Vor zwei Jahren wechselte ein einstmals beliebtes Ausflugslokal am Rande des Wienerwaldes im 14. Bezirk den Besitzer. Die im 19. Jahrhundert gegründete und laut einem alten, im Bezirksmuseum Penzing vorrätigen Werbeflyer später "im Schweizer Stil" neu erbaute "Alte Knödelhütte" wurde vom Immobilienunternehmen Kollitsch und Soravia erworben, sie soll ab dem Frühjahr 2023 revitalisiert werden. In dem ehemaligen Gasthaus werden fünf Wohneinheiten geschaffen, daneben sollen in zwei Neubauten weitere Wohneinheiten entstehen.

Bezirksgeschichtlich hat das Bauprojekt recht interessante Anknüpfungspunkte. Der im Westen der Bundeshauptstadt gelegene 14. Bezirk ist von reichlich Grünflächenanteil geprägt, nahezu die Hälfte von Penzing ist mit Wald bedeckt. Viele Bereiche werden dort von den Bewohnern Wiens als Naherholungsgebiete genützt. Ein weiteres Markenzeichen des Bezirks sind die zahlreichen dicht verhüttelten Siedlungsgebiete am Rande des Wienerwaldes.

Biegt man von der Hüttelbergstraße in die von etlichen derartigen Siedlungen umgebene Knödelhüttenstraße ein, so gelangt man an deren Ende auf dem Kolbeterberg zum "Stadtwanderweg 8", der zu allerlei attraktiven Orten führt, etwa zur Mostalm, zur Franz-Karl-Fernsicht, zur Sophienalpe oder zu jener stimmungsvollen Stätte, an der sich das Grabmal des im Jahr 1790 verstorbenen Feldherrn Gideon Ernst von Loudon befindet.

Alte und Neue Knödelhütte

Bereits zu Lebzeiten des Feldherrn suchten in diesen bukolischen Gefilden so manche dem Geist der Romantik sich ergebenden Wiener Erholung und Erquickung. Freilich handelte es sich bei den damaligen Wanderern durchwegs um Vertreter der gehobenen Schichten, denen auf ihrem Weg so manche rurale Gegebenheiten besonders romantisch erschienen sein mögen. Durch das Haltertal lustwandelnd konnten sie etwa die "Halter", mithin die Viehhirten, mit ihren Herden in Augenschein nehmen, und auf den Anhöhen nahm das Auge das emsige Tun der Waldarbeiter wahr.

In dem damals noch bewaldeten Bereich der heutigen Knödelhüttenstraße Nr. 27 wurde, wenn man der Überlieferung glauben darf, 1758 eine Holzhackerhütte errichtet, die den Arbeitern bei Unwetter als Unterstand diente, wo aber auch für sie gekocht wurde, denn mit einer warmen Mahlzeit im Magen konnten sie die mühevolle Arbeit besser bewältigen. Freilich handelte es sich um eine denkbar einfache Kost, die auch nicht besonders abwechslungsreich gewesen sein dürfte. Wie berichtet wird, wurde es im Lauf der Jahre üblich, dass von dieser Hütte aus auch vorbeikommende Wanderer entgeltlich bewirtet wurden, und zwar vornehmlich mit Knödeln und Sauerkraut.

Niemand konnte damals noch ahnen, dass sich dieser bald als "Knödelhütte" bezeichnete Unterstand in weiterer Folge beträchtlich in die Penzinger Topografie einschreiben würde. Im Jahr 1870 begründete Johann Scheuer am Standort der heutigen Knödelhüttenstraße 27 ein Gasthaus, das als "Knödelhütte" in Wien stadtbekannt wurde. Bis zu dessen Stilllegung Ende der 1970er-Jahre führten es jeweils Mitglieder der Familie Scheuer. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde nebenbei auch noch eine Landwirtschaft betrieben.

Der Gastgarten der Alten Knödelhütte der Familie Scheuer bot einst einen herrlichen Ausblick auf den umgebenden Wienerwald. Postkarte, undatiert (vor 1940), aus der Sammlung des Bezirksmuseums Penzing. - © Johann Werfring
Der Gastgarten der Alten Knödelhütte der Familie Scheuer bot einst einen herrlichen Ausblick auf den umgebenden Wienerwald. Postkarte, undatiert (vor 1940), aus der Sammlung des Bezirksmuseums Penzing. - © Johann Werfring

Zum Zeitpunkt der Gründung von Scheuers Gastronomiebetrieb war von Wien aus der Ausflugsverkehr in diese Gegend bereits voll in Schwung gekommen. Entsprechende Verkehrsverbindungen sorgten dafür, dass das Publikum nun auch massenhaft herbeiströmen konnte.

Der Zustrom der Ausflügler war derart massiv, dass im Jahr 1898 direkt neben Scheuers Gasthaus ein weiteres Café-Restaurant entstand, das nach seinem Besitzer als "Anton Riedl’s Restauration zur Knödelhütte" firmierte und an dessen Fassade in großen Lettern auch mit dieser Aufschrift versehen war. Auf alten Aufnahmen ist ersichtlich, dass Riedls Haus noch um einiges größer gebaut war als jenes von Scheuer, und auch der Gastgarten hatte größere Ausmaße.

Riedl ließ Postkarten drucken, auf denen das Haus abgelichtet war, darüber die Aufschrift "Anton Riedl’s Restauration Knödelhütte in Hütteldorf". Scheuer dürfte sich dadurch von seinem Konkurrenten herausgefordert gefühlt haben, denn er ließ nun Postkarten drucken, auf denen er sein Haus als "Alte Knödelhütte", ja sogar als "Ursprünglich alte Knödelhütte" bezeichnete.

1898 ließ Anton Riedl unmittelbar neben Scheuers Knödelhütte die Neue Knödelhütte errichten. 
- © Wien Museum

1898 ließ Anton Riedl unmittelbar neben Scheuers Knödelhütte die Neue Knödelhütte errichten.

- © Wien Museum

Eugen Guglia, ein studierter Historiker und Philologe, der von 1901 bis 1909 als Chefredakteur der "Wiener Zeitung" vorstand und in der langen Geschichte des Blatts zu den nicht wenigen kulturell besonders versierten Mitarbeitern zählte, beschrieb die beiden Knödelhütten in seinem 1908 erschienenen Werk "Wien. Ein Führer durch Stadt und Umgebung" als "Zwei große Restaurationen (...) mit Schießstätten, Schaukeln, Ringelspiel, Tanzsaal u. s. w., an Sonntagen vom Volke stark besucht." Auch andere Autoren erzählen vom vergnügten Treiben der Wiener in diesen Häusern, es wurde dort gezecht, gegessen und gesungen; von den Gastgärten aus genoss man die schöne Aussicht auf den Wienerwald.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass vom Standort der beiden ehemaligen Knödelhütten aus heute überhaupt keine Fernsicht mehr möglich ist, weil die ganze Gegend mittlerweile stark verbaut ist. Was den Alkoholkonsum anbelangt, so stellte man diesen zu jener Zeit noch freimütig zur Schau. Auf einer Postkarte von Scheuer sind etliche Zecher, einer sogar auf einem Bierfass reitend, dargestellt. Überschrieben ist das Ganze mit "Feuchtfröhliche Grüße und lustige Heimkehr von der Knödelhütte in Hütteldorf", darunter die Verse "Juchhe! Verkauft’s mei Gwand / i’ fahr in Himmel". Sogenannte "Rauschkarten" wie diese verschickte man damals in Wien und Umgebung gerne auch von Heurigen aus.

Versuchsgarten Knödelhütte

Die "Knödelhütte" als Ortszuordnung und Gebietsmarkenzeichen begann in der Gegend schon früh eine Rolle zu spielen. Die 1872 gegründete k.k. Hochschule für Bodencultur (heute "Universität für Bodenkultur Wien") ließ im Jahr 1884 unweit vom Gasthaus zur Alten Knödelhütte, und zwar an der heutigen Knödelhüttenstraße 37, einen "Forstlichen Versuchsgarten" anlegen, der in alten Schriften als Versuchsgarten "bei der Knödelhütte", "nächst der Knödelhütte" und "auf der Knödelhütte" bezeichnet wurde, in weiterer Folge aber salopp als "Forstlicher Versuchsgarten Knödelhütte" firmierte, wie es auch heute vor Ort, direkt neben der Bushaltestelle Moschingergasse, von einem Messingschild ablesbar ist. Zur knödeligen Verwirrung trägt dort bei, dass auf dem Gelände zwei alte hüttenartige Häuschen und zudem noch ein modernes in Holzbauweise errichtetes kleines Gebäude stehen.

Ebenfalls am Ausgang der Kaiserzeit gab es in der Nähe der beiden Knödelhütten-Wirtshäuser ein weiteres Gebäude, das salopp als "Knödelhütte" bezeichnet wurde: Auf einer im Bezirksmuseum Penzing heute noch erhaltenen Postkarte, deren abgestempelte Briefmarke mit dem Konterfei Kaiser Franz Josephs verziert ist, daneben die Jahreszahl 1908, ist die "Erholungsstätte Hütteldorf-Knödelhütte" abgebildet. Auf einer undatierten, ebenfalls im Bezirksmuseum vorrätigen Aufnahme, die offensichtlich aus jüngerer Zeit stammt, ist der Wortlaut "Sommererholungsstätte der Stadt Wien auf der Knödelhütte" abgedruckt. Das auf der Grundlage des "Czeike Wien Lexikon" vom Wiener Stadt- und Landesarchiv betriebene "Wien Geschichte Wiki" verwendet in seiner aktuellen Onlineversion – inkorrekt – eine Abbildung dieses Gebäudes als Illustration zum Artikel "Knödelhütte", der die beiden erwähnten Gasthäuser in der Knödelhüttenstraße abhandelt.
Sommererholungsstätte der Stadt Wien auf der "Knödelhütte", undatiert. 
- © Bezirksmuseum Penzing

Sommererholungsstätte der Stadt Wien auf der "Knödelhütte", undatiert.

- © Bezirksmuseum Penzing

Kleingartenverein Knödelhütte

Nicht weit vom Standort der Knödelhütten-Wirtshäuser entfernt entstand 1940 eine Schrebergartensiedlung, deren Bewohner bis heute dem "Kleingartenverein Knödelhütte" angehören. Über die Gründungszeit ist heute im Verein nur noch wenig bekannt, Zeitzeugen sind dem Vernehmen nach nicht mehr vorhanden und die jüngst herausgekommene Vereinschronik setzt wegen mangelnden Unterlagen über die Anfangszeit erst mit dem Jahr 1947 ein. Verschiedentlich gibt es die Vermutung, dass 1940 kriegshalber bereits akute Versorgungsengpässe bestanden und die notleidende Bevölkerung deshalb ganz einfach "Grabeland" abgesteckt habe, um Gemüse und Feldfrüchte anzubauen. Laut mündlicher Überlieferung wurde das Baumaterial für die damals errichteten Holzverschläge und Hütteln von Hütteldorf zu Fuß mit Scheibtruhen den Berg hinangekarrt. Bekannt ist in Vereinskreisen heute noch, dass nach dem Krieg im Bereich der Siedlung eine Entnazifizierung erfolgt sei.

Waren es ursprünglich Arbeiter und sonstige Personen aus einfachen Verhältnissen gewesen, die die Siedlung gegründet hatten, so seien deren Bewohner heute größtenteils in der Mittelschicht zu verorten, sagt Vereinsobmann Johann Pawlik. Wegen der enormen Nachfrage ist die Warteliste "auf der Knödelhütte" derzeit gesperrt. Der lustig klingende Siedlungsname ist für alle längst Normalität, aber "wenn wir irgendwo sagen, dass wir von der Knödelhütte kommen, dann lachen die Leute", so Pawlik.

Das Vereinshaus des Kleingartenvereins Knödelhütte in Penzing. 
- © Johann Werfring

Das Vereinshaus des Kleingartenvereins Knödelhütte in Penzing.

- © Johann Werfring

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fand in der Gegend der beiden Gasthäuser und der Kleingartensiedlung der "Kampf um die Knödelhütte" statt, den fanatisierte Soldaten der Hitler-Jugend mit den anrückenden sowjetischen Truppen ausfochten. In seinem 1987 im Amalthea Verlag erschienenen Buch "Nicht zu jung zum Sterben" schildert Fred Borth anschaulich den Albtraum, den er und seine HJ-Kameraden, die sogenannten "Werwölfe von der Knödelhütte", dort erlebten. Auch eine Fliegerabwehrstellung war damals im Bereich der Knödelhütte eingerichtet. "Bis heute haben wir noch öfter den Entminungsdienst da", vermerkt Obmann Pawlik zu den zuweilen gesichteten Weltkriegsrelikten.

Doderer und die Knödelhütte

Nach dem Krieg nahmen die beiden Knödelhüttenwirtshäuser ihren Betrieb wieder auf. Deren erneute Beliebtheit ist auch literarisch bezeugt: In seinem ergötzlichen, 1963 erschienenen Roman "Die Wasserfälle von Slunj" lässt Heimito von Doderer seine Protagonisten bei einem Ausflug ins Haltertal in "der Knödelhütte" einkehren und warme Milch trinken. Ob es sich dabei um die Scheuer’sche oder um die Riedl’sche Restauration handelte, lässt der Dichter offen. Während Scheuers "Alte Knödelhütte", wie erwähnt, bis Ende der 1970er-Jahre geöffnet hatte, wurde Riedls "Neue Knödelhütte" bereits 1966 abgebrochen.

Eine gewisse Knödelhüttenvergangenheit hat übrigens auch der Wiener Naschmarkt. Aber keinesfalls eine derart nachhaltige und variantenreiche wie der Bezirk Penzing.

Print-Artikel erschienen am 21. Jänner 2023
In: "Wiener Zeitung", S. 18–19