Der schwarze Lack ist bereits geronnen. Wie eine Wasserlache ist er über die Marmorstufen geflossen. Das Relief im Sockel der Statue ist mit schwarzen Rinnsalen überzogen. Hinter der Aktion stecken wohl keine Klimaaktivisten. Am Montag schütteten Unbekannte schwarze Farbe auf das Lueger-Denkmal im 1. Bezirk.

Das 27 Meter hohe Lueger-Denkmal ist das umstrittenste der Stadt. Am Montag wurde es mit schwarzer Farbe übergossen.
 
- © Florian Boschek
Das 27 Meter hohe Lueger-Denkmal ist das umstrittenste der Stadt. Am Montag wurde es mit schwarzer Farbe übergossen.

- © Florian Boschek

Es ist nicht das erste Mal. Das Denkmal ist Farbe gewöhnt. Bereits vor zwei Jahren wurde es mit dem Schriftzug "Schande" übersäht. Der vermeintliche Vandalismus entpuppte sich als überfälliger Anstoß. Erst die Graffitis brachten Schwung in eine nicht enden wollende Debatte.

Das monumentale Denkmal ist das umstrittenste der Stadt. Seit seiner Enthüllung im Jahr 1926 steht das Lueger-Denkmal am gleichnamigen Dr.-Karl-Lueger-Platz in der Kritik. Bereits damals trat der Architekt und Oberbaurat der Stadt Wien, Otto Wagner, erfolglos gegen seine Aufstellung ein. Spätestens seit den 1990er-Jahren war das Ehrenmahl für den rabiaten Antisemiten Lueger – geschaffen vom nationalsozialistischen Bildhauer Josef Müllner – in seiner ursprünglichen Form nicht mehr tragbar. Doch die Bronzestatue des ehemaligen Wiener Bürgermeisters blickte weiter erhaben über die Stadt. Debatten, Interventionen, Umgestaltungs-Wettbewerbe, offene Briefe, die Forderung der Schleifung, Uneinigkeiten innerhalb der Stadtregierung, eine halbherzige Erklärungstafel – alles prallte an ihr ab.

Stadt unter Zugzwang

Die erste Sprüh-Aktion im Frühling 2020 brachte die Stadt unter Zugzwang. Das Bild der sozialdemokratischen Stadt, die Hitlers Vorbild Lueger von der Schande des Antisemitismus reinwäscht, wollte die Wiener Stadtverwaltung nicht liefern. Nichtstun war auch keine echte Option. Also umstellte die Stadt das Denkmal über Monate mit einem Bauzaun. Sie wollte nachdenken und Nägel mit Köpfen machen.

Im Oktober eröffnete Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) schließlich die Installation "Lueger temporär" von Nicole Six und Paul Petritsch. Die knapp 13 Meter hohe und 35 Meter lange Holzkonstruktion verstehe sich als weiterer Beitrag zur Debatte um das Denkmal. Sie sei "ein wichtiger Schritt, den Platz als lebendigen Mahn- und Lernort gegen Antisemitismus und politischen Populismus zu gestalten", sagte Kaup-Hasler. Im September 2023 soll die Installation einer permanenten künstlerischen Kontextualisierung weichen. Im Oktober startete die Ausschreibung des Wettbewerbs.

Doch bereits "Lueger temporär" sorgte im Herbst für heftige Kritik. Das Kunstwerk sei eine "weitere Überhöhung der Figur Lueger", sagte etwa Kultursprecherin Ursula Berner von den Wiener Grünen. Denn es zeigt die 16 – noch immer vorhandene – Lueger-Statuen, Büsten und Gedenktafeln in Wien in schemenhaften Umrissen. Die Jüdische Hochschülerinnenschaft sieht es ähnlich. Demnach schmücke "Lueger temporär" die Ehrungen Luegers mit bunten Farben, satt Luegers Antisemitismus zu thematisieren.

Die Debatte wird wohl nicht so rasch enden. Über die Jahre fand sie zu keiner fruchtbaren Lösung. Der neue schwarze Lack-Fleck zu Füßen des Antisemiten ist nun Teil der Diskussion.