Alle wollten raus. Weg von den Kühen, den Hendln, den Misthaufen. Sie wollten den provinziellen Mief abstreifen, dem Tratsch entfliehen, die Langeweile des Kaffs hinter sich lassen. Sie wollten endlich eine Arbeit finden. Sie hatten genug vom Dorf. Der Begriff stand für Borniertheit, Konservativismus, soziale Kontrolle, Strukturschwäche. Ganze Generationen flohen vom Dorf in die Anonymität Wiens. Sie tauschten Germknödel gegen Kebap, Traktor gegen U-Bahn, Kirchenwirt gegen Club, Kuhstall gegen Hörsaal.

Nun holt sie die Vergangenheit ein. Das Dorf erlebt eine ungeahnte Blüte. Nicht am Land - wo es hingehört - nein, das Dorf erobert die Stadt. Plötzlich ist Wien voller ruraler Sehnsüchte. Die Werbestrategen der Großinvestoren propagieren Stadtentwicklungsgebiete als urbane Dörfer. "Village im Dritten" nennt sich etwa ein elf Hektar großes Entwicklungsgebiet in der Landstraße. Es wirbt mit dem Slogan "Wohnen. In der Stadt. Wie am Land. Mit bester Infrastruktur." Aber auch Baugruppen - also selbstinitiierte Wohnformen - wollen in ihren Häusern dörfliche Strukturen etablieren. Innerstädtische Hotels und Apartmenthäuser sehen sich als Dorf in der Stadt. Kulturzentren wie der Markhof in der Landstraße werben genauso mit dem Dorf wie das soziale Wohnprojekt Apfelbaum in Hernals. Ganze Grätzel eignen sich das Dorf an und tragen es stolz wie einen Orden. Städter wollen keine Städter mehr sein, sie wollen im Dorf leben, ohne umzuziehen. Aus dem verhassten Begriff ist ein rührseliges verklärtes Idyll geworden.

An Heurigentischen beim Straßenfest zusammensitzen, im Wirtshaus schnapsen, Papierblumen für den Maibaum binden, am Dorfplatz diskutieren. Die Lockdowns der Corona-Pandemie - als die Wiener isoliert in ihren Wohnungen hockten - befeuerten die Lust aufs Land. Es ist der Wunsch nach sozialer Nähe, Zusammenhalt, Nachbarschaft, der die Dorf-Metapher so attraktiv macht.

Büllerbü ist ein Trugschluss

Im Dorf erfüllt er sich nicht. Das Bedürfnis nach Büllerbü ist ein Trugschluss. Sicher, man kennt sich am Land. Springt der Rasenmäher nicht an, steht der Nachbar mit dem Benzinkanister bereit. Danach gibt es Stehbier in der Garage. Doch Nähe hat nicht nur ihre soziale Seite. Schnell kann sie kippen. Verhalten außerhalb der Norm akzeptiert das Dorf nicht. Einmal den lebenden Zaun nicht rechtzeitig gestutzt, schon wird der Benzinspender zum Denunzianten. Der schlampige Garten ist Thema am Stammtisch. Die Lappalie bekommt konspirativen Charakter. Es ist ja nicht nur der Garten, das Auto hat er auch schon lange nicht mehr gewaschen. Seine Frau ist in letzter Zeit verlottert. Die Haare fettig, die Bluse faltig, die Augen müde. Sind Eheprobleme der Grund für die buschige Hecke? Man kennt die ungustiöse Dynamik des Dorftratsches. Tratsch ist kein Spezifikum des Dorfes. In der Stadt zerreißen sich die Leute genauso das Maul. Doch hier kann man fliehen. Anonymität schützt. Über den Unbekannten, der besoffen durch die Straßenbahn grölt, lässt sich nur bedingt lästern. Kennt ihn das ganze Dorf, wird über Jahre getuschelt.

Im Dorf kennt jeder jeden. Und alle sind gleich. Hier leben ähnliche Menschen nebeneinander. Sie stammen aus derselben sozialen Sicht, gehören derselben Religionsgemeinschaft an, spielen im selben Verein Fußball. Sie haben ähnliche politische Ansichten, ähnliche Interessen, ähnliche Werte, ähnliche Mentalitäten, ähnliche Bildungsgrade. Schließen sie ein Studium ab, ziehen sie weg. Einzig im Alter unterscheiden sich die Dorfbewohner. Generationsübergreifendes Wohnen üben sie seit Generationen. Können tun sie es nicht. Wird ein Bauernhof übergeben, mischt sich der Altbauer bis zum Lebensende ein. Persönliche Grenzen werden überschritten, Bedürfnisse ignoriert, Beziehungen dem wirtschaftlichen Erfolg des Hofes untergeordnet. Über den Kirchplatz geht die Familie trotzdem gemeinsam. Die Fassade muss gewahrt werden. Die Nachbarn könnten tratschen.

Dörfer sind soziale Gruppen, hermetisch abgeriegelte Blasen. Von außen kommt niemand hinein. Ziehen Städter ins Dorf, bleiben sie für immer die Zugereisten, mögen sie sich noch so integrieren, mögen sie der Feuerwehr noch so viele Bierkisten spenden. Sie sind maximal akzeptiert. Teil der Gruppe sind sie nicht. Das Dorf ist nicht divers. Es kann mit dem Fremden nicht umgehen. Soziale Nähe am Land ist eine Mär. Die findet in der Stadt statt. In den Grätzeln, die so gerne ein Dorf wären.

Rückzug ins Private

Hier gibt es unzählige Milieus. Die Stadt ist ein Konglomerat unterschiedlichster Schichten, Kulturen, Altersgruppen. Der Arbeitslose lebt neben der Managerin, die Hochbetagte neben der kinderreichen Familie, der freiheitliche Stammwähler neben dem türkischen Ehepaar. Zugegeben, meist kennen sie sich kaum und obwohl sie Tür an Tür wohnen, bleiben sie in ihren Blasen. Doch ihre Wege kreuzen sich. Der Städter weiß, dass es neben seiner Lebensrealität noch viele andere gibt. Er sieht sie täglich auf dem Weg in die Arbeit, im Supermarkt, in der Bim, im Park, während der Dorfbewohner nur ähnliche Menschen innerhalb seiner sozialen Gruppe sieht. Und manchmal - wenn auch viel zu selten - interagieren die urbanen Milieus. Da sind die Punks, die ein Haus besetzen und sich mit den verbliebenen Mietern gegen den Abriss stemmen. Da sind die Kinder unterschiedlichster Herkunft, die gemeinsam im Käfig im Stadtpark kicken. Da ist der "Augustin"-Verkäufer, der mit dem karnezierten Zwillingsvater vorm Billa tratscht. Im Dorf ist das undenkbar. Nicht, weil seine Bewohner kleinkarierter wären (in diesem Bereich stehen ihnen die Wienerinnen und Wiener um nichts nach), sondern weil sich die Möglichkeit nicht ergibt. Die städtische Vielfalt darf nicht unterschätzt werden. Sie erweitert das Bewusstsein. Sorgt eine Burka im Dorf noch immer für Irritation, hat sich der Städter längst daran gewöhnt. Irokesenschnitt, halbnackte Jogger, Transgender, Gesichts-Tattoo, lauthalse Selbstgespräche - vieles, was in der Provinz empört, ist in Wien keinen müden Blick wert.

Der Stadt ist das Fremde nicht fremd. Es ist einer ihrer Wesenszüge. Der urbane öffentliche Raum definiert sich durch Vielfalt. In ihm begegnen wir dem Fremden und Andersartigen und treten mit ihm in Austausch. Davon lebt die Stadt. Davon lebt die Demokratie. Dem öffentlichen Raum steht der private gegenüber. In ihn ziehen wir uns zurück, sind intim, begegnen uns selbst. Der US-amerikanisch-britische Soziologe Richard Sennet kritisierte in seinem Buch "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität" bereits 1977 den kollektiven Rückzug aus der Öffentlichkeit im modernen Kapitalismus. Das Private nimmt überhand. Öffentliche Plätze verlieren ihren demokratischen Charakter, sie werden zunehmend exklusiver, schließen Teile der Gesellschaft aus, sind nicht mehr für alle da. Defensive Architektur, also etwa Parkbänke, die so gestaltet sind, dass Wohnungslose nicht auf ihnen schlafen können, oder die Privatisierung einst öffentlicher Flächen, auf denen nun Konsumpflicht herrscht - wie die Schanigärten am Donaukanal oder Bahnhöfe, die zu Einkaufszentren werden -, sind Ausdruck dieser Entwicklung. Sie nimmt dem öffentlichen Raum seine Multifunktionalität. Er verliert seine Vielfalt.

Schiefe Metapher

In diesem Sinn wird Wien tatsächlich zum Dorf. Munter frisst sich die Ruralisierung durch die Stadt. Plätze, Parks, Märkte werden zum Dorfplatz, auf denen sich Gleiche mit Gleichen treffen. Hier sind die Bänke für die alten Menschen, hier ist der Spielplatz für die Kinder, hier leben die Ausländer, dort das gehobene Bürgertum. In diese Schule gehen die Kinder der Akademiker, in diese die der Hackler. Die Segregation verleiht der Stadt dörflichen Charakter. Nach Sennets Definition von Öffentlichkeit - deren bestimmendes Merkmal eben die Begegnung mit dem Andersartigen ist - existiert sie im Dorf nicht. Alles ist privat, nichts Gemeinwesen.

Baugruppen sind das genaue Gegenteil. Sie wollen divers sein, einen breiten Querschnitt der Gesellschaft abbilden. Ihre Wohnprojekte stellen das Öffentliche vor das Private. Sie verzichten auf großzügige Wohnungen zugunsten von Gemeinschaftsflächen. Sie betreiben inklusive Grätzelküchen für alle Milieus der Nachbarschaft. Paradoxerweise subsumieren sie all das unter dem Begriff Dorf. Die Metapher könnte schiefer nicht sein. Will man sich unbedingt einem Vergleich bedienen, dann ist eine Baugruppe eine Stadt in der Stadt.

Auch der Markhof sieht sich als Dorf in der Stadt. Ist er nicht. Zum Glück. - © WZ
Auch der Markhof sieht sich als Dorf in der Stadt. Ist er nicht. Zum Glück. - © WZ

Doch das Dorf zieht bei den Städtern. Es suggeriert pittoreske Bilder - malerische Weiler, Ansiedlungen von Steinhäuschen auf saftigen Wiesen, wie in der Verfilmung eines Rosamunde-Pilcher-Romans. Die Menschen gehen zu Fuß zum Greißler, der Postboote bringt die Liebesbriefe mit dem Fahrrad, nach der Stallarbeit treffen sich die Bewohner in Gummistiefeln im kleinen Café am Platz - und am Heimweg holen sie die Kinder von der Dorfschule ab. Vorstellung und Realität klaffen auseinander. Im Dorf ist nichts in Gehweite. Die Wirtshäuser sind ausgestorben, Greißler gibt es schon ewig keine mehr, die Postfilialen wurden zentralisiert. Mit viel Glück hängt irgendwo ein Zigarettenautomat. Am Land braucht jeder für alles ein Auto. Die Butter beim Wocheneinkauf vergessen? Der nächste Hofer ist sechs Kilometer entfernt. Die Provinz besteht aus Pendlern. Im Dorf selbst arbeitet höchstens der Bauer, dessen Kinder den Hof um nichts in der Welt übernehmen wollen. Noch gehen sie in die Schule in der nächsten Stadt. "Gehen" ist am Land natürlich ein Euphemismus. Die Kinder reisen mit dem Postbus über Stunden an. Kompakte Dörfer mit einer guten Infrastruktur gibt es nicht mehr. Autolose Familien sind ein Phänomen der Stadt. Hier sind Beisl, Arbeitsplatz, Kino, Supermarkt, Apotheke fußläufig erreichbar. Wenn nicht, hilft die U-Bahn, die alle paar Minuten - und nicht zweimal am Tag - kommt.

Es gibt viele Gründe das Dorf zu lieben. Frische Luft, Natur, leistbarer Wohnraum, Platz für Werkstatt und Garten, Spaziergänge im Wald, Nachbarschaftshilfe. Es gibt kein SchwarzWeiß. Stadt und Dorf haben Vor- und Nachteile. Doch die Nachteile des Dorfes haben in der Stadt nichts verloren. Und seine Vorteile sind in der Stadt nicht implementierbar. Die Stadt im Dorf will auch niemand. Möge das Dorf der Stadt noch lange erspart bleiben. Generationen sind vom Dorf nach Wien geflohen. Sie wissen warum.