In Wien, so heißt es, sind "die Gassen mit Geschichte gepflastert". Über ihre Historie hinaus hat die Metropole an der Donau aber auch nicht wenige Histörchen aufzuweisen. Eines davon betrifft den Donnerbrunnen, dessen Figuren neuerdings in doppelter Hinsicht eine Ortsveränderung durchgemacht haben.

Die von dem Wiener Bildhauer Georg Raphael Donner (1693–1741) geschaffenen und von Johann Nikolaus Moll gegossenen originalen Bleifiguren, die nahezu 100 Jahre lang im Unteren Belvedere aufgestellt waren, wanderten vor einiger Zeit in die Restaurierwerkstatt des Wien Museums. Die Stadt Wien hatte sie 1921 dem Barockmuseum als Leihgabe überlassen. Die leihweise Aufstellung im Palast am Rennweg in Wien-Landstraße hat deshalb ein Ende gefunden, weil die Figuren demnächst in der Halle des neu adaptierten Wien Museum Karlsplatz den zentralen Blickfang bilden werden.

Ulrike Rossmeissl und Wolfgang Schwarzkogler beim Restaurieren der originalen von Georg Raffael Donner geschaffenen Bleifiguren. Sie werden ab dem Jahresende 2023 in der Halle des neu adaptierten Wien Museum Karlsplatz den zentralen Blickfang bilden. - © Ina Aydogan
Ulrike Rossmeissl und Wolfgang Schwarzkogler beim Restaurieren der originalen von Georg Raffael Donner geschaffenen Bleifiguren. Sie werden ab dem Jahresende 2023 in der Halle des neu adaptierten Wien Museum Karlsplatz den zentralen Blickfang bilden. - © Ina Aydogan

Die bronzenen Kopien wiederum, die nahezu 150 Jahre lang den Donnerbrunnen am Neuen Markt geschmückt hatten, mussten 2019 samt Brunnenbecken abgetragen werden, weil in diesem Bereich mit dem Bau einer Tiefgarage begonnen wurde. Unter dem Titel "Donnerbrunnen erstrahlt in neuem Glanz" verlautbarte der Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien am 6. September 2022 über die Austria Presse Agentur, dass nach Tiefgaragenbau und Platzneugestaltung der sanierte Donnerbrunnen offiziell wieder in Betrieb genommen wurde. Bezüglich der Brunnenfiguren, welche die in die Donau mündenden Flüsse Enns, Ybbs, March und Traun verkörpern, verlautet die gegenständliche, von "Wiener Wasser" verantwortete, Meldung: "Kaiserin Maria Theresia ließ die Figuren 1770 wegen ‚Nacktheit‘ abtragen. Sie wurden dem Bildhauer Johann Martin Fischer zum Einschmelzen übergeben. Er erkannte deren künstlerischen Wert und sorgte 1801 für ihre Wiedererrichtung. Wegen erheblicher Witterungsschäden wurden die Bleifiguren 1873 mit Kopien aus Bronze ersetzt."

Eine Wiener Legende

In einer Anzahl von in den vergangenen Jahrzehnten erschienenen Büchern und Wien-Führern sowie auf diversen Internetseiten wird der Grund der ursprünglichen Entfernung der Skulpturen ähnlich kommentiert. Vor allem habe bei deren Demontage eine von der Kaiserin eingesetzte "Keuschheitskommission" mitgewirkt. Beispielsweise ist auch auf der Homepage der in unmittelbarer Nähe zum Brunnen befindlichen Kapuzinergruft nachzulesen, dass Maria Theresia die Figuren von der Keuschheitskommission entfernen habe lassen. Sogar in dem Roman "The Hotel New Hampshire" des bekannten US-amerikanischen Schriftstellers John Irving wird die Story in solcher Weise wiedergegeben.

Im Zuge des Abbaus der originalen Bleifiguren im Unteren Belvedere hat sich der Kunsthistoriker und Kurator für Architektur im Wien Museum, Andreas Nierhaus, der Geschichte des Donnerbrunnens angenommen und im Jänner 2021 dargelegt, dass die originalen Bleifiguren des im Jahr 1739 enthüllten Donnerbrunnens im Jahr 1773 entfernt werden mussten. Obwohl die Figuren von einer eigens bestellten Wache vor Beschädigungen geschützt wurden, sei das empfindliche Metall bereits wenige Jahrzehnte nach der Fertigstellung des Brunnens offenbar derart schadhaft gewesen, dass die Flussfiguren nicht am Beckenrand verbleiben konnten.

Dass die von Maria Theresia eingesetzte berüchtigte Keuschheitskommission dahinter gestanden ist, sei jedoch eine Legende. "Später", so Nierhaus, "entschloss man sich zu einer Restaurierung durch den Bildhauer Johann Martin Fischer, die 1801 mit der Wiederaufstellung der Figuren abgeschlossen war. 1871/73 wurden dann sämtliche Figuren vor Ort durch Bronzeabgüsse der k.k. Kunsterzgießerei ersetzt, die jedoch in der Oberflächenwirkung nicht an die Originale heranreichen."

Freilich wird das Histörchen nach der nüchternen Feststellung des Wissenschafters nicht von heute auf morgen aufhören zu kursieren. Auch in anderen Fällen hat sich gezeigt, dass derlei "G’schichtln", wie es im Wienerischen so schön heißt, äußerst langlebig sind und trotz anderslautendem wissenschaftlichem Befund gerne tradiert und gehört werden.

Blank polierte Hinterbacke

Klingt doch die Erzählung bei Betrachtung der barbusigen weiblichen Flusspersonifikationen von March und Ybbs, vor allem aber des als nackten Jüngling dargestellten Flusses Traun durchaus plausibel. Wie vor Ort zu sehen ist, wurde die stramme rechte Hinterbacke des hüllenlos fischenden jungen Mannes, der ein beliebter Fotohintergrund zahlreicher Wienbesucher ist, von ungezählten Händen blank poliert.

Vor Aufstellung der originalen von Georg Raphael Donner geschaffenen Bleifiguren im Wien Museum Karlsplatz, das Ende 2023 wieder öffnen wird, widmen sich Ulrike Rossmeissl und Wolfang Schwarzkogler von der Firma Arge Objektrestaurierung ein Jahr lang der Restaurierung. Die Besucher des Unteren Belvedere haben im Lauf der Jahrzehnte ihre Spuren hinterlassen: Das weiche Blei ist an der Oberfläche mit Ritzen und Kratzern übersät, die zwar nicht beseitigt, aber optisch korrigiert werden.

Im Inneren der Plastiken kommen weitere Herausforderungen hinzu: Brüchige Stellen müssen gefestigt, die Eisenkonstruktion aus statischen Gründen mit Armierungen verstärkt werden. Bei den einzelnen Restaurierungsschritten werden jeweils Materialien verwendet, die reversibel sind. Im Gegensatz zu früheren Restaurierungen kann also, falls künftig gewünscht, wieder der vorherige Zustand hergestellt werden.

Hinsichtlich des Standortes des Donnerbrunnens auf dem Neuen Markt, der früher Mehlmarkt hieß, ist anzumerken, dass es sich einst um einen der schönsten Plätze Wiens handelte. Ein im Jahr 1760 von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, geschaffenes Bildnis lässt die Aura des zu jener Zeit von prächtigen Palästen und Bürgerhäusern umgebenen Platzes noch erahnen.

Donners Liebes-Histörchen

Die zentrale Brunnenfigur der Providentia (Vorsehung) verkörpert die durch die Errichtung des für die Wasserversorgung der Inneren Stadt bedeutsamen Brunnens dokumentierte "gute Regierung" des Wiener Magistrats, der den Brunnen in Auftrag gegeben hat. Der rechte Arm dieser ebenfalls barbusigen Frauenfigur stützt sich auf einen Schild mit dem doppelgesichtigen Janushaupt, das zugleich in die Vergangenheit und in die Zukunft blickt – dies als Sinnbild des umsichtigen Handelns der Stadtverwaltung. In der Linken hält sie, zum Zeichen der Klugheit, eine Schlange. Die sie umgebenden Putti halten Fische in Händen, deren Mäulern Wasser entströmt.

Konkret handelt es sich um Hecht, Huchen, Karpfen und Wels – als Zeichen des Fischreichtums heimischer Gewässer. Hinsichtlich der durch eine zierliche Nymphe verkörperten March kursiert ein separates Histörchen: Angeblich ließ sich Donner zu dieser Figur von einer Jugendliebe inspirieren. Durch eine seinerzeit von ihm modellierte Wachsbüste derselben soll schon früh der Feldherr Prinz Eugen von Savoyen auf ihn aufmerksam geworden sein.

Print-Artikel erschienen am 7. Jänner 2023
In: "Wiener Zeitung", S. 17