der Pandemiezeit war die Nachfrage nach den Beeten sehr hoch, da es eine der wenigen erlaubten Tätigkeiten war, bei der man sich im Freien aufhalten durfte. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern war in Wien das Garteln auch während den Lockdowns erlaubt.

Lange Wartelisten

Obwohl die Stadt über mehr als 100 Gärten verfügt, gibt es lange Wartelisten für ein Beet. Nicht in allen Gemeinschaftsgärten werden die Flächen nach dem Verlosungsprinzip vergeben, manche Teilnehmer können ihr Beet so lange bepflanzen, wie sie möchten, und es beispielsweise erst bei einem Umzug abgeben. Die Stadt Wien vergibt zudem auch keine Förderungen mehr für Gemeinschaftsgärten, da in jedem Bezirk schon welche vorhanden sind. Allerdings werden "Urban Gardens" mittlerweile stärker in der Stadtplanung eingerechnet.

Essenziell sei immer, die Gemeinschaftsgärten nicht in der Nähe einer stark befahrenen Straße oder auf einem mit Schadstoffen vorbelasteten Boden zu errichten, erklärt Stanzel. Vor dem Bau eines Gartens führt der Verein "Gartenpolylog" daher immer eine Bodenanalyse durch, um mögliche schädliche Stoffe wie Blei oder Zink zu identifizieren. Die beste Alternative dazu seien immer noch Hochbeete, da die Erde hier keine toxischen Chemikalien enthalte, ergänzt Stanzel.