Es wird ein herausfordernder Winter. Mieten, Energie- und Benzinpreise, Inflation, Covid-Infektionsrate - alles droht zu steigen. Die Menschen suchen nach Strategien, trotzdem über die Runden zu kommen. Sie drehen den Thermostat erst dann rauf, wenn sie selbst im Merino-Pullover frieren. Sie legen Fensterpolster ins Holzkastenfenster. Sie durchforsten Werbebroschüren nach Schnäppchen. Sie kaufen den neuen Fernseher doch erst später. Sie streichen den Skiurlaub in Tirol. Und sie fahren Fahrrad.

Das Rad ist das urbane Fortbewegungsmittel der Stunde. Es braucht keinen Sprit, es ist günstig, klimafreundlich und schnell. Am Rad steckt sich niemand mit Covid an. Gesund ist Radfahren auch. In vielen westlichen Metropolen boomt Radfahren. Auch in Wien - einer Stadt, die nicht unbedingt als radfreundlich gilt - steigt die Zahl der Radfahrer von Jahr zu Jahr. Selbst im Winter schwingen sich immer mehr Menschen in den Sattel. Durch die hohen Spritpreise dürften heuer noch mehr Wienerinnen und Wiener dem eisigen Fahrtwind trotzen.

Ein Viertel fährt auch im Winter

Um die Entwicklung des Radverkehrs in Wien zu überblicken, betreibt die Stadt 18 automatische Radverkehrszählstellen - etwa auf der Argentinierstraße, der Operngasse, der Lassallestraße. Auf diesen Radwegen sind Drahtschleifen zwei Zentimeter tief in den Asphalt eingelassen. Rollt ein Rad darüber, wird es gezählt. Die Zahlen sprechen für sich. Laut städtischer Mobilitätsagentur - die die Daten veröffentlicht - nimmt der Radverkehr in Wien seit 2011 kontinuierlich zu. Die Corona-Pandemie gab dem Trend noch einmal Schub. Die Gefahr der Ansteckung in den öffentlichen Verkehrsmitteln veranlasste viele Wienerinnen und Wiener, auf das Rad umzusteigen. So erhöhte sich die Zahl der Radler seit 2019 um satte 13 Prozent. Sie bleiben dem Fahrrad bis heute treu. 9,2 Millionen Radfahrende wurden 2020 an allen Messstellen gezählt. 2021 waren es mit 9,3 sogar einen Hauch mehr.

Der stärkste Rad-Monat ist der Juni (1,3 Millionen Zählungen im Jahr 2021), gefolgt von den Monaten Juli, August, September. Im Winter nimmt die Zahl der Radfahrenden naturgemäß ab. Gut ein Viertel fährt auch in den kalten Monaten mit dem Rad. Auch hier zeigt der Trend nach oben. Waren im Dezember 2011 auf der Argentinierstraße an Werktagen im Schnitt 918 Radfahrer unterwegs, verdoppelte sich der Wert bis zum Jahr 2021 fast auf 1.647, wie eine Auswertung von Nast Consulting zeigt. Das Unternehmen bietet Dienstleitungen für Verkehr-, Umwelt- und Raumplanung. An allen Messstellen der Stadt wurden im Dezember 2021 insgesamt 348.568 Radfahrer gezählt. Im Vorjahr waren es mit 364.227 zwar deutlich mehr, was allerdings an den Wetterbedingungen liegen dürfte. Der Winter 2021 war - für Wiener Verhältnisse - schneereich und kalt. Laut Daten der Stadt gab es an 19 Tagen eine Schneedecke, an 57 Tagen sanken die Temperaturen unter null Grad. Im Jahr 2020 war es lediglich an zwei Tagen weiß, Frosttage gab es insgesamt 42.

Wetter und Mobilitätsverhalten stehen also im direkten Zusammenhang. Das zeigt auch der heurige September. Laut Daten von Nast Consulting verzeichneten beinahe alle Zählstellen einen deutlichen - teilweise sogar zweistelligen - Rückgang des Radaufkommens im Vergleich zum Vorjahr. Die Temperaturen lagen unter dem langjährigen Schnitt, vor allem die zweite Monatshälfte war feucht und kühl.

Tipps für den Winter

Im Winter rechnet die Wiener Mobilitätsagentur wieder mit einem Anstieg des Radverkehrs. "Immer mehr Menschen legen in Wien ihre Wege auch im Winter mit dem Fahrrad zurück. Unterstützt wird der Trend zum Radfahren in der kühlen Jahreszeit durch mildere Winter", sagt Martin Blum, Fahrradbeauftragter der Stadt Wien gegenüber der "Wiener Zeitung".

Natürlich ist es im Winter gefährlicher, durch die Stadt zu radeln. Der Bremsweg verlängert sich bei nasser und glatter Fahrbahn. Nebel und Dunkelheit verschlechtern die Sichtverhältnisse. Splittstreuung und Matsch verringern die Bodenhaftung. Die Stadt empfiehlt, etwas Luft aus den Reifen zu lassen, um den Straßenkontakt zu erhöhen, vorausschauend, umsichtig und langsam zu fahren, dosiert zu lenken und natürlich einen Helm zu tragen. Vor dem Winter ist es ratsam, vor allem die Bremsen zu warten, auf ein gutes Reifenprofil zu achten, für ausreichende Beleuchtung zu sorgen.

In Wien ist die MA 48 (Abfallwirtschaft, Straßenreinigung, Fuhrpark) für den Winterdienst zuständig. 1.300 Kilometer des 1.661 Kilometer langen Wiener Radnetzes werden von Schnee und Eis befreit. Davon erhalten 280 Kilometer - die Stadt spricht vom Winter-Radwegbasisnetz - besonders intensive und bevorzugte Betreuung. Am Schneetelefon können sich Radfahrer informieren, welche Wege bereits geräumt sind.

Mit Services wie diesem, will die Stadtregierung das radunfreundliche Image der Stadt abstreifen. Trotz steigendem Radaufkommen - und langjähriger grüner Regierungsbeteiligung - ist Wien kein Rad-Eldorado. Der sogenannte Modal Split zeigt die Verteilung des Personenverkehrs auf die verschiedenen Verkehrsmittel. In Wien wird er jährlich erhoben. Der Anteil der Radfahrer dümpelte lange bei sieben Prozent herum. Erst in der Pandemie stieg er auf neun. In Graz lag er schon im Jahr 2019 bei 14, in Klagenfurt bei 17, in der Stadt Salzburg sogar bei 20 Prozent.

Die neue Normalität

Natürlich, Städte haben unterschiedliche Strukturen und sind schwer zu vergleichen. In Wien gibt es auch deshalb weniger Radfahrer, weil der öffentliche Verkehr gut funktioniert und hoch frequentiert wird. 30 Prozent der Wege wurden 2021 mit Bus, Bim, S- oder U-Bahn zurückgelegt. Ein Wert, um den die Stadt international beneidet wird. Doch das Rad hat Aufholbedarf. Das weiß auch die rot-pinke Stadtregierung. Bis Ende des Jahres soll das Radnetz um 17 Kilometer wachsen. So wird etwa der stark frequentierte Radweg in der Lassallstraße (mehr als eine Million Fahrrad-Zählungen im Jahr 2021) ausgebaut. Die Sanierung der Heiligenstädter Brücke wird für einen Lückenschluss im Radnetz zwischen 19. und 20. Bezirk genutzt. Auch der Erdberger Steg und die Kagraner Brücke erhalten neue Radspuren.


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Stück für Stück versucht die Stadt, ihr Radnetz zu flicken. Das gilt als verfranzt. Radwege die plötzlich im Nichts enden, finden sich in jedem Grätzel. "Das Wiener Radnetz ist unvollständig. Ein Fleckerlteppich, aber keine flächendeckende Infrastruktur", kritisierte Ulrich Leth, Verkehrsexperte der TU Wien, Wiens Radwege zu Beginn der Pandemie in der "Wiener Zeitung". Mit dem abrupten Anstieg des Radverkehrs durch Corona und den nun steigenden Spritpreisen könnte sich das ändern. Die Pop-up-Radwege Anfang 2020 waren eine erste Reaktion auf die neue pandemische Verkehrssituation. Sie ist zur Normalität geworden. Nun nimmt die Stadtregierung den Spaten in die Hand.

Denn der Nutzungsdruck steigt. Im Regelfall kommen mit einem guten Radnetz auch die Radfahrer. Diesmal ist es genau umgekehrt. Die vielen Radfahrer brauchen angemessene Bedingungen. Verbessern sich wiederum die Bedingungen, nimmt der Radverkehr weiter zu.

In Krisen steigen die Menschen aufs Fahrrad. Unsere Welt ist voller Krisen. Das Fahrrad ist krisenfest. Es geht gestärkt aus ihnen hervor.