Es war Mord. So lautete das Urteil am Wiener Landesgericht im Prozess um den Fall der 13-Jährigen, die Ende Juni 2021 unter Drogen gesetzt und vergewaltigt wurde und schließlich starb. Dabei mussten sich drei junge Männer verantworten. Der Hauptangeklagte wurde wegen Mordes und Vergewaltigung schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Die beiden anderen wurden des Mordes durch Unterlassung für schuldig befunden und zu 20 beziehungsweise 19 Jahren Haft verurteilt.

Jeder der Beschuldigten hatte angegeben, einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit dem Mädchen gehabt zu haben, alle hätten danach geschlafen und dann hätten alle vorbildlich Erste Hilfe geleistet, so die Staatsanwältin. "So kann es nicht gewesen sein, weil sonst würden wir hier nicht sitzen."

Die Ankläger gingen von folgendem Tatablauf aus: Die Gruppe war mit der 13-Jährigen in die Wohnung des Zweitangeklagten gegangen, dort wurden Drogen konsumiert und gechillt. Um 2.00 Uhr hatte das Mädchen noch telefonischen Kontakt mit einem Freund, da klang sie noch nicht beeinträchtigt. Danach soll der Drittangeklagte, der angab, der Freund der 13-Jährigen gewesen zu sein, das Mädchen bedrängt haben. Da haben laut Staatsanwältin die drei begonnen, den Tatplan umzusetzen, und mischten ihr das Ecstasy in ein Getränk. Es waren mindestens sechs Tabletten mit dem Wirkstoff MDA, aber wahrscheinlich waren es mehr. Laut toxikologischem Gutachten habe das Mädchen die dreifach letale Dosis im Körper.

"Diese Bilder bekommt man nicht aus dem Kopf"

Dann vergingen sich laut Anklage alle drei an ihr. Gegen 4.57 Uhr entstanden Videos, die prozessgegenständlich waren und unter Ausschluss der Öffentlichkeit den Geschworenen vorgespielt wurden. Da sei der Todeskampf des Mädchens zu sehen. "Das sind Bilder, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt", sagte die Staatsanwältin. Als sich der Zustand der 13-Jährigen verschlechterte, gaben sie ihr noch trinken und duschten sie ab. Doch das nutzte alles nichts mehr. Um die Tat zu verschleiern, brachten sie das Mädchen aus der Wohnung ins Freie und lehnten es an einen Baum. Um 6.56 Uhr erst riefen sie die Rettung, da war das Mädchen bereits tot.

"Keine Strafe" könne die 13-Jährige ihrer Familie zurückbringen, meinte die Staatsanwältin. Aber die Höchststrafe wäre aufgrund der vielen Erschwerungsgründe und der fehlenden Milderungsgründe mehr als gerechtfertigt, meinte die Anklägerin. Das Delikt Vergewaltigung mit Todesfolge sei in jedem Fall erfüllt. "Daran besteht überhaupt kein Zweifel. Da von einvernehmlichem Sex zu sprechen, ist eine Verhöhnung des Opfers", meinte die Anklägerin. Es haben sich durch das Beweisverfahren auch neue Anhaltspunkte ergeben, dass ein Mordvorsatz vorgelegen haben kann, spätestens als der Toxikologe sein Gutachten vorgetragen habe. Zudem hat der Erstangeklagte seinen Drogenkunden stets erklärt, nicht mehr als eine viertel Tablette Ecstasy zu konsumieren. Er müsse sich der Wirkung der Drogen bewusst gewesen sein. Mädchen seien kein "Freiwild", deren Lage durch Betäubung ausgenutzt werden könne, sagte die Staatsanwältin. "Solche Taten müssen unermüdlich aufgeklärt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden."

Die Verteidiger der drei Angeklagten, Wolfgang Haas, Thomas Nirk, Andreas Schweitzer und Sebastian Lesigang plädierten an die Geschworene, sich in ihrer Entscheidung nicht von Emotionen treiben zu lassen. Der Verteidiger des Drittangeklagten, Andreas Schweizer, machte darauf aufmerksam, dass der Fall in den Medien breitgetreten wurde: "Hier wird versucht, eine ganze Gruppe zu kriminalisieren." Die Geschworenen müssten aber objektiv entscheiden. "Das ist ein bisschen schwer, hier nicht mit Emotionen vorzugehen."

Auch baten die Rechtsvertreter, sich von jedem einzelnen Angeklagten ein Bild zu machen. Auch wenn von der Staatsanwaltschaft mehrfach die gemeinschaftlichen Tathandlungen der drei betont wurde, könne man nicht alle pauschal hier bewerten, sagte etwa Lesigang.

Nichts rechtskräftig

Die Urteile sind nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft gab keine Erklärung ab. Der Erstangeklagte erbat sich drei Tage Bedenkzeit. Der Zweitangeklagte nahm das Urteil an und der Drittangeklagte meldete Strafberufung an.

Die Männer hätten das Mädchen "wie ein Objekt" behandelt und eine "auffällige Gleichgültigkeit" für das Leben des Mädchens an den Tag gelegt, sagte die Vorsitzende des Schwurgerichts, Anna Marchart, bei der Urteilsverkündung. Der 20-Jährige blieb nur deshalb mit seiner Verurteilung von 20 Jahren unter der Höchststrafe, weil er als einziger bis dahin unbescholten war.

In den sieben Prozesstagen waren die letzten Stunden im Leben des Mädchen akribisch aufgerollt worden. Die Angeklagten, zahlreiche Zeugen und auch sechs Gutachter kamen zu Wort. Die gegen einen Baum gelehnte Leiche der 13-Jährigen war am frühen Morgen des 26. Juni 2021 von Passanten auf einem Grünstreifen vor einer Wohnhausanlage in der Donaustadt entdeckt worden. Recht schnell kam die Polizei auf die Verdächtigen, die sich zuvor mit dem Mädchen in der Nähe in einer Wohnung aufgehalten hatten.

Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass die Angeklagten - Männer afghanischer Abstammung im Alter von 19 bis 24 Jahren - das Mädchen in der Wohnung in Missbrauchsabsicht unter Drogen gesetzt und sich dann an der 13-Jährigen vergangen hatten. Das Mädchen überlebte den Drogencocktail nicht. Das Obduktionsgutachten ergab, dass die 13-Jährige infolge der Suchtmittelvergiftung und Ersticken eines gewaltsamen Todes starb.

Bis zum Schluss blieb unklar, wer dem Mädchen die Drogen verabreicht hatte. Die Angeklagten beschuldigten sich gegenseitig. Aufhorchen ließ am dritten Verhandlungstag der toxikologische Sachverständige, Günter Gmeiner. Seine Untersuchungen ergaben, dass das Mädchen das Dreifache der letalen Dosis des synthetischen Suchtgifts MDA im Körper hatte. Gmeiner geht davon aus, dass die 13-Jährige mindestens sechs Ecstasy-Tabletten konsumiert haben muss. Eine Tablette nahm das Mädchen im Vorfeld freiwillig.

Im Magen der Niederösterreicherin wurde nur noch eine geringe Menge MDA gefunden, was zeigt, dass die 13-Jährige das Suchtgift oral eingenommen hatte, aber die Aufnahme in den Körper des 1,64 Meter großen und 47 Kilogramm schweren Mädchens bereits abgeschlossen war. Ohne notärztliche Hilfe wäre der Tod nicht verhinderbar gewesen. Das Obduktionsgutachten ergab, dass das Mädchen infolge einer Suchtmittelvergiftung und Ersticken eines gewaltsamen Todes starb.

Jeder der drei Angeklagten würde die Tatbeteiligung in Abrede stellen, meinte die Staatsanwältin in ihrem Schlussplädoyer. Jeder habe Angst vor den Konsequenzen und "würde sich vom sinkenden Schiff retten", so die Anklägerin. So wie sie die gemeinschaftliche Tat begangen hätten, würden sie versuchen, diese gemeinschaftlich zu vertuschen. "Widersprüche hat es in dem Verfahren zahlreiche gegeben", sagte die Staatsanwältin.

Die drei Angeklagten gaben an, mit dem Mädchen einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehabt und von der Verabreichung der Drogen nichts mitbekommen zu haben. Als sie bemerkten, dass es der 13-Jährigen schlechter ging, wollen alle drei Erste Hilfe geleistet haben. "Ich war fassungslos, was die Angeklagten von sich gegeben haben", meinte die Staatsanwältin. "Von ehrlich gemeinter Reue fehlt jede Spur."

Infolge der Überdosis setzte bei der 13-Jährigen plötzlich die Atmung aus, worauf die Männer in Panik geraten sein dürften. Sie versuchten, dem Mädchen andere Getränke einzuflößen bzw. duschten die Bewusstlose mit kaltem Wasser ab. Weil sich die 13-Jährige nicht mehr regte, trugen sie sie vor die Tür und lehnten sie an einen Baum. Dann erst holten sie die Rettung. Zum dem Zeitpunkt war die Niederösterreicherin bereits tot.

Die Verteidiger der drei Angeklagten, Wolfgang Haas, Thomas Nirk, Andreas Schweitzer und Sebastian Lesigang plädierten am Endes des Verfahrens noch an die Geschworene, sich in ihrer Entscheidung nicht von Emotionen treiben zu lassen. Der Verteidiger des Drittangeklagten, Andreas Schweizer, machte darauf aufmerksam, dass der Fall in den Medien breit getreten wurde. "Hier wird versucht, eine ganze Gruppe zu kriminalisieren." Die Geschworenen müssten aber objektiv entscheiden. "Das ist ein bisschen schwer, hier nicht mit Emotionen vorzugehen", so Schweitzer.

Der Familie, die sich mit ihren Privatbeteiligtenvertretern, Florian Höllwarth und Johannes Öhlböck, dem Verfahren angeschlossen hatte, wurde ein Betrag von insgesamt 140.000 Euro zugesprochen. Öhlböck hatte am Morgen vor dem letzten Verhandlungstag mit der Mutter der 13-Jährigen noch gesprochen. "Sie hat gesagt: 'Ihre Schuld werden sie (die Angeklagten, Anm.) nicht los, aber sie hätten wenigstens die Würde haben können, um die Wahrheit zu sagen'", erzählte der Anwalt.