Kurt Steinwender, der sich seit 1969 Curt Stenvert nannte und auch selbst als Soldat im Zweiten Weltkrieg im Einsatz gewesen war, verfolgte seit 1965 die Idee des Objektes "Stalingrad", das er als ein "prototypisches Beispiel eines funktionalen Bildwerkes" bezeichnete. Nach seiner Definition liefert die funktionale Kunst zwar "fertige, in sich geschlossene Objekte, die aber keine fertigen Antworten sind", sondern den Betrachter zum Mitreden auffordern.

Objekt von Curt Stenvert im Heeresgeschichtlichen Museum Wien. - © Johann Werfring
Objekt von Curt Stenvert im Heeresgeschichtlichen Museum Wien. - © Johann Werfring

In drei Vitrinen zu 18 "Takten" entwickelt Stenvert die Thematik "Stalingrad", wobei am Beginn ein desolates Klo zu sehen ist; als Klopapier dient ein zerfetztes Exemplar von Hitlers Buch "Mein Kampf". Die nächste Szene zeigt die verstümmelte, kopflose Leiche eines soldatischen Protagonisten. Nachfolgend ein "Takt" mit der Frage der Soldatenwitwe nach dem Haupt ihres Mannes. In der nächsten Vitrine befindet sich – in Gestalt eines wahnsinnig gewordenen Soldaten – der Antagonist, der sich an dem Hirn des Protagonisten labt. Die dritte Vitrine zeigt eine Landkarte, welche die Einkesselung Stalingrads vor Augen führt. Davor ist sechs Mal Adolf Hitler abgebildet, der jeweils mit einem Messer Soldatenhirne zerschneidet und isst. Der sechste Kopf Hitlers ist als Wolfsschädel realisiert. Ganz offensichtlich möchte Stenvert damit andeuten, dass man diesen "Wolf" eigentlich hätte erschießen müssen. Darauf verweist auch der nachfolgende Takt, wo mittels Aufrechnung gezeigt wird, dass mit einer rechtzeitigen Beseitigung des Tyrannen in Stalingrad "141.999 Hirne & 283.998 Hoden" hätten gerettet werden können, während durch die "Investition" einer Patrone bloß "1 Hirn & 2 Hoden" abgestorben wären.

Zur ethischen Vertretbarkeit der Darstellung meinte der Wiener Moraltheologe Gerhard Marschütz, dass die zahlenmäßige Gegenüberstellung von Täter- und Opferorganen nicht unproblematisch sei, zumal auch ein Tyrann seiner Würde nicht verlustig gehe. Obwohl der Tyrannenmord aus kirchlicher Sicht vertretbar ist, sei eine solche "ökonomische Logik" gefährlich, weil sie auch auf andere Ebenen übertragen werden könne und im weitesten Sinne an Überlegungen zur Vertilgung "unwerten Lebens" anknüpfe. Prinzipiell sei aber gegen das Thema selbst als Gegenstand einer künstlerischen Auseinandersetzung nichts einzuwenden. Laut Museumsdirektor Manfried Rauchensteiner wurden Stenverts Objekte vom Publikum bislang überwiegend positiv aufgenommen.

Print-Artikel erschienen am 24. September 2005
in der "Wiener Zeitung", S. 15