Die Sonne blinzelt durch die Baumwipfel. Es riecht nach Pferden, Stall und Landluft. Hier in Penzing ist all das vereint und trägt zu einer besonderen Stimmung bei. "Kraft tanken und schöne, unbeschwerte Momente genießen - ja, bei uns ist das möglich", erklärt Roswitha Zink, die vor mehr als 20 Jahren den Lichtblickhof und den Verein e-motion gemeinsam mit anderen Frauen am Stadtrand von Wien gegründet hat. Mehr als 20 Therapiepferde, fünf Hunde, zwei Katzen, sieben Kaninchen und zwei Meerschweinchen sowie 13 Schafe leben auf einem mehrere Hektar großen Areal des Otto-Wagner-Spitals im 14. Bezirk.

Es geht auf die Koppel, die hinter dem Stall liegt. Roswitha Zink begrüßt das Shetland-Pony Daisy mit sanfter Stimme. "Pferde sind uns Menschen sehr ähnlich", erklärt die ausgebildete Psychotherapeutin, Reittherapeutin und Pferdetrainerin. Sie hätten nicht nur eine dem Menschen sehr ähnliche Herzfrequenz, sondern seien auch tierische Therapeuten, Meister der Körpersprache und der Kommunikation ohne Worte. Da Pferde Herdentiere sind, tun sie sich leicht, eine Beziehung zu Menschen aufzubauen.

Unvergessliche Momente sollen schwerkranke Kinder am Lichtblickhof erleben. - © Lichtblickhof
Unvergessliche Momente sollen schwerkranke Kinder am Lichtblickhof erleben. - © Lichtblickhof

Für die e-motion-Geschäftsführerin sind die Einhufer aber auch ein ideales Sprachrohr für Kinder, über die sie ihre Gefühle ausdrücken können. Egal ob beim Sitzen oder Reiten auf ihnen können sie sich erholen und die Natur auf deren Rücken erwandern und von ihnen "getragen werden", was sehr wichtig sei. Denn all das seien Erlebnisse und Erfahrungen, die sie nicht so schnell vergessen, ist die 42-Jährige überzeugt.

Kein ungewöhnlicher Anblick: Pferde innerhalb oder außerhalb der Wohnung. - © Lichtblickhof
Kein ungewöhnlicher Anblick: Pferde innerhalb oder außerhalb der Wohnung. - © Lichtblickhof

Doch nicht nur Pferde - auch Schafe, Hunde oder Kaninchen werden am Hof auf ihre Einsätze vorbereitet. Dabei lernen sie etwa, geduldig und feinfühlig zu sein. Auch sie machen den kleinen Patienten täglich Freude, da sie mit ihnen gerne Tricks einzustudieren.

Nachhilfe in Interaktion

"Die Corona-Pandemie hat uns noch mehr gezeigt, wie wichtig Tiere für Menschen sind und wie sensibel die Tiere auf verschiedenen Situationen reagieren", sagt Helga Widder vom Verein Tiere als Therapie (TAT), der nicht nur zertifizierte Hundelehrgänge anbietet, sondern auch eine Fachkraftausbildung für tiergestützte Interventionen.

Therapeutin Widder habe bereits tausende Einsätze mit Tieren hinter sich. Für sie entwickeln Tiere ein Gefühl dafür, wie sie den Menschen bei der Genesung maßgeblich unterstützen können - "und das ohne Nebenwirkungen". Tiere geben Lebenswillen und -freude, motivieren ältere Menschen etwa in der Geriatrie. Auch fördern sie die Kommunikation untereinander, so die Fachkraft für tiergestützte Therapie im Gespräch.

"In unseren zertifiziertem Diplomlehrgang nehmen wir darauf Rücksicht und decken den gesamten Bereich der tiergestützten Therapie ab." Auch Kindern soll die Natur wieder nähergebracht werden, da deren Bezug zu ihr in den vergangenen Jahren verloren gegangenen ist. Deswegen bietet TAT sogar eigene Tier-Workshops wie "So wirst du ein Hundeprofi" für Kinder an, in denen sie unter anderem lernen, wie es einem Hund ergeht, wenn sie sich mit ihm austauschen. Doch nicht nur Kinder - auch Erwachsene bräuchten oft eine "Nachhilfe zum besseren Verständnis von Tieren", findet Widder.

Roswitha Zink nimmt Daisy an die Leine, öffnet das Gatter und begleitet sie aus der Koppel. Davor zieht sie ihr kleine, bunte Hufschuhe an, die an überdimensionierte Hausschlapfen erinnern. Anschließend geht Roswitha mit Daisy zu einem Neubau, der sich unweit von e-motion befindet und in dem sich seit dem Sommer auch drei vom Verein angemietete Hospizwohnungen befinden. Darin können Familien mit schwerkranken Kindern eine Zeit lang wohnen. Die Nachfrage nach den Hospizwohnungen ist ungebrochen groß: "Wir tun aber unser Bestes, damit Familien nicht so lange darauf warten müssen." Daisy darf selbstverständlich auch immer dabei sein - nicht nur heute. Wie der "Kleine Onkel" aus Pippi Langstrumpf trottet sie langsam durch das Vorzimmer in das Kinderzimmer.

5.000 Familien begleitet

Rund 80 Quadratmeter misst die Wohneinheit. "Daisy ist bei uns ein Star", ergänzt Roswitha Zink und gibt ihr eine Handvoll Karotten, die die Stute genüsslich und schmatzend frisst. "Sie darf immer so lange bei den Kindern bleiben, wie sie es wollen." Bereits mehr als 5.000 Familien in schwierigen Situationen konnten seit der Gründung von e-motion begleitet werden, die von Spitäler erfahren, dass es den Ort gibt. Für Kinder ist es eine Auszeit von Spitalsaufenthalten und Therapien, Erkrankungen, von Ungewissheit und belastenden Situationen, die sie bereits seit über Jahre hinweg begleiten und viel von den Kindern und deren Familien abverlangt. Hier können sie durchatmen, Lebensfreude und -energie tanken, Lichtblicke erfahren.

Das Programm am Hof ist jedes Mal nicht nur individuell auf sie abgestimmt, sondern sehr abwechslungsreich gestaltet. Auch hänge immer von der jeweiligen Jahreszeit ab: Seien es Wanderungen in den Steinhof-Gründen oder zur Jubiläumswarte, über das Reiten auf Therapiepferden, das Singen beim Lagerfeuer oder das Zählen von Sternschnuppen am Sommerhimmel. Gemeinsam wird etwa gekocht oder der Stall ausgemistet. Das geschehe hier bewusst, um die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen auf Dinge zu lenken, die ihnen guttun und Freude bereiten. Ängste sollen ihnen dabei außerdem genommen werden.

Verbringen Kinder einige Tage am Lichtblickhof, sollen die sie begleitenden Eltern auch davon profitieren, heißt es von e-motion. Sie können zum Beispiel Angebote wie Massagen, Therapien oder Gespräche vor Ort nutzen. Während sie ins Theater oder in ein Konzert gehen, werden ihre Kinder von den Therapeutinnen betreut. Solche Geschenke brauchen Familien, um durchzuhalten und Kraft für den anstrengenden Alltag zu behalten, erzählt Roswitha Zink.

Kosten sind kein Hindernisgrund für den Aufenthalt von Familien am Lichtblickhof, da sie sich - je nach finanzieller Möglichkeit - daran nur mit einem geringen Betrag beteiligen müssen. Den Rest übernimmt der Verein.

Unermüdlicher Einsatz

Die Zeit, die sie hier sei, zähle sie gar nicht mehr, sagt Therapeutin Zink. Für sie ist das Engagement für den Verein aber nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung und eine Lebensaufgabe, bei der Arbeit und Freizeit miteinander verschmelzen. Das erfülle sie. Obwohl sie mit vielen Schicksalen konfrontiert sei, lasse sich sie nicht entmutigen und fasse immer wieder selbst Mut. Einen gewissen Willen zum Überleben schöpft sie aus der breiten Unterstützung so vieler SpenderInnen. Nur durch sie können am Lichtblickhof schwer kranken Kindern geholfen werden. Das sei aber jedes Jahr eine Herausforderung, gibt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" zu. "Aber es ist für uns eine bewältigbare." Zusätzlich kann sie sich auf ein Team aus Ehrenamtlichen und Therapeuten verlassen, wovon viele früher selbst Therapiekinder waren.

Im Mittelpunkt des Tuns von e-motion steht auch immer ein achtsamer Umgang mit den Mitmenschen, der Bezug zur Natur und der Gedanke der Nachhaltigkeit. Neben der tiergestützten, therapeutischen Arbeit werden hier zusätzlich auch bauernhofpädagogische Projekte veranstaltet, die von Kindern bis Erwachsenen genutzt werden können.

Bohrmaschinen sind aus der Weite zu hören. "Dort oben entsteht unser neuer Schutzengelstall", strahlt Roswitha Zink und zeigt auf eine Anhöhe, wo bereits ein Gebäude zu erkennen ist. Die Bauarbeiten dafür sind im vollen Gange. Eröffnet werden soll der Stall, der ein Rückzugsraum für Kinder und Pferde sein soll, im kommenden Herbst. Trotz Krankheit oder Behinderung sollen Kinder hier bald Stall-Luft schnuppern können.

Erfahren Kinder und Jugendliche, dass sie unheilbar krank sind und ihnen die Medizin nicht mehr weiterhelfen kann, brauchen sie noch mehr Aufmerksamkeit und Zuneigung, ist Roswitha Zink überzeugt. Am berührendsten sei es daher für sie, zu beobachten, wenn die Klienten auf einem Therapiepferd reiten oder ihre Nase in das Fell des Kaninchens vertiefen.

Um den Vierbeiner dafür ganz nahe zu sein, werden sie oft auch mit dem Krankenbett in den Stall geschoben. "Ja, für einen kurzen Moment sind all ihre Sorgen vergessen und sie können im Hier und Jetzt kleine Lichtblicke sammeln", sagt die Leiterin des Hofs und blickt in den strahlend-blauen Dezemberhimmel. "Und die warme Wintersonne wacht dabei über uns."