Ein Dienstagnachmittag kurz nach 13 Uhr. Geduldig wartet Anna Maier vor dem Eingang einer Volksschule in der Leopoldstadt, um David, einen ihrer Enkel, von hier abzuholen. Doch der Neunjährige ist nicht ihr leiblicher Enkel, sondern einer, den sie schon seit einigen Jahren wochentags betreut. "Hallo Anna", ruft David begeistert, als er aus der Schule kommt.

Der Wunsch nach einer Ersatz-Oma sei ungebrochen groß, heißt es vom Katholischen Familienverband der Erzdiözese Wien, der über den größten Pool an Leihomas in der Bundeshauptstadt verfügt. Mehr als 80 Familien befinden sich derzeit auf einer Warteliste und hoffen auf einen Anruf von Andrea Beer, die den Omadienst des Katholischen Familienverbandes in der Spiegelgasse seit knapp 20 Jahren leitet.

"80 Familien befinden sich derzeit bei uns auf einer Warteliste", berichtet Andrea Beer, Leiterin des Omadienstes in Wien. - © privat
"80 Familien befinden sich derzeit bei uns auf einer Warteliste", berichtet Andrea Beer, Leiterin des Omadienstes in Wien. - © privat

"Die meisten Anfragen erhalte ich von Eltern aus den Bundesländern oder dem Ausland, die nach Wien übersiedeln und hier keine Großeltern als Backoffice habe." Jede ihrer Damen kenne sie heute persönlich. Ob sich aber jede Interessentin auch als Leihoma eignet, klärt sie in einem Telefongespräch, bevor es zu einem Treffen zwischen der Familie und der Leihoma kommt. Hin und wieder gibt es darunter auch welche, die sie ablehnen muss, da sie den Anforderungen nicht entsprechen. Dazu zählen zum Beispiel ein gutes Erscheinungsbild, körperliche Rüstigkeit sowie perfekte Deutschkenntnisse.

Zuerst Babysitterin,
dann Leihoma

Mit der Bitte um mehr rechtliche Unterstützung für Tagesmütter und Leihomas stoße sie bei Politikern auf taube Ohren, beklagt Alice Pitzinger-Ryba. - © privat
Mit der Bitte um mehr rechtliche Unterstützung für Tagesmütter und Leihomas stoße sie bei Politikern auf taube Ohren, beklagt Alice Pitzinger-Ryba. - © privat

Ein Alter um die 60 Jahre sowie viel Erfahrung im Umgang mit Kindern seien vorteilhaft, meint Andrea Beer, die den Kontakt zwischen Leihoma und Familie herstellt. Bereits nach einem ersten Kennenlernen geht es los. Haushaltshilfen seien die Leihomas aber keine, schränkt die Leiterin ein; jedoch sollten sie gut kochen und sich auch um Kleinigkeiten gerne annehmen.

Verschiedene Bezugspersonen prägen die Entwicklung von Kindern, erklärt Familienforscher Wolfgang Mazal. - © Christine Geserick
Verschiedene Bezugspersonen prägen die Entwicklung von Kindern, erklärt Familienforscher Wolfgang Mazal. - © Christine Geserick

"Juhu, wir fahren in den Tiergarten", freut sich David und strahlt seine Leihoma an. Seit seinem zweiten Geburtstag komme "seine Anna" regelmäßig zu ihm - auch in den Ferien, wenn seine Eltern arbeiten müssen. Anna Maier ist aber nicht die einzige Leihoma in Wien, sondern eine von mehr als 800, die Familien bei der Kinderbetreuung unter die Arme greift.

Switchen zwischen den Generationen

"Als ich vor 30 Jahren angefangen habe, war ich noch sehr unerfahren", erinnert sich die heute Sechzigjährige, die selbst zwei erwachsene Kinder hat. Nach der Geburt ihres ersten Kindes wollte die gelernte Bankkauffrau nicht mehr in ihren Beruf zurück und absolvierte eine Ausbildung zur Tagesmutter. Erste Erfahrungen sammelte sie als Babysitterin: Besuch der Spielplätze, gemeinsam Türme bauen, Bücher lesen, gemeinsam Spaß haben, Essen wärmen und füttern, bestimmten den Tagesablauf. Erfahrungen mit den eigenen Kindern kamen ihr dabei sehr zugute, erzählt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Die Tagesmütter gehören typischerweise der Elterngeneration, Leihomas hingegen der Großelterngeneration an", erklärt Wolfgang Mazal, Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung an der Universität Wien. "Leihgroßeltern haben eine andere Dynamik als Mittdreißiger." In beiden Betreuungsverhältnissen und je nach Betreuungsintensität werde aber eine Beziehung zu den Kindern aufgebaut, wovon diese nachhaltig profitieren können. Denn dadurch lernen sie nicht nur andere Bezugspersonen kennen, sondern darüber hinaus auch, zwischen ihnen immer wieder zu switchen.

Großeltern wie Leihgroßeltern nehmen hier eine andere Position als jüngere Bezugspersonen ein. Sie können den Kindern auch bestimmte Freiräume einräumen, die sie von ihren Eltern vielleicht nicht erhalten würden, so Mazal.

"Mir macht es Freude, mit Kindern zu arbeiten", gibt Leihoma Anna Maier zu. Derzeit arbeite sie bis zu zehn Stunden pro Woche. Es könnten aber doppelt so viele sein. "Ich kann mich aber nicht klonen", seufzt sie. Jobsorgen mache sie sich keine. Sie sei nicht nur Oma für ihn, sondern werde auch immer wieder zum Thema Erziehung von Davids Eltern gerne gefragt.

Aufstockung
ist in der Schwebe

Der sogenannte "Oma-Dienst" ist keine institutionelle elementare Bildungseinrichtung wie Kindergärten oder Horte, heißt es aus dem Büro von Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr. Dennoch fördere die Stadt Wien das Angebot des katholischen Familienverbandes der Erzdiözese Wien seit über zehn Jahren. Auf die Frage hin, ob es im Jahr 2023 zu einer Aufstockung der Förderungen kommen und ob auch sozial schwachen Familien vermehrt unterstützt werde, reagiert der Politiker nicht.

Für Alice Pitzinger-Ryba vom Verein Family Business, der neben Leihomas auch Babysitter und Au-pairs vermittelt, habe sich der gestiegene Bedarf nach individueller Kinderbetreuung bis zur Bundespolitik noch nicht durchgesprochen. Zwar werde eine Kinderkrippe nach der anderen "mit großem Tamtam" eröffnet. Dennoch geht diese Art der Betreuung an den heutigen Bedürfnissen von Familien vorbei. Es sei politisch eben nicht "sexy", wie sie zur "Wiener Zeitung" sagt, die individuelle Familienbetreuung zu fördern.

Mittlerweile ist sogar die EU-Vorgabe von einer Betreuungsquote von 33 Prozent für unter Dreijährige vor allem in Wien übererfüllt. "Immer wieder stoße ich bei Politikern auf taube Ohren, wenn ich um mehr rechtliche Unterstützung für Tagesmütter und Leihomas ansuche."

Erforderlich sei die Schaffung von rechtlichen Rahmenbedingungen - wie zum Beispiel die Ausweitung des Dienstleistungsschecks. Besonders zu den Randzeiten wie in der Früh oder am Abend sei die Belastung der Familien enorm, weiß die fünffache Mutter aus eigener Erfahrung. Eine private Kinderbetreuung kann daher gezielt Abhilfe schaffen und sie in dieser Zeit entlasten. Sie berichtet im Gespräch von einem Spitalsarzt, der seit Monaten eine Leihoma sucht, die seine Kinder in der Früh in den Kindergarten bringt und von dort am Nachmittag wieder abholt.

Familienforscher Wolfgang Mazal spricht sich zusätzlich zu den Leihomas auch für Leihopas aus: "In der Kinderbetreuung kommen generell Männer zu wenig vor", findet er. Denn sie seien wichtig - auch in Kindergärten und Schulen, wo es derzeit zu wenig männliche Pädagogen gibt. Männer gehen an Situationen oft anders heran als Frauen und es sei gut, wenn ein Kind unterschiedliche Zugänge beobachten kann. Die Erfahrung von Vielfalt der Betreuungspersonen - ältere und jüngere, Frauen und Männer - kann die Entwicklung von Kindern positiv beeinflussen, ist der Wissenschafter überzeugt, der eine Zuspitzung der Lage in den kommenden Jahren ortet.

"Die Zahl der Leihomas könnte in der nächsten Generation zurückgehen", befürchtet er, was Familien zusätzlich belasten werde. Denn potenzielle Leihomas oder Omas werden länger im Erwerbsleben stehen und möglicherweise "weder Zeit noch Lust" für die Kinderbetreuung anderer aufbringen wollen.

"Eine Routine stellt sich erst über die Jahre ein", erzählt Anna Maier. Herausfordernd sei es für sie immer. Denn Kinder verlangen nicht nur viel Aufmerksamkeit, sondern auch Konzentration. "Die Entwicklung eines Kindes mitzuerleben und es ein Stückchen seines Weges zu begleiten - ja, das ist wirklich ein sehr schönes Gefühl", so die Leihoma weiter und strahlt begeistert: "Eines meiner Leihenkel hat sogar seinen ersten Schritt bei mir gemacht."

Meistens betreut Anna Maier Kinder, deren Eltern in Führungspositionen tätig sind und daher unter der Woche wenig Zeit für ihren Nachwuchs haben. Den Stundensatz vereinbare sie direkt mit den Eltern - und dieser hänge zudem auch von der Anzahl der zu betreuenden Kinder ab. Eintritte wie in den Tiergarten, ein Museum, das Kino oder Einkäufe sind Extras, die die Leihomas direkt mit den Eltern verrechnen. Eine individuelle Kinderbetreuung geht schließlich ins Geld. "Kinder von einer Verkäuferin hatte ich bisher nur sehr selten", erinnert sich Anna Maier.

Über "Licht ins Dunkel" erhält der Familienverband jährlich eine Unterstützung für Bedürftige und Familien mit schwer kranken Familienmitgliedern, die sich aus finanziellen Gründen keine individuelle Kinderbetreuung leisten können. Wie viel der Verband zuzahlt, ist jedoch unterschiedlich: Von Teilbeträgen bis hin zur gänzlichen Übernahme der Leihoma-Kosten reichen die Förderungen, so die Organisation.

Einmal Leihoma -
immer Leihoma

Es ist bereits später Nachmittag. David sitzt vor seinen Hausaufgaben. Für Anna Maier bedeutet das eine kurze Verschnaufpause. David arbeitet selbständig - sie ist nur für Hilfestellung und Fragen da. Manchmal springe sie auch am Abend ein, wenn "die Eltern" einen Abend ohne den jungen Nachwuchs verbringen wollen, erzählt sie. Dann koche sie für ihn ein Abendessen, unterstütze ihn beim Abendritual und bringe ihn ins Bett.

Drei bis sechs Jahre ist sie durchschnittlich bei einer Familie. Danach bleibt sie mit vielen weiterhin in Kontakt. Abschied nehmen heißt es im kommenden Jahr. "Das wird hart", seufzt sie, da ihr David sehr ans Herz gewachsen ist. Aber ans Aufhören denke sie trotzdem keinesfalls. Solange sie Spaß an der Arbeit hat und gesundheitlich fit ist, bleibe sie eine Leihoma für andere: "Ja, ich bin einfach gerne mit Kindern zusammen. Nichts würde mich mehr erfüllen."