Weinberge, Kellergassen, Felder, eine barocke Kirche, niedrige Häuser. Ein Dorf wie aus dem Bilderbuch. Ein Ort mit reicher Geschichte. Seit dem 12. Jahrhundert existieren dafür dokumentarische Belege. In einer Urkunde Herzog Albrechts aus dem Jahre 1355 wird die Bezeichnung "Stemesdorf" verwendet. Mittlerweile gehört Stammersdorf zu Wien. Ein bäuerliches Dorf innerhalb der Grenzen der rasch wachsenden Großstadt. Wie ist das möglich?

Das liegt vor allem an den Menschen, die das fortführen, was ihre Vorfahren seit hunderten von Jahren betrieben haben oder das ermöglichen: Wein- und Ackerbau, mitunter auch etwas Viehhaltung. So wie bei Alexandra und Oliver Kaminek vom Biohof Nr. 5. Sie haben Wein, Erdäpfel, Mangalitzaschweine, Hühner, Gemüse und Getreide, das vornehmlich für die Tiere angebaut wird. Zudem betreiben sie einen Heurigen und laden regelmäßig zu Veranstaltungen des Vereins "KunstMichMal" in ihren Weingarten. Ihre Produkte verkaufen sie ab Hof, auf Märkten, in Hofläden. Überschüsse beim Getreide gehen ans Lagerhaus.

Hans Arsenovic ist einer von denen, die ermöglichen. Seine Mutter war Winzerin, er ist im Weingarten groß geworden. Doch in die mütterlichen Fußstapfen wollte er nicht treten. Er arbeitete in der Bank, wurde Unternehmer und sitzt nun im Wiener Gemeinderat sowie im Präsidium der Wiener Wirtschaftskammer. Seine Felder und Weingärten hat er allesamt verpachtet. Zum Beispiel an Hans Peter Göbel, einen studierten Architekten, der vor einigen Jahren den Weinbaubetrieb seiner Eltern übernommen hat und nun auf eigenen und dazu gepachteten Flächen vorzugsweise hochgelobte Rotweine produziert.

300 Hektar Weinanbaufläche

Vornehmlich Weißweine und diese auf den eigenen Rieden hingegen macht Peter Bernreiter, dessen Hof sich zwar in Groß Jedlersdorf befindet, die Weingärten liegen aber zur Gänze auf dem Bisamberg. Außerdem hat Bernreiter vor kurzem einen Marillengarten erworben. Dort gibt es seit 2021 in der warmen Jahreszeit an den Wochenenden eine Pop-up-Buschenschank, nachmittags bis zum Einbruch der Dunkelheit. Seinen Heurigen sperrt Bernreiter nur noch zu speziellen Anlässen auf. Zum Beispiel für Konzerte wie am 26. Oktober. Da werden zu Wein und Buffet Welthits aus der Opernliteratur dargeboten, von Stars der Wiener Oper.

Ohne Wein ist Stammersdorf nicht vorstellbar. Die Rieden am Bisamberg und zu seinen Füßen ergeben mit einer Anbaufläche von mehr als 300 Hektar das bei weitem größte Weinbaugebiet Wiens. Wo Weinberge sind, gibt es Kellergassen. Die bekannteste und größte unter ihnen, die Stammersdorfer Kellergasse, ist auch der Verkehrsweg nach Hagenbrunn. Für die in der Gasse ansässigen Heurigen und Lokale ist das Segen und Fluch zugleich. Die Autos bringen Gäste. Doch der Durchzugsverkehr macht den Aufenthalt an den Tischen vor den Weinkellern ungemütlich und setzt den alten Gewölben zu.

Nach einem gut ein Jahr lang dauernden Anrainerbeteiligungsverfahren wurden nun Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung gesetzt. Zwischen 1. März und 31. Oktober ist zu bestimmten Zeiten von Hagenbrunn wie von Stammersdorf aus die Durchfahrt verboten und beim Senderparkplatz Endstation. Und zwar: von Freitag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 22 Uhr sowie Montag bis Donnerstag zwischen 16 und 22 Uhr. Damit soll laut Bezirksvorsteher Georg Papai "mehr Genuss und weniger Durchzugsverkehr" möglich sein,

Was aber sagen die unmittelbar Betroffenen zu dieser Lösung? Doris Stelzer betreibt das Heurigenlokal "Zur Christl". Sie hofft, dass mit der neuen Regelung mehr Ruhe in der Kellergasse einkehrt und sie wieder "zur schönsten Gasse in Wien wird". Die Zufahrt indes müsse möglich bleiben, denn die Anbindung an den öffentlichen Verkehr sei unzureichend. Die Leute kommen daher vielfach mit dem Auto.

Doris Stelzer ist es wichtig, dass die Kellergasse ein Ort bleibt, an dem sich alle wohlfühlen können. Auch diejenigen, die sich sonst nicht so viel leisten können. Das Achterl kostet bei ihr 1,80 Euro. Sie betreibt keinen eigenen Weinbau, sondern kauft bei den Stammersdorfer Winzern.

Hans Peter Göbel, als Sprecher der Winzer in die Lösungsfindung eingebunden, zeigt sich fürs Erste zufrieden. Die vereinzelt geäußerten Wünsche nach einer Neupositionierung der Kellergasse in Richtung gehobenerer Gastronomie sieht er skeptisch. Zum einen gelte es abzuwarten, wie sich die Verkehrsmaßnahmen auswirken. Zum anderen müsse man "die vorhandene Struktur der Gasse betrachten. Ich glaube nicht, dass ein touristisches Wunschkonzept zu verwirklichen wäre, dazu sind die Wünsche und Möglichkeiten der Anrainer bzw. Betreiber zu verschieden."

Wirtschaftskämmerer Hans Arsenovic sieht das ähnlich. Er will weder "abgehobene noch Disney-Gastronomie. Die verkauften Produkte sollen aus der Gegend stammen." Uneins sind die beiden indes bei der Beurteilung der Stammersdorfer Weinfeste. Während Göbel "Straßenfeste in der bisherigen Form nicht mehr zeitgemäß" findet, würde es Arsenovic bedauern, "wenn es die Weinfeste nicht mehr gäbe. Für die Stammersdorfer Winzer sind sie eine gute Möglichkeit, sich zu präsentieren. Gleichzeitig erschließt man so ein neues und auch jüngeres Publikum."

"Wichtig wäre es, dass die Feste authentisch sind und den regionalen Charakter behalten." Mailüfterl, Weintage im August und Stürmische Tage im Oktober lockten bis 2019 dreimal im Jahr zigausende Besucherinnen und Besucher nach Stammersdorf. Corona hat diese Tradition abrupt unterbrochen. Gerhard Spitzer, Cheforganisator der Feste, bemüht sich um die Wiederaufnahme. Doch die wichtigsten Sponsoren sind in der Zeit der Pandemie abgesprungen. Ohne deren Geld würden die Teilnahmekosten für die Stammersdorfer Betriebe deutlich anstiegen und das können (und wollen) sich die meisten nicht leisten. Noch ist Spitzer hoffnungsfroh, dass im kommenden Jahr ein Neuanfang gelingen kann. Ein runder Tisch soll dazu demnächst stattfinden. Gemeinsam mit dem Bezirksvorsteher und den verschiedenen Interessensgruppen.

Traditionelle Struktur bedroht

Auch wenn Landwirtschaft und Weinbau noch immer das Bild Stammersdorfs bestimmen, so ist die traditionelle Struktur der Katastralgemeinde dennoch bedroht. Die Ortsansässigen sehen das mit Sorge. Da sind sich alle einig: von der Heurigenwirtin Doris Stelzer über die Winzer Peter Bernreiter und Hans Peter Göbel bis hin zu Rosa Strauch vom Betreiberinnenkollektiv des Weltladens. Mehr Verbauung verträgt Stammersdorf nicht. Es soll ein Dorf bleiben. Das letzte kompakte Dorf Wiens.

Baulöwen-Bedrohung

Ganz unverblümt kritisiert Landwirt Martin Gstaltner das zunehmende Interesse der Baulöwen an Stammerdorf: "Es wird hektarweise fruchtbarer Ackerboden dem Wohnbau geopfert. Dazu kommt das Schließen vieler Baulücken im Ort und neuerdings auch die Verdichtung im Ortskern, wo historische Bauernhäuser Neubauten mit zig Wohnungen weichen. Das nagt am dörflichen Charakter von Stammersdorf." Gstaltner bewirtschaftet gemeinsam mit seinem Onkel 150 Hektar Grund fast ausschließlich in Stammersdorf und vor allem auf Pachtflächen. Auf seinen Feldern gedeiht eine enorme Vielfalt an Getreide- und Gemüsesorten. Da gibt es Mais, Gerste, Weizen, Körnersenf, Sojabohnen, Hirse genauso wie Zucchini, Melanzani, Paprika, Zucker- und Wassermelonen, Knoblauch und Speisekürbisse. Ein kleiner Teil der Ernte wird direkt im eigenen Bauernladen vermarktet.

Außerdem ist Gstaltner so wie Peter Bernreiter und Hans Arsenovic Mitglied in der "Wald und Weidgenossenschaft der 64er". Biobauer Ambros Steindl fungiert als Vorsitzender dieser seit 1358 bestehenden Kooperative: "Ein Herr von Gleichsau vermachte damals 64 Stammersdorfer Familien etliche Hektar Ackerflächen und Weiden, die heute größtenteils als Naturschutzflächen im Bereich der alten Schanzen liegen." Auch ein Teil des Herrenholzwaldes sowie ein kleiner Weingarten gehören den aktuell 65 Genossen. Manches bleibt eben gleich in Stammersdorf.