Eine der besonders berührenden Sehenswürdigkeiten Wiens ist für Uneingeweihte nicht leicht zu finden. Am Stadtrand, im Gelände des heutigen "Alberner Hafens", beim Stromkilometer 1.918, findet sich der "Friedhof der Namenlosen". Von 1854 an wurden hier am sogenannten "Sauhaufen" viele angeschwemmte Unfallopfer oder arme Schlucker, unglückliche Dienstmädchen, psychisch Kranke, Wirtschafts-Bankrotteure und andere verzweifelte Menschen als Leichen angespült, die ihr Leben mit einem letzten Weg "ins Wasser", genauer gesagt "in die Donau" zu beenden suchten. Die Opfer blieben vielfach unbekannt und fanden hier, ursprünglich außerhalb Wiens, ihre letzte Ruhestätte. Auf schlichten schmiedeeisernen Kreuzen findet sich oft, lediglich in zittriger Handschrift, "Namenlos", "unbekannt" und manchmal das Geschlecht "männlich" oder "weiblich".

Im sogenannten "alten Teil" des Friedhofes sind 478 Grabstätten von Ertrunkenen und Selbstmördern dokumentiert worden. Dieses alte Gelände wurde als Gräberstelle 1899 aufgelassen. Heute ist es längst mit Gestrüpp, Büschen und Aubäumen überwuchert. Zahlreiche Überschwemmungen der Donau taten das Ihre: Der Zahn der Zeit hat mit den Mitteln der Natur den "alten Teil" des Friedhofes nahezu ausgelöscht.

Aber schon 1900 wurde in unmittelbarer Nachbarschaft für die weiterhin angeschwemmten Opfer der Donau der "Neue Friedhof" für die "Namenlosen" angelegt. Dieser wurde nun auch durch Dammbauten von Überflutungen geschützt. Bis 1940 wurden 104 Wasserleichen angeschwemmt und beerdigt. Die Nationalsozialisten bauten den Hafen in Wien inklusive Getreidesilos massiv aus. Das veränderte auch die Strömungsverhältnisse im Alberner Teil, der ab nun zur Stadt gehörte.

Leichen wurden ab 1940 nicht mehr hier angeschwemmt. Der Friedhof wurde erneut aufgelassen. Der damalige Friedhofswärter Josef Fuchs pflegte aber ehrenamtlich die Begräbnisstätte bis zu seinem Tod 1996 aufopferungsvoll weiter. Er wollte, dass keines der Opfer des Flusses ganz vergessen werden sollte. Bei den letzten 46 Opfern recherchierte er jahrelang und konnte bei 45 von ihnen, die Herkunft und wenigstens zum Teil ihr Schicksal klären. Diese sind seither nicht mehr ganz so namenlos.

Josef und Rositta Fuchs kümmern sich bereits in dritter Generation als "gute Geister" um den alten Friedhof im Alberner Hafen. - © Manfred Sebek
Josef und Rositta Fuchs kümmern sich bereits in dritter Generation als "gute Geister" um den alten Friedhof im Alberner Hafen. - © Manfred Sebek

Fuchs ordnete und werkte auf dem Gelände, bis es in den heutigen, gepflegten Zustand gebracht werden konnte. Dem Wirken von Josef Fuchs I. ist es zu verdanken, dass der "Friedhof der Namenlosen" seit 1986 unter Denkmalschutz steht. Nach ihm übernahm der Sohn Josef II. diese Aufgabe. Und nun in dritter Generation, wieder ein Josef Fuchs (63), der von seiner Frau Rositta bei den Erhaltungsarbeiten des Friedhofs unterstützt wird. "Wir wollen unbedingt im Sinne unseres Opas weitermachen", sagen sie. Einer ihrer Söhne - übrigens kein Josef, sondern ein Michael - hilft jetzt bereits ebenfalls mit.

Unterstützt wird das alles vom Grundbesitzer, dem Wiener Hafen. Denn der Friedhof gehört nicht zum Wiener Bestattungskonzern. Der ist seit der Auflassung in Albern mit seinem Zentralfriedhof für die Bestattung allfälliger Wasserleichen aus der Donau in Wiens Stadtgebiet zuständig. Manchmal werden von dort auch ausrangierte Kreuze alter Gräber für Albern zur Verfügung gestellt.

Der Hafen unterstützt die Familie Fuchs mit kleinen Sachleistungen, Rasenmäher, Benzingeld, Werkzeug. Der Rest auf dem Gottesacker passiert für Gottes Lohn. Mit dem Wiener Hafen braucht es keinen Vertrag. "Die helfen uns einfach und so sind wir auch weitgehend wunschlos glücklich." Es gibt auch keine Spenden- oder Bettelbox am ganzen Gelände. So etwas lehnt Josef Fuchs unter Hinweis auf das Vermächtnis seines Großvaters strikt ab.

Einmal täglich, Sommer und Winter, besuchen die Fuchsens "ihren" Friedhof. Sie reinigen, mähen, schneiden Hecken und zünden Kerzen an. Josef Fuchs liebt diese Arbeit. "Ich habe hier in den Gräbern 104 Freunde, mit denen ich nichts kompliziert diskutieren muss", beschreibt er sein Verhältnis zu den "Schützlingen" in den kleinen Gräbern im Schwemmsand der Donau. Es ist "eine wunderbare Freundschaft".

- © Manfred Sebek
© Manfred Sebek

Rund um Allerheiligen herrscht auf dem "Friedhof der Namenlosen" Hochbetrieb. Die Familie Fuchs bringt die Gräber auf Hochglanz. Die Wiener Friedhöfe schenken Gusskreuze. Die Lehrlinge der Berufsschule der Floristen, die schon während des ganzen Jahres ihre Blumensteckarbeiten zur Verfügung stellen, sorgen für Blumenschmuck und Kränze. Am Allerheiligentag gibt es um 18.30 Uhr eine Messe in der kleinen Friedhofskapelle, am Allerseelentag um neun Uhr eine Andacht.

Am Sonntag nach Allerheiligen bauen die Wiener Fischer, die früher sehr oft die Wasserleichen aus der Donau bergen mussten, ein Blumenfloß. Das wird vom Alberner Hafen aus zur Erinnerung an alle unbekannten Opfer der Donau auf dem Fluss ausgesetzt. Es treibt dann einfach flussabwärts und ist so gebaut, dass es sich mit der Zeit umweltfreundlich auflöst. Sollte sich das Floß auf seinem Gedenkweg irgendwo am Ufer verfangen, werden Spaziergänger gebeten, es einfach wieder in den Flusslauf Richtung Schwarzes Meer zu bugsieren.

Paul Vécsei