Bereits das fünfte Frauenhaus wurde dieser Tage in Wien eröffnet - denn der Bedarf an solchen Einrichtungen, in denen Frauen Schutz vor häuslicher Gewalt bekommen, steigt leider: Österreichweit gab es in diesem Jahr bereits 28 Frauenmorde (Stand 17.10.2022). Im Jahr davor wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik 29 Frauen ermordet - häufig von ihren (Ex-)Partnern oder Familienmitgliedern.

Laut Statistik Austria wurden 761.786 Frauen ab dem Alter von 15 Jahren innerhalb oder außerhalb von intimen Beziehungen schon Opfer von körperlicher Gewalt (23,47 Prozent), fast gleich viele Frauen erlebten zudem sexuelle Gewalt (23,75 Prozent). Fast 37 Prozent haben Erfahrungen mit psychischer Gewalt in einer Partnerschaft gemacht, das zeigte eine Befragung der Statistik Austria, die Ende November im Rahmen der Sensibilisierungskampagne "16 Tage gegen Gewalt" präsentiert wurde.

Klare Grenzüberscheitungen

Fast unmerklich schlittern viele Opfer in Situationen hinein, in der sie psychische und schließlich auch physische Gewalt erleben. Es sind zuerst subtile Verhaltensweisen des Mannes, der versucht, Macht über seine Partnerin auszuüben. Nicht selten beginnen die Fälle mit dem Kontrollverhalten des Lebensgefährten. "Da gibt es zum Beispiel ein super Handy als Weihnachtsgeschenk, wo die Frau gar nicht weiß, was darauf schon alles installiert ist - Tracking Apps, damit der Mann immer sieht, wo sich die Frau gerade aufhält. Es gibt auch Abhör-Apps, mit denen alle Telefonate aufgenommen werden können", erzählt die Geschäftsführerin des Vereins der Wiener Frauenhäuser, Andrea Brem, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung."

Zuerst erscheint es der Frau wie ein goldener Käfig - der Mann spielt den Beschützer, beginnt aber nach und nach die Frau immer mehr zu bevormunden und sie zu kontrollieren, bis sie das Gefühl hat, nicht mehr herauszukommen, weil je nach Beziehungsdauer auch die Verstrickungen mit Freundeskreis, Kinder, Familie etc. immer komplexer werden. Aus diesem goldenen Käfig gelte es unbedingt auszubrechen.

Wobei laut Brem schon allein das Lesen von Chatverläufen oder Emails der Partnerin eine klare Grenzüberschreitung und die Anwendung von psychischer Gewalt darstellt. "Das ist ein respektloser Übergriff, ein Nichtachten von Grenzen. Das ist keine Beziehung, das ist Kontrolle und sonst gar nichts. Ich bin seit 30 Jahren verheiratet und mein Mann würde nie auf die Idee kommen, eine Email von mir zu lesen", meint Brem.

Kontrolle ist nicht Eifersucht

Respektlosigkeit gegenüber dem Partner bedeutet, dass es keine Augenhöhe gibt, dass es sich um ein Machtgefälle handelt. Wenn der Mann gar E-Mails oder Chatverläufe zu löschen beginnt, dann wird die psychische Gewaltanwendung noch deutlicher, denn er vernichtet damit ein Stück Lebensbiografie des Opfers. "Das ist so, als würde jemand ihre Familienalben zerreißen", so Brem.

Manche Frauen würden sich oft zuerst geschmeichelt fühlen, die Kontrolle als Eifersucht auslegen und damit diese Übergriffe rechtfertigen. "Sie glauben, er macht es aus Liebe, aber genau das ist der große Irrtum", betont Brem. Und diese kontrollierenden Verhaltensweisen können durchaus Anzeichen für noch mehr - auch physisches - Gewaltpotenzial sein.

Kontrollverhalten sei aber nicht die einzige Form der psychischen Gewalt. "Das andere ist zum Beispiel eine permanente Abwertung der Frau. Dass der Mann ihr sagt, dass sie hässlich ist, dass sie blöd ist, dass sie nichts kann. Dann geht es weiter mit der Isolation. Die Frauen dürfen zuerst ihre Freundinnen nicht mehr treffen, dürfen vielleicht in der Folge nicht mehr arbeiten gehen, dürfen mit der Familie nicht mehr Kontakt halten - sie werden von allem getrennt, was dieses Bild von Abwertung und Kontrolle nach außen hin sichtbar machen könnte. Und mit der Isolation beginnt dann die Abwertung erst richtig zu greifen, weil die Frau kein Korrektiv mehr hat, weil niemand mehr sagt: Lass dir doch sowas nicht gefallen", erzählt Brem.

Aber alle diese Fälle sind laut Brem dazwischen auch von großer Zuneigung geprägt. "Da sind die Männer plötzlich wieder ganz lieb zu den Frauen, umschmeicheln sie - ein trügerischer Zustand, denn dann geht wieder alles von vorne los."

Alleine im ersten Halbjahr 2022 musste die Polizei österreichweit 7.100 Betretungsverbote in Fällen von häuslicher Gewalt verhängen. Der Weg zur Polizei wird aber oft sehr spät gewählt - nämlich erst dann, wenn es richtig eskaliert ist. Die Opfer schützen die Täter, weil sie ihnen nichts Schlechtes wollen, weil sie sich einreden, dass es besser werden wird, weil sie nicht wollen, dass die Kinder eine Bezugsperson verlieren.

Anonym beraten lassen

Was kann man als Außenstehender tun, um zu helfen? Brem hat Tipps parat: "Wenn sich Ihnen ein Opfer anvertraut, sie aber beschwört, niemanden etwas zu sagen, weil es sonst den Kontakt abbricht, weisen sie die Person auf die anonymen Beratungsstellen der Frauenhäuser hin. In Wien gibt eine solche in der Vivenotgasse 53 im 12. Bezirk. Die Frau muss dort keinen Namen nennen und es gibt keine Konsequenzen und keine Anzeigen, wenn die Frau das nicht will. Die Beraterinnen verdeutlichen aber schnell, wie tief man in kürzester Zeit in Gewaltstrukturen stecken kann, ohne es richtig bemerkt zu haben." Es stehen aber noch viele andere Anlaufstellen in Wien zur Verfügung (siehe Kasten).