Es ist ein verregneter Montagmorgen Ende September. Bei nasskalten Wetter unter einem düster anmutendem Himmel stehen zehn Personen. Sie warten vor dem Gesundheitszentrum der Sozialeinrichtung Neunerhaus im 5. Bezirk. Ein kurzer Blick in die Gesichter der Männer und Frauen lässt Raum für Interpretationen. Sind sie neugierig, gelangweilt, schambehaftet, teilnahmslos? Neugierig beobachten sie Lisa Steiner, während sie nach ihrem Schlüssel in der Handtasche kramt.

Steiner ist Teamleiterin des Projekts Praxis Psychische Gesundheit, das Ende September vergangenen Jahres startete und räumlich in das Gesundheitszentrum des Neunerhauses eingebettet ist. Das Gesundheitszentrum bietet seit 16 Jahren medizinische Versorgung für obdachlose und nicht-versicherte Menschen. Durch die Praxis Psychische Gesundheit findet nun auch die Seele eine Anlaufstelle. Und das von Montag bis Freitag bis in den frühen Nachmittag hinein, Dienstag sogar bis 17 Uhr.

Im Neunerhaus . . . - © Liebentritt
Im Neunerhaus . . . - © Liebentritt

Jetzt ist es kurz nach 8 Uhr. Lisa Steiner begrüßt die Wartenden freundlich, muss sie dann aber im Regen stehen lassen. Die Einrichtung öffnet erst in einer halben Stunde. Heute sind 15 Personen im Dienst, fünf davon sind der Praxis Psychische Gesundheit zuzuordnen. Das multiprofessionelle Team, bestehend aus Sozialarbeiterinnen, Ärzten, Ordinationshilfen, Krankenschwestern, Therapeuten, Psychiaterinnen und ehemals selbst Betroffenen - Peers -, kommt um 8.30 Uhr zu einer Morgenbesprechung zusammen. Das sei wichtig, um den Überblick zu behalten und um zu wissen, welche Termine heute anstehen. Nach der Besprechung werden die Türen geöffnet, die Anzahl der Wartenden hat sich in der vergangenen halben Stunde vervielfacht.

Einfacher Zugang

. . . ist der Zugang zu psychischer Unterstützung niederschwellig. - © Liebentritt
. . . ist der Zugang zu psychischer Unterstützung niederschwellig. - © Liebentritt

Sabrina Ambrosch und Ingrid Czarnowska arbeiten - so wie das gesamte Team - in ihrer Alltagskleidung. Namensschilder oder Dienstuniformen gibt es nicht. "Das würde nur Distanz schaffen und den Vertrauensaufbau erschweren", sagt Ambrosch. Die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin ist seit einem Jahr dabei und weiß genau, wie sie mit den Nutzern, so werden bei Neunerhaus jene Menschen genannt, die die Angebote in Anspruch nehmen, in Beziehung treten kann. Der Schlüssel sei die Niederschwelligkeit, also der einfache Zugang. Es gibt keine Hürden zu meistern, um das Angebot annehmen zu können.

Viele Nutzer wissen gar nicht, dass es sich bei der Praxis Psychische Gesundheit um ein Zusatzangebot handelt. Die Mitarbeiter sind vor Ort und können angesprochen werden. Manchmal starten sie auch selbst ein Gespräch. Ob aus einem kurzen Smalltalk mehr wird oder nicht, entscheiden die Nutzer. Die Kontakte können im Zuge eines Spaziergangs oder bei einer Tasse Kaffee stattfinden. Wenn Privatsphäre gewünscht ist, können auch die Räumlichkeiten des Gesundheitszentrums genutzt werden. Ist eine intensivere Auseinandersetzung mit bestimmten Themen gefragt, werden Folgetermine vereinbart. Auch Gespräche mit Psychiaterinnen oder Psychotherapeuten oder die Teilnahme an Gruppengesprächen zu bestimmten Themen, etwa Suchtthemen, sind möglich. Alles basiert auf Freiwilligkeit und unkompliziertem Zugang.

Sprachbarrieren

Die derzeitige Umsetzung ist das Ergebnis der Reaktion auf die wahrgenommenen Bedürfnisse der Zielgruppe, erklärte Elisabeth Hammer vom Neunerhaus bereits vor einem Jahr: "Wir als Organisation sind da auch hinreichend sensibel, auf Mitarbeiter und Nutzerinnen zu hören, um ein maßgeschneidertes Angebot zu setzen." Der Projektphase seien eine lange Testphase und ein erfolgreiches Pilotprojekt vorausgegangen.

Eine Viertelstunde nach der Öffnung warten bereits zehn Personen im Innenbereich geduldig darauf, an den Empfang vorgelassen zu werden. Weitere 20 stehen noch draußen im Regen. Im Wartebereich haben auch schon mehr als 20 Menschen Platz genommen. Für alle gilt Maskenpflicht genauso wie für die Mitarbeiter. Nicht alle Wartenden haben einen Termin, manche versuchen spontan ihr Glück. "Je früher man ohne Termin kommt, desto größer sind die Chancen, dass wir diese Person dann auch drannehmen können", erklärt Steiner. Am späten Nachmittag werden die Menschen an andere Einrichtungen, wie etwa Amber Med, verwiesen. Der Überblick soll über ein Anstellsystem bewahrt werden. Jeder muss sich in der richtigen Schlange einordnen. Schilder an der Decke helfen bei der Orientierung: Gesprächstermin, Allgemeinmedizin oder zahnärztliche Behandlung. Zusätzlich bekommt jeder bei der Anmeldung eine farbige Karte, die darüber Auskunft gibt, für welchen Dienst er angemeldet ist. So ist auch für das Personal jederzeit ersichtlich, wie viele Personen im Wartebereich auf welche Art der Behandlung warten.

Die optischen Hilfen sind wichtig, weil die meisten Nutzer wenig bis gar kein Deutsch sprechen. Zusätzlich werden in den Gesprächen am Schalter Übersetzungsgeräte eingesetzt. Mittendrin ist das Team des Projekts Praxis Psychische Gesundheit. Ambrosch kümmert sich gerade um einen aufgeregten Mann, der sich in der Schlange nicht hinten anstellen möchte. Zuerst reagiert er erbost auf die Beschwichtigungsversuche der Krankenpflegerin, doch schon bald schafft sie es, das Problem zu lösen. Der Mann hat seine vor wenigen Tagen ausgestellte Zuweisung zum Neurologen verloren und Angst, den für heute vereinbarten Termin bei diesem zu versäumen, wenn er sich jetzt ganz hinten anstellen muss. Ambrosch besorgt ihm eine neue Zuweisung, und er kann seinen Termin wahrnehmen. "Das war jetzt einfach", grinst sie.

Missachtete Grenzen

Meist braucht es nicht viel, aber manchmal gibt es Probleme, etwa bei grenzüberschreitendem Verhalten der Nutzer. Das Team besteht hauptsächlich aus Frauen, die Nutzer zu großen Teilen aus Männern, die es im Alltag gewohnt sind, Grenzen - vor allem von Frauen - zu missachten oder zu überschreiten. Das sei mühsam, manchmal auch schwer auszuhalten, konnte bisher aber immer gut besprochen werden. Entweder intern, in Form von Supervision, in Teamsitzungen oder mit den betreffenden Nutzern persönlich.

Eine weitere Herausforderung ist das ausgeprägte Redebedürfnis mancher Nutzer. Die Themen sind emotional anstrengend, viele Menschen wiederholen sich ständig. "Für viele sind wir die einzigen Gesprächspartner", sagt Czarnowska. Die Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin in Ausbildung führt Einzelgespräche nicht länger als maximal 60 Minuten. Das sei wichtig, um selbst gesund und konzentriert zu bleiben. Kurz darauf hat sie einen Termin mit einem Mann aus Polen. Für ihr Gespräch, das sie auf Deutsch abhalten können, verlassen sie den hektischen Wartebereich und ziehen sie sich in ein ruhiges Zimmer zurück. Auch Ambrosch wird von einer Nutzerin zu einem Gespräch gebeten. Hier ist weniger Privatsphäre gefragt. Die beiden gehen auf eine Tasse Kaffee in das angrenzende Neunerhaus Café.

Zwischen September vergangenen Jahres und April dieses Jahres hat die Praxis Psychische Gesundheit rund 1.000 Kontakte mit Nutzern verbucht. Bereits zu Beginn des Projekts haben Stephan Gremmel und Hammer vom Neunerhaus damit gerechnet, dass sich, nicht zuletzt durch die Pandemie, die Zahl der psychischen Belastungen und Erkrankungen erhöhen wird. Eine Vermutung, die sich bestätigte. Die Österreichische Sozialversicherung hat im März erhoben, dass in Österreich rund 900.000 Menschen innerhalb eines Jahres wegen psychischen Erkrankungen das Gesundheitssystem in Anspruch genommen haben. In den vergangenen drei Jahren sei die Zahl der Betroffenen stark - um rund 12 Prozent - gestiegen. Aus dieser Statistik fallen die Nutzer des Neunerhauses allerdings heraus, handelt es sich doch um obdachlose und nicht-versicherte Personen.

Das Projekt konnte bis April durch Unterstützung des Sozialministeriums finanziert werden. Seit einem halben Jahr wird es von Neunerhaus selbst getragen, die Verantwortlichen bemühen sich um weitere Finanzierungspartner. Sozialminister Johannes Rauch (Grüne) war im Juli in der Einrichtung zu Besuch. Das Projekt sei in der aktuellen Zeit, in der wir mehreren Krisen, etwa durch Teuerung und Erderwärmung, gegenüberstehen, von besonderer Bedeutung. "Das Neunerhaus entwickelt mit seinen Ansätzen und Hilfsangeboten innovative Zugänge und Lösungen, die schnell und unkompliziert Hilfe bieten." Eine fortführende Förderung vonseiten des Sozialministeriums werde derzeit geprüft. Zu welchem Zeitpunkt diese Prüfung abgeschlossen sein wird, konnte er nicht sagen.

Lob und Kritik

Ein kurzer Rundgang durch den 5. Bezirk zeigt, dass das Projekt insgesamt gut ankommt. Viele Anrainer würden gerne spenden. "Momentan ist es aber bei mir selbst sehr knapp", lässt eine ältere Dame wissen. Andere erzählen, regelmäßig zu spenden, aber die Geldbeträge in den vergangenen Monaten reduziert zu haben, weil sie es sich nicht mehr leisten könnten, so viel zu geben. Einige könnten sich auch vorstellen, zukünftig die Grätzeloase und das Kaffeehaus zu nutzen und so in Kontakt mit den Nutzern zu kommen. Wenn die Sprachbarriere nicht im Weg steht, würden sich vielleicht nette Gespräche ergeben, so der Tenor.

Vereinzelt gibt es aber auch Kritik. Ein junger Mann meint etwa, manche Menschen würden ihre psychischen Belastungen als Ausrede nutzen, um nicht arbeiten zu müssen. Ein Vorwurf den Carmen Ploch, Peer-Mitarbeiterin der Praxis Psychische Gesundheit und früher selbst jahrelang obdachlos und psychisch belastet, kennt. Es sei immer ihre Angst gewesen, dass sie nicht ernst genommen wird, weil es um die Psyche ginge. Durch das Projekt Praxis Psychische Gesundheit wurde ihrer Meinung nach eine Versorgungslücke geschlossen, die damals noch geklaffte. Reden sei dabei der wichtigste Aspekt. "Wie gerne hätte ich jemanden gehabt, der eine halbe Stunde einfach mit mir redet."

Am späten Vormittag kehrt bei den Anmeldeschaltern Ruhe ein. Die Menschen sind weitervermittelt oder warten im Wartebereich auf ihre Behandlungen. Ambrosch und Czarnowska haben ihre Gespräche beendet. Sie haben jetzt Zeit zum Durchatmen, können im Mitarbeiterbereich kurz die Maske abnehmen.

Bald müssen sie wieder hinaus, sich unter die Leute mischen und schauen, wo sie Unterstützung anbieten können.