Die Todesgefahr ist neuerdings präsent in Rustam Rashidis Leben. Trotzdem wirkt er ruhig und glücklich, während er seinen Kaffee in der Wiener Innenstadt trinkt. Nur in seinen dunklen Augen schwingt manchmal eine gewisse Unruhe mit. Rahidi ist einer von rund 85 erwachsenen Menschen, die sich dieses Jahr in Wien taufen lassen. Ein Zehntel davon kommt - so wie er - aus dem Iran.

Neuanfang: Eine Krippe des Innsbrucker Professors Rudolf Millonig. 
- © dpa / Felix Kästle

Neuanfang: Eine Krippe des Innsbrucker Professors Rudolf Millonig.

- © dpa / Felix Kästle

Und genau das macht die Sache gefährlich. Denn auf die Konversion zum Christentum kann im Islam schon einmal die Todesstrafe stehen. So wurde etwa 2010 im Iran der Konvertit und Pastor Yousef Nadarkhani wegen "Abfalls vom islamischen Glauben" und "Missionierung" zum Tode verurteilt. Er wurde zwar nach einer Reihe internationaler Proteste begnadigt, sitzt aber heute noch im Gefängnis. Vor zwei Wochen wiederum wurde im Iran ein Demonstrant hingerichtet. Der Vorwurf lautete "Moharabeh" - "Krieg gegen Gott". Auch darauf steht die Todesstrafe.

Rashidi ist überzeugt, dass ihn seine Konversion in Kombination mit "Moharabeh" ganz nach oben auf die Liste der Todeskandidaten im Iran bringt. Daher will er auch seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen. "Der iranische Geheimdienst ist sehr aufmerksam", erklärt er. In Wien sei er zwar sicher, aber man könne nie wissen. Außerdem hat er noch Verwandte im Iran. Doch warum entscheidet sich ein Mensch, seinen Glauben zu wechseln, zumal angesichts drohender schwerwiegender Konsequenzen?

"Wiener Zeitung":Wie war Ihr erster Kontakt zum Christentum?

Rustam Rashidi: Vor ungefähr sechs Jahren habe ich in einer Truppe mit Freunden musiziert. Da haben sie in einer Pfarre jemanden gesucht, der an einem Leseabend für die musikalische Untermalung sorgt. Wir sind also dorthin und bevor es losging, hat jemand gesagt: "Fassen wir uns alle an den Händen und beten." Egal, ob Christ oder nicht, egal, ob Persisch oder Deutsch - einfach in der Gemeinschaft beten. Dieser Moment hat mich unheimlich berührt.

Waren Sie immer schon religiös?

Überhaupt nicht. Ich habe den Islam im Iran, wo ich aufgewachsen bin, immer als wahnsinnig bedrückend empfunden. Die Religion ist dort stets präsent: In der Schule, auf der Straße, in den Medien - überall gibt es irgendetwas Islamisches. Wenn man den Fernseher aufdreht, sieht man die Gesichter von Mullahs oder religiöse Sendungen. In der Schule ist der islamische Religionsunterricht für alle Kinder Pflicht. Auch in der Pause ist man damit konfrontiert. Als Kind habe ich mich schon davor gefürchtet. Da wurden Geschichten erzählt, wie sie irgendwelche Heiligen umgebracht haben. Dann hat es auch so traurige Musik gegeben und wir haben alle begonnen zu weinen. Angst - ich kann mich vor allem an die Angst erinnern, die ich damals hatte. Mit dem Alter hat sich das dann geändert.

Inwiefern?

Je mehr Bildung ich genoss und umso mehr Bücher ich las, desto weniger habe ich mit dem Ganzen etwas angefangen. Schließlich war ich komplett gegen Religion. Das waren für mich unterm Strich nur erfundene Geschichten, um Gehorsam zu gewährleisten.

Wie kommt man von diesem Punkt wieder zurück zur Religion?

Da war etwas in meinem Herzen, das ich nicht gefunden habe. Es gab ein paar Erfahrungen in meinem Leben, die wissenschaftlich nicht erklärbar waren. Das waren Momente, in denen man sich denkt: "Das kann doch kein Zufall sein!" Ich hatte das Gefühl, dass da mehr dahintersteckt; etwas, das man mit Logik oder Mathematik nicht fassen kann, etwas, das man einfach akzeptieren muss. Über die Jahre bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es Sachen gibt, die ein Gefühl sind, und an die man einfach glauben muss. Das war dann meine persönliche Definition von Religion. Das war letztlich mein Weg zum Christentum.

Wie das?

Das war auch einer dieser Momente: Wieso lande ich ausgerechnet zu jener Zeit, in dieser Pfarre bei diesen Leuten? Warum berührt mich dieser Moment so? Kann das nur Zufall sein? Nicht? Ich glaube nicht.

Wie ist es dann weitergegangen?

Ich wurde sehr freundlich empfangen. Ich habe mit allen Leuten reden können. Sie haben mir gezeigt, wie die Pfarre funktioniert, ich habe bei Messen dabei sein können und habe in der Kirche neue Freunde gefunden. Ich habe im Hinterkopf immer noch meine Definition von Glauben gehabt, habe aber begonnen, mehr lesen, mich mehr mit Christen zu unterhalten und mehr Informationen zu sammeln. In der Bibel bin ich auf viele Stellen gestoßen, die mir sehr gefallen haben. Da ist eine starke Verbindung entstanden.

Welche Stelle hat Sie besonders berührt?

Als Jesus mit seinen Jüngern über den See von Galiläa übersetzt. Jesus schläft, und plötzlich zieht ein Sturm auf. Mehrere Jünger sind im Umgang mit Booten geübt. Gerade deshalb haben sie Angst: Denn mit all ihrem Wissen und ihrer Erfahrung halten sie es für aussichtslos, das Boot sicher durch den Sturm zu bringen. Sie wecken Jesus und bitten ihn, sie zu retten. Da fragt Jesus: "Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr so wenig Glauben?" Ich finde, das verdeutlicht sehr gut die Grenzen von Logik und Vernunft auf der einen Seite und Glauben und Vertrauen darauf, dass nichts Schlimmes passieren kann, auf der anderen.

Wann haben Sie eigentlich beschlossen, Christ zu werden?

Das war kein spezieller Moment, sondern eine Entwicklung über viele Monate. Ein Teil von mir war am Anfang noch sehr logisch und rational-orientiert. Aber ich wollte mehr erfahren. Also habe ich einen Katechismus-Kurs belegt (Unterweisung in den Grundfragen des christlichen Glaubens, Anm.). Das war aber mehr aus Interesse und nicht mit Blick auf einen neuen Glauben. Ich habe mir eigentlich auch erwartet, dass ich in der Mitte dieses Kurses draufkommen werde, dass das gar nicht meines ist. Doch meine Verbindung zum Christentum ist immer stärker geworden: zum Pfarrer, zu den Christen um mich. Auch mit Bibellesungen ist das Verlangen stärker und stärker geworden.

Sie werden zwar erst nach Weihnachten getauft. Aber wie werden Sie das Fest heuer feiern?

Ich habe zum ersten Mal einen Adventkranz. Davor habe ich gar nicht gewusst, dass es so etwas gibt. Jetzt weiß ich, dass jede einzelne Kerze eine eigene Bedeutung hat. Für mich sind diese Weihnachten schon ein Neuanfang. Das ist auch ein Teil dessen, was es heißt, Christ zu sein: dass ich immer neu anfangen kann. Egal wie schlimm die Vergangenheit oder schwierig die Gegenwart, als Christ ist es nie zu spät. Man kann immer neu anfangen. Das birgt eine unglaubliche Kraft und Motivation im Leben.

Was ist das Wichtigste, was Sie als Christ gelernt haben?

"Liebt einander so, wie ich euch geliebt habe."