Diego geht auf seinen Händen spazieren. Damit kann er Außenstehende schon einmal in ungläubiges Erstaunen versetzen. Immerhin ist er erst zweieinhalb Jahre alt. Doch für ihn ist es das Natürlichste der Welt, wenn diese kopfsteht. Denn Diego ist ein Zirkuskind. Manch einer mag den Sohn einer Akrobatin und eines Musikers beneiden - um die Freiheit, in der er aufwächst und um die große Familie, die ihm Halt gibt und ihn umsorgt. Die besonderen Herausforderungen kommen allerdings erst noch auf ihn und seine Eltern zu. Denn für Zirkusfamilien steht das ganze Leben Kopf: Unterricht in der Schulklasse, eigene Wohnung, beziehungsweise all das, was andere als "normales Leben" kennen, ist für sie wiederum keine Selbstverständlichkeit.

Der Cirque du Soleil hat am 4. April sein Zelt in Neu Marx aufgeschlagen. Wer eine der begehrten Karten dafür ergattern kann, freut sich auf fantastische Artisten und schier übermenschliche Kunststücke in schillernden Farben und Kostümen. Dahinter stecken normale Menschen, die ihr Leben, ihr Liebesglück und ihre Elternfreuden unter ganz und gar nicht normalen Umständen gestalten müssen. Darunter sind Kelly, eine Akrobatin aus den USA, und der Kolumbianer Felipe, der Musiker im Zirkusorchester ist.

Der Vogel und das Krokodil: Am Anfang waren Kelly und Felipe einander nicht grün. Heute sind sie verheiratet und haben einen Sohn. - © Cirque du Soleil
Der Vogel und das Krokodil: Am Anfang waren Kelly und Felipe einander nicht grün. Heute sind sie verheiratet und haben einen Sohn. - © Cirque du Soleil

"Wir haben uns in der Zentrale des Cirque du Soleil in Montréal kennengelernt, bei der Entwicklung der Show ‚Luzia‘", erklärt Kelly der "Wiener Zeitung". Das war vor sechseinhalb Jahren. "Wir haben uns zuerst gemieden." Doch das dauerhaft zu schaffen, ist in einer Zirkustruppe ein eher schweres Unterfangen. Und so kamen sich die beiden allmählich doch näher. Aus Arbeitskollegen wurden Freunde und aus den Freunden ein Paar. Schließlich heirateten sie und bekamen ein Baby - Diego. Während global gesehen - je nach Statistik - irgendwo zwischen 10 und 20 Prozent der Ehepartner ihre bessere Hälfte am Arbeitsplatz finden, hat man im Cirque das Gefühl, auf Schritt und Tritt in Zirkuspärchen zu rennen. Hier ist Maho, die Sängerin der Show, die mit dem Lichttechniker liiert ist. Dort hat einer der Springreifenartisten wiederum eine Freundin, die in einer anderen Show des Cirque du Soleil arbeitet. Auch die deutsche Cyr-Rad-Akrobatin Lea hat einen Freund beim Zirkus.

Ungewohnter Lebenswandel

Kelly und Felipe haben vor gut sechs Jahren geheiratet. - © privat
Kelly und Felipe haben vor gut sechs Jahren geheiratet. - © privat

"Es ist nicht so, dass der Partner unbedingt aus dem Zirkus kommen muss", erklärt Lea. "Aber es hilft extrem." Das beginnt schon einmal beim Verständnis für den Tagesrhythmus. "Ich stehe so gegen Mittag auf, gehe aber auch erst um drei Uhr Früh ins Bett. Direkt nach der Show um 23 Uhr kann ich ohnedies nicht schlafen gehen. Da steckt noch zu viel Adrenalin im Körper. Außerdem ist da für mich gerade einmal Feierabend und ich möchte endlich etwas anderes machen." Es ist ein Rhythmus, wie ihn gerade einmal noch Nachtwächter nachvollziehen können. Doch selbst die müssen arbeiten, wenn Lea gerade am Ausgehen ist.

Lea wirbelt es durch die Welt wie auf ihrem Cyr-Rad. - © B. Royer
Lea wirbelt es durch die Welt wie auf ihrem Cyr-Rad. - © B. Royer

Auch das Verständnis dafür, dass Zirkusartist ein normaler Beruf ist, ist außerhalb des Zeltes keine Selbstverständlichkeit. So erzählt Lea von einem Ex-Freund, der jedes Mal, wenn er sie besuchte, durch den Zirkus ging wie ein Kind durchs Zuckerlgeschäft. "Der hat jeden Artisten, den er gesehen hat, auf ein Podest gestellt." Etwas, das Lea mit der Zeit nervte.

Nun ist sie mit einem Burschen zusammen, der ebenfalls Teil der Zirkuswelt ist. Er lebt in Kanada, arbeitet allerdings nicht wie Lea für den Cirque du Soleil. Er besucht sie immer wieder einmal auf ihrer Tour. Doch mindestens ebenso wichtig ist der tägliche Kontakt. "Wir telefonieren täglich nach dem Aufstehen", erzählt Lea. So wie bei der Beherrschung von Zirkuskunststücken bedarf es auch bei einer Fernbeziehung eiserner Disziplin. "Man sollte eine feste Uhrzeit am Tag haben, zu der man miteinander redet. Auch wenn es einmal nur fünf Minuten sind. Gerade die kleinen Updates des täglichen Lebens sind unheimlich wichtig für eine Beziehung." Leichter haben es da schon Kelly und Felipe, die gemeinsam mit derselben Show durch die Landen touren. Und das ist letztlich einer der wichtigsten Punkte, die man in der Beziehung mit einem Zirkusmenschen akzeptieren muss: "Das Zirkuszelt ist unser Zentrum", sagt Kelly. Wenn der Zirkus von einer Stadt zur nächsten zieht, bleibt gerade einmal ein wenig Zeit für Familienbesuche. Kelly ist zufrieden und gewinnt dieser Situation auch etwas Positives ab: "Es ist schön, nicht von Materiellem abhängig zu sein. Alles, was du hast, muss in einen Koffer passen." Doch wie schwer ist diese Situation für ein Kind?

Sportlich-kreatives Umfeld

"Diego hat hier schon einen Instinkt entwickelt. Der lässt ihn in jeder Stadt sofort den nächsten Spielplatz finden", sagt Kelly. Im Zirkus selbst fehlt es dem Kleinen an nichts. "Er wächst auf umgeben von herausragenden Artisten und vielen Sprachen", sagt Vater Felipe. Die Zweisprachigkeit ist dem Kind durch seine Eltern von Anfang an gegeben. Bereits in seinem zarten Alter versucht er sich am Trapez, den Stangen, den Seilen oder was auch immer ihm in die Hände kommt. Und Diego ist auch nicht das einzige Kind im Zirkus. Es gibt sogar zwei, die gleich alt sind wie er.

Unter Zirkuseltern hilft man einander selbstverständlich und übernimmt abwechselnd die Aufsicht über die Kinder. Grundsätzlich ist für alles gesorgt. Und doch merkt man, dass die Zeit oft sehr knapp wird. Besonders an Tagen, an denen die Zirkustruppe zwei Shows bietet, sind die Eltern froh, wenn Diego Backstage zuschaut. Dann haben sie ein bisschen mehr Zeit mit ihm. Denn zwischen Ausschlafen, Training, mindestens eine Stunde Schminken und zwei Shows bleibt nicht viel Zeit.

Langfristige Perspektive

Auch mit der langfristigen Perspektive ist das so eine Sache. Manche Artisten sind mit ihren Kindern praktisch für immer unterwegs. Seit der Pandemie auch einem größeren Publikum bekannt, ist die Schulausbildung via Laptop und Internet nichts Aufsehenerregendes mehr. Und doch merkt man bei vielen Eltern den Wunsch nach Und so denkt Kelly auch schon daran, für Diego ein festes Zuhause zu finden, bevor für ihn der Pflichtunterricht beginnt. Ein Ort, an dem er in die Schule gehen kann und dem örtlichen Sportklub beitreten.

"Als Eltern wünscht man sich dann doch, dass das Kind einmal beispielsweise sein eigenes Zimmer hat", sagt Kelly. "Es ist schon schwer, in jeder neuen Stadt Diego jedes Mal aufs Neue das Gefühl zu geben, dass es etwas Besonderes und sein Zuhause ist."

Dabei muss es gar nicht erst das Kind sein, das das Verlangen nach Sesshaftigkeit auslöst. Felipe sehnt sich beispielsweise nach einem Tagesjob. "Ich habe mein ganzes Leben in Bars gespielt, jetzt spiele ich im Zirkus, der auch bis spät in die Nacht dauert. Ich bin das schon ein wenig leid. Ich träume davon, um sechs Uhr in der Früh aufzustehen und um acht am Abend schlafen zu gehen."

Auch bei Lea blitzen manchmal Gedanken an ein eigenes Heim auf. "Pflanzen. Manchmal denke ich, es wäre schon ganz schön, Pflanzen zu haben", schwärmt sie. "Ich würde es ganz cool finden, einmal Möbel zu kaufen." Und auch sie macht sich Gedanken, was sein könnte, wenn sie einmal Mutter wird.

"Die Frage ist, ob ich dann wirklich noch im Zelt arbeiten würde", überlegt Lea. Es gibt beispielsweise sesshafte Zirkusshows, die nicht touren - allerdings nicht viele. Auch Zirkusevents von Hochzeiten bis hin zu Firmenfeiern könnten eine Option sein, die Lea von einem fixen Standort aus betreut. "Da ginge es dann darum, in einem gewissen Zeitrahmen ausreichend zu verdienen, um den Rest der Zeit zu Hause bei der Familie zu sein." Eines ist jedenfalls klar: Davon, eine Tournee-Mami zu sein, die alle paar Wochen einmal zu Hause vorbeischaut, hält sie nichts.

Doch ist das alles nicht furchtbar kompliziert? Ist es das Ganze wert? Was, wenn das eigene Kind einmal den beruflichen Fußstapfen der Eltern folgen würde? Kelly hätte jedenfalls nichts dagegen. "Ich kenne die Arbeit ja recht gut und für mich ist und war es eine wunderbare Erfahrung. Ich komme aus dem Leistungssport, wo der Konkurrenzdruck groß ist. Ich weiß, was toll ist und wo es Risiken gibt - etwa Verletzungen, hoher Zeitaufwand, schlechte Trainer. Ich habe da Glück gehabt und alles hat gepasst."

Sie ist zufrieden und auch begeistert davon, wie sich Diego entwickelt. "Egal, was er später einmal machen will: Das, was er jetzt erlebt, ist fantastisch für seine Stärke und seine Körperbeherrschung, auch für seinen Willen und seine Ausdauer und Konzentration." Wenn Diego zum Beispiel eine Bewegung oder ein Kunststück sieht, dann übt er die stundenlang, bis er es kann. Oder er greift sich ein Instrument und beginnt darauf zu spielen. Was ihm der Zirkus jedenfalls jetzt schon biete, ist diese Offenheit auch für ungewöhnliche Aufgaben - und eine andere Perspektive. So, wie wenn er mit seinen Händen geht. "Er wird wissen, dass es nicht die einzige Option im Leben ist, Ausbildungsabschluss auf Ausbildungsabschluss folgen zu lassen, um dann in einem Büro zu arbeiten."