Die Jahreszeit sorgt in Wien für einen großen Bedarf an Übernachtungsmöglichkeiten für wohnungslose Menschen. Laut dem Büro von Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ) ist die Auslastung der für den Winter eingerichteten Notquartiere hoch. Sie liege bei rund 87 Prozent. In besonders kalten Nächten wurde dieser Wert sogar übertroffen. Aktuell würden täglich etwa 900 Übernachtungen verzeichnet.

In Wien werden im Rahmen des sogenannten Winterpakets bis Anfang Mai rund 1.000 zusätzliche Plätze angeboten. Sie werden im 24-Stunden-Betrieb geführt. Es ist also auch ein Tagesaufenthalt möglich. Neben den bestehenden Tageszentren stehen auch drei zusätzliche Wärmestuben zur Verfügung. Das Winterpaket wird vom Fonds Soziales Wien koordiniert und gemeinsam mit Partnern wie Obdach Wien, dem Roten Kreuz, der Caritas, der Erzdiözese, der Volkshilfe oder dem Samariterbund umgesetzt.

Auch für die alljährliche "Gruft-Winterpaket"-Aktion sammelt die Wiener Caritas, um Obdachlose und Bedürftige in der kalten Jahreszeit zu unterstützen. Mit 70 Euro kann man einen winterfesten Schlafsack und sieben warme Mahlzeiten finanzieren. Gerade dieses Jahr bestehe ein großer Bedarf an den Hilfsangeboten der Caritas, weil immer mehr Menschen wegen Rekordinflation und stark gestiegener Energiekosten in die Armut abrutschten oder gar ihre Wohnungen verlassen müssten.

"Mit dem Einkommen gibt es immer häufiger kein Auskommen mehr. 148.000 Menschen sitzen in Wohnungen, die sie nicht mehr angemessen warmhalten können. Wir müssen jetzt handeln, um keinen Anstieg der Obdachlosigkeit zu riskieren", sagte Klaus Schwertner, geschäftsführender Caritasdirektor der Erzdiözese Wien, vergangene Woche in der Gruft. Dort machte er gemeinsam mit Sänger Christopher Seiler (Seiler und Speer) auf die prekäre Lage insbesondere des unteren Einkommensdrittels aufmerksam. Immer mehr Menschen, auch Familien, kämen in die Caritas-Wärmestuben, die Zahl der Delogierungen sei zuletzt wieder gestiegen, und gerade die Gruppe der jungen obdachlosen Menschen sei so stark gewachsen, dass inzwischen gut ein Drittel aller Obdachlosen zwischen 18 und 30 Jahren alt sei.

Hauptthema Energiekosten

Das unangefochtene Hauptthema in allen Sozialberatungsstellen seien heuer die gestiegenen Heiz- und Energiekosten. Auch in Suppenküchen und bei den mobilen Suppenbussen würden nicht mehr hauptsächlich Obdachlose anstehen, sondern auch Menschen, die sich neben Erhaltungs- und Energiekosten kein Essen mehr leisten könnten.

Judith Hartweger leitet die "Gruft"-Notschlafstelle seit zwölf Jahren und hat in dieser Zeit schon viel gesehen, die Entwicklungen dieses Jahres beunruhigen aber auch sie. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter seien ihr zufolge mit rund 22.000 Kontakten von November 2021 bis November dieses Jahres im Dauereinsatz gewesen, in der "Gruft" seien in der gleichen Zeit 11.000 Betten belegt gewesen. Weil der Speisesaal rund 80 Sitzplätze bietet, pro Mahlzeit aber 150 oder mehr Hungrige kämen, appelliert auch sie an Solidarität.

Das Caritas-Kältetelefon begeht übrigens heuer sein zehnjähriges Bestehen. Habe es anfänglich rund 500 Anrufe pro Saison gegeben, waren es alleine dieses Jahr schon 3.363, und insgesamt seien schon rund 47.000 Anrufe eingegangen. Die Streetworker würden dann ausrücken und die Betroffenen entweder in eine der Notschlafstellen holen oder sie zumindest mit winterfesten Schlafsäcken ausstatten.