Mehrfach haben auf dem Gebiet der österreichischen Bundeshauptstadt Pfarrer gewirkt, die sich in besonderer Weise in deren Geschichte eingeschrieben haben. Gundaker von Thernberg, der "Pfaff vom Kahlenberg", ein auch am Hofe Herzog Ottos des Fröhlichen gern gesehener Spaßmacher, der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Pfarre des Kahlenbergerdorfs in Döbling betreute, war wohl der bekannteste von ihnen. Legendär wurde auch der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Wiener Paulanerkirche wirkende "Kirchenrektor (Josef) Franzl" (1914–2005), der als Seelsorger speziell für Schwerhörige, Schausteller, Schiffer, Imker, Zimmerer, Köche, Hoteliers und Gastwirte zuständig war, aber auch als "Zirkuspfarrer" in Erinnerung behalten wird.

Ebenso wie die beiden vorgenannten Persönlichkeiten darf der in Kirkop im Süden der Insel Malta aufgewachsene, seit Jahrzehnten für die Wiener Votivkirche zuständige Pfarrer Joe Farrugia als ein Wiener Original gelten. In mancherlei Hinsicht ist er in die Fußstapfen von Kirchenrektor Franzl getreten.

Joe Farrugia: Pfarrer der Votivkirche und ein Wiener Original. 
- © Johann Werfring

Joe Farrugia: Pfarrer der Votivkirche und ein Wiener Original.

- © Johann Werfring

1968 kam Joe Farrugia auf Initiative von Kardinal Franz König über Maastricht zum Studium nach Wien, wo er später zum Doktor der Theologie promovierte. 1974 wurde er auf Malta zum Priester geweiht, im selben Jahr startete er seine geistliche Karriere als Kaplan in der Wiener Pfarre Altsimmering. Auch in Floridsdorf war er seelsorglich tätig. 1983 wurde er Leiter der Tourismusseelsorge der Erzdiözese Wien. Im kommenden Jahr feiert er ein Jubiläum: Da werde er dann seit 50 Jahren "bei der Firma" (mithin in Diensten der katholischen Kirche) sein, so Farrugia.

"Stelzenmesse" im Schweizerhaus

Seit 1989 ist Farrugia Pfarrer der Wiener Votivkirche, die er zu einem Zentrum der Tourismusseelsorge machte. An Samstagen wird die Vorabendmesse in sechs Sprachen gefeiert. Er selber beherrscht mit Maltesisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Ungarisch, Holländisch und Deutsch sogar neun Sprachen. Hinzu kommen Latein und Griechisch, diese Sprachen sind ja bekanntlich für das Theologiestudium obligat, und nicht zuletzt Simmeringerisch und Floridsdorferisch.

Als er in dem bürgerlichen Bezirk Alsergrund, in dem sich die Votivkirche befindet, landete, sei er gefordert gewesen, Vokabular und Habitus grundlegend umzustellen, so Farrugia. Alsergrunderische Anreden wie "Grüß Gott, gnädige Frau" habe er in den Arbeiterbezirken Floridsdorf und Simmering noch nicht gekannt. Nachdem er sich eine Zeit lang bemüht hatte, den Sitten des neuen Umfeldes gerecht zu werden, habe ihn dann eine soignierte ältere Dame darauf angesprochen: "Lassen Sie das lieber sein, Herr Pfarrer, aus Ihrem Mund klingt das doch nicht authentisch!"

Das internationale Messpublikum in der Votivkirche ist bunt gemischt, darunter augenfällig viele Afrikaner. Im Lauf der Zeit kamen allerlei weitere Aufgabenbereiche hinzu. Als in Wien für die Donauschifffahrt zuständiger Pfarrer habe er etwa eine Anzahl von Schiffstaufen vorgenommen, aber auch Schiffsreisende kommen auf sein seelsorgerisches Angebot zurück. Seine Dienste als "Zirkuspfarrer" seien heute nicht mehr in demselben Maße gefragt wie ehedem, weil die österreichischen Zirkusunternehmungen ins Ausland verkauft wurden. Die ins Land kommenden Zirkusfamilien werden meist von eigenen Pfarrern begleitet. Ab und zu helfe er dennoch aus. Im Zirkus finden auch die religiösen Zeremonien direkt in der Manege statt. Zuletzt habe er im Circus Knie ein Requiem gefeiert.

Zuständig ist Farrugia auch für die seelsorgliche Betreuung der Schausteller. Mit ihnen feiert er im Wiener Schweizerhaus einmal im Jahr eine "Stelzenmesse", sagt Farrugia augenzwinkernd. Todernst zelebriert er die Gottesdienste auch in der Votivkirche nicht, lockert diese durch seinen Schmäh auf und erzählt bei der Predigt auch den einen oder anderen Witz. Würde er die Kirche bloß als einen Ort von Bußübungen ansehen, dann hätte er seinen Beruf verfehlt, so Farrugia. Ein guter Schmähführer sei auch der mittlerweile emeritierte Bischof von Eisenstadt, Paul Iby. Jener war einst für die Taubstummenseelsorge im Burgenland zuständig, und Farrugia in Wien.

Ein wichtiges Betätigungsfeld von Farrugia ist die Flughafenseelsorge. Jeden Freitag ist er von 10 bis 13 Uhr in Schwechat persönlich vor Ort, am Sonntag hält er dort den Frühgottesdienst. Unterstützt wird er dabei von zwei Pastoralassistenten und von freiwilligen Mitarbeitern.

Herkulischer Einsatz für Kirchenrenovierung

Weithin bekannt ist das Engagement Farrugias für die Renovierung des ihm anvertrauten Gotteshauses. Seit mehr als 20 Jahren wird die Votivkirche nun schon saniert, im heurigen Jahr soll die Außenrenovierung endlich abgeschlossen werden. Zwar haben die Erzdiözese, die Stadt Wien und der Bund beträchtliche Mittel beigestellt, jedoch waren diese bei weitem nicht ausreichend. In geradezu herkulischer Art hat sich der Pfarrer deshalb persönlich ins Zeug gelegt, um die Kirche vor dem Verfall zu retten. Durch die Vermietung der Hauptfassade als Werbefläche kamen dem Sanierungsetat alljährlich mehrere hunderttausend Euro zugute. Dennoch sei er froh, wenn nach Abschluss der Renovierung das rund 350 Quadratmeter große Plakat, das derzeit noch am Baugerüst hängt, weg sein werde. Immer wieder habe er Möglichkeiten gesucht, Gelder zu lukrieren, etwa durch exquisite Ausstellungen, Popkonzerte und sonstige Aktionen. Einmal habe er gemeinsam mit einem befreundeten Winzer ein Weinprojekt zugunsten der Renovierung ins Leben gerufen. Den vergorenen Rebensaft verkaufte der Pfarrer dann unter der Bezeichnung "Cuvée Versuchung". Rund 38 Millionen Euro hat die Renovierung bislang verschlungen.

Auch das neu gestaltete Museum der Votivkirche im ehemaligen Kaiseroratorium, von wo aus wunderbare Einblicke ins Kircheninnere möglich sind, trägt zur Sanierung bei. Zu den Highlights zählen dort ein kaiserlicher Kirchenkachelofen und der wertvolle "Antwerpener Altar". Beim Museumsrundgang deutet der Pfarrer schmunzelnd auf etliche goldene Objekte: "Die Monstranzen habe ich alle in Vitrinen stellen lassen, damit ich keine Prozessionen abhalten muss." Bei den Fronleichnamsprozessionen rund um die Votivkirche sei es immer mühsamer geworden, geeignete Himmelträger aufzutreiben, bis er den "Umgang" schließlich eingestellt habe.

Im Museumsshop der Votivkirche ist Farrugia als sphinxartige Brunnenfigur zu bewundern. Die das benachbarte Hotel Regina betreibende Familie Kremslehner hat ihn damit zu seinem 60. Geburtstag überrascht. In weiterer Folge habe diese Skulptur dann als Inspiration für ein weiteres ferrugianisches Artefakt gedient: Nachdem am Dachfirst bei etlichen neugotischen Wasserspeiern die Köpfe zerbröselt waren, wurde in einem Fall vom Bildhauer der Renovierungsfirma das Pfarrerhaupt als steinerne Speiskulptur installiert. Ein solches Erinnerungszeichen sei ihm bei weitem lieber als eine dereinst zu erwartende mit salbungsvollen Worten gespickte Gedenktafel, bekundet Farrugia. In weiterer Folge wurde zu dessen 60. Geburtstag auch Harald Gnilsen, der Baudirektor der Erzdiözese Wien, mit einem solchen Speikopf geehrt, und zwar gleich neben jenem des Pfarrers.

Leidenschaft für Pfarre und Zigarren

Ebenso vielfältig wie seine Funktionen sind die auf den klein gewachsenen Pfarrer bezogenen Vornamenvarianten. Sein Taufname ist "Joseph", in Wien nennt er sich wegen seiner internationalen Ausrichtung "Joe Farrugia", auf Malta heißt er "Joey" (kleiner Joe). Am Flughafen wird er oft als "Pater Joe" angesprochen und der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, redet ihn mit "Father Joe" an.

Ungeachtet des nicht geringen Arbeitspensums versteht sich der quirlige Pfarrer auch aufs Genießen: Mit einer Zigarre und einem guten Glas Whiskey versüßt er sich bisweilen seinen Alltag. Wann der im 75. Lebensjahr befindliche Geistliche in Pension gehen wird, steht in den Sternen. Wie es scheint, ist sein Beruf zugleich sein liebstes Hobby.

Print-Artikel erschienen am 14. Jänner 2023
In: "Wiener Zeitung", S. 18