Stahlbeton, wohin das Auge reicht. Gruselig hallen die eigenen Schritte nach. "Gleich sind wir oben", beruhigt Marcello La Speranza, der wie ein Wiesel die Stiegen hinaufspringt und schließlich eine Glastür öffnet. "Erinnern im Innern" heißt die Ausstellung im ehemaligen Flakturm im Esterhazypark,in dem sich auch das Haus des Meeres befindet. Hier wird an ein dunkles Kapitel der Stadt erinnert. Die Ausstellung zeigt Bilder und Relikte aus dem Flakturm, diversen Bunkern und Luftschutzkellern in Wien, die in der Kriegszeit errichtet wurden. "Ja, das Interesse am Flakturm- und dem Bunkermuseum ist in den vergangenen Monaten stark gestiegen", stellt La Speranza fest. Der Grund ist für ihn klar - der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine.

Insgesamt stehen in Österreich heute rund zwei Millionen Schutzraumplätze zur Verfügung, ein Großteil davon befindet sich in Privathäusern, heißt es vom Österreichischen Zivilschutzverband. Rund 158.000 dieser Räume sind in Bundesbauten wie Schulen und Dienststellen des Bundes. Bezieht man diese Zahl auf die in Österreich lebende Bevölkerung, so sind für etwa 26 Prozent der Bevölkerung Schutzräume theoretisch vorhanden. Davon ist ein Großteil jedoch nicht einsetzbar. Wie viele es in Wien sind, kann Wolfgang Kastel von den Helfern Wiens, dem Wiener Zivilschutzverband, nicht beantworten. Während des Kalten Krieges wurden in den öffentlichen Ämtern in den Bundesländern Schutzräume eingerichtet. Ebenso wurden private Hauseigentümer gefördert, damit sie in ihren Kellern einen einrichten konnten.

Das Interesse am Bunkermuseum ist in den vergangenen Monaten gestiegen. Erben - © Erben
Das Interesse am Bunkermuseum ist in den vergangenen Monaten gestiegen. Erben - © Erben

La Speranza geht zu einer Vitrine, in der sich historische Gasmasken befinden. La Speranza kennt die Bunker der Stadt. Nicht nur die sechs Flaktürme - auch eine Vielzahl anderer Bunker und Schutzräume habe er in den vergangenen Jahrzehnten erforscht, erzählt der Historiker. Es waren Hoch- oder Tiefbunker, wovon die meisten im Jahr 1940 im Zuge des so genannten "Führer-Sofort-Programmes" errichtet wurden, um die BewohnerInnen besser vor den Luftangriffen der Alliierten zu schützen. Die massiven Flaktürme wurden ab 1943 gebaut, als der Bombenkrieg Wien erreichte. Die Abschlussdecke des Esterhazyturms ist etwa drei Meter stark; die Außenwende messen 2,5 Meter.

Kalter Krieg im Keller

Von den mehr als 30 Bunkern aus der Kriegszeit existiert heute nur noch eine Handvoll, da viele zugeschüttet, abgemauert oder abgerissen wurden. Die noch existierenden wie jene im Schönbornpark oder unter dem Schuhmeierplatz werden als Depoträume genutzt. Öffentlich sind sie hingegen nicht zugänglich. Der ehemalige Luftschutzbunker unter dem Friedrich-Schmidt-Platz wurde zu einer Garage umfunktioniert. Der Tiefbunker unter dem Yppenplatz, dessen Eingang sich direkt beim Klettergerüst eines Spielplatzes befindet, soll bald zu einem Ort für Kunstprojekte werden.

Bis zu 40.000 Menschen - vor allem Mütter und ihre Kinder - flohen in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs hierher. Schutzbauten sind sie heute jedoch keine mehr - weder im Falle eines nuklearen Angriffs noch bei einer Verstrahlung infolge eines Unfalls in einem grenznahen Atomkraftwerk. Vorhanden - jedoch nicht gewartet - sind auch die Bunker, die während des Kalten Krieges entstanden. Davon eignen sich die wenigsten aufgrund ihres schlechten Zustands heute als Schutzraum; andere werden etwa als Garderoben genutzt - so etwa jener in der HBLVA Rosensteingasse, wo es Schutzraumfilter oder eine Toilette aus Nirosta gibt. Die ABC-Technik wurde erst vor wenigen Jahren eingebaut. Bunker neuester Bauart wurden zum Beispiel im Keller des Gymnasium in der Polgarstraße in Wien-Donaustadt und unterhalb des Amtsgebäudes in der Radetzkystraße in Wien-Landstraße errichtet. Letzterer ist der größte seiner Art in Österreich.

Doch nicht nur der Staat errichtete Bunker und Schutzräume, sondern auch eine Ordensgemeinschaft. Im ehemaligen Haus der Salesianer Don Bosco in Wien-Hietzing befindet sich im Keller ein rund 150 Quadratmeter großer Atombunker. Von der Schutzraum-Einrichtung sind noch die kompakten Luftschutz-Türen, die Überdruckventile und ein Schutzraumbelüfter vorhanden. Der Notausstieg führt zu einem hinter dem Haus liegenden Garten. Genutzt wurde der Bunker bis zuletzt jedoch als Partyraum. Davon zeugen Bilder und Plakate an den Wänden. Wer ihn sehen möchte, sollte sich beeilen: Denn das gesamte Gebäude und auch der Atombunker werden demnächst abgetragen.

Wohnung als Schutzraum

Von einer Unterbringung der Bevölkerung in Schutzräumen wie Bunkern rät der Zivilschutzverband hingegen ab. "Aktuell gibt es keine gesetzliche Verpflichtung zur Errichtung von Schutzräumen in öffentlichen Gebäuden", sagt Wolfgang Kastel, Geschäftsführer der Helfer Wiens, dem Zivilschutzverband in Wien, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die eigene Wohnung sei der ideale Raum, um sich vor radioaktiver Strahlung zu schützen. Denn sie biete nach einem radioaktiven Unfall in einem Nachbarland ausreichend Schutz. Kastel beobachtet seit Monaten ein wachsendes Interesse der Wienerinnen und Wiener an den Themen Schutzraum und Blackout und empfiehlt die kostenlose Vorträge der Zivilschutzverbände, um sich darüber zu informieren und beraten zu lassen.

"Prinzipiell bieten sich die tiefer gebauten unterirdischen Stationen der U-Bahn als Bunker an, allerdings gilt es hier auf die spezifischen Gegebenheiten zu achten", heißt es dazu von den Wiener Linien. Beim Bau wurden keine Vorkehrungen getroffen. Schutzräume in den Bundesbauten werden von der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) bzw. dem jeweils nutzenden Ressort verwaltet, so das Innenministerium auf Anfrage. Es liege auch nicht in dessen Zuständigkeit, bundesweit Schutzräume für die Zivilbevölkerung zur Verfügung zu stellen oder eine Erhebung aller verfügbarer Schutzräume durchzuführen.

Keine Zahlen

Zahlen gebe es keine. "Hinsichtlich öffentlicher Gebäude der Länder und privater Bauten liegt dort die Zuständigkeit." Mittlerweile gebe es in landesgesetzlichen Vorschriften keine Verpflichtung mehr, Schutzräume zu errichten. In öffentlichen Gebäuden des Bundes seien in der Vergangenheit aber welche errichtet worden, ergänzt das Innenministerium.

Die Führungen seien jedes Mal gut besucht, freut sich La Speranza. Helme, Gasmasken, Radios, Abschussberichte oder ein Entfernungsmesser zeigt er den Besuchern von "Erinnern im Innern". Auch Kinderspielzeug oder ein Gasbettchen für Babys hat der 57-Jährige aus dem Schutt des Flakturms gerettet. Er war in hunderten Kellern von Gründerzeithäusern unterwegs, die er wie kein anderer auch "von unten" kennt. Immer wieder erhält er auch von den Besucher Relikte aus der Kriegs-Zeit, die dann oft einen Platz in der Ausstellungssammlung in beinahe 50 Meter Höhe finden. Historiker Marcello Marcello La Speranza geht wieder zum Eingang der Ausstellung zurück.

Dass die Öffentlichkeit nicht erfährt, wie viele einsatzfähige Schutzräume es in Wien heute gibt, versteht der Wiener mit italienischen Wurzeln nicht. "Denn genau das wäre für den Ernstfall sehr wichtig."