Nach Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 etablierte sich in kurzer Zeit eine Reihe von christlich-reformatorischen Strömungen. Eine von ihnen – die "Täuferbewegung" – nahm von Zürich ihren Ausgang und erreichte trotz massiver Verfolgungen durch die staatlichen Obrigkeiten eine erstaunlich großflächige Verbreitung in Europa.

Als Gründer der Täuferbewegung gilt Konrad Grebel, der in Basel, Wien und Paris Theologie und Philosophie studiert hatte und sich dann dem Kreis rund um den Schweizer Reformator Huldrych Zwingli anschloss. Schon bald kam es zum Bruch mit Zwingli, weil Grebel die Taufe als bewussten, freien Willensakt betrachtete, der erst einem erwachsenen Menschen möglich sei, weshalb er die auch von Zwingli anerkannte Kindstaufe ablehnte.

Elektronische Fußfessel (l.) und eine Fußfessel aus der Reformationszeit – Installation im Museumsdorf Niedersulz (r.) . Fotos: apa/Neubauer, Johann Werfring
Elektronische Fußfessel (l.) und eine Fußfessel aus der Reformationszeit – Installation im Museumsdorf Niedersulz (r.) . Fotos: apa/Neubauer, Johann Werfring

Schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden innerhalb der Täuferbewegung mehrere Strömungen, die sich um diverse Einzelpersönlichkeiten gruppierten. So etwa gab es die Hutterer (deren Gründervater Jakob Hutterer war), die Huteriten (gegründet von Hans Hut), die Mennoniten (nach Menno Simons) und die Bilgramiten (nach Pilgram Marbeck). In Mähren und im benachbarten Weinviertel waren die Hutterer stark vertreten, weshalb das Täufermuseum Niedersulz stark auf diese Gruppierung fokussiert.

Verweigerter Untertaneneid

Obwohl die Täufer ein ehrbares, arbeitsames und besonders gottgefälliges Leben zu führen trachteten, kamen sie rasch mit der Obrigkeit in Konflikt, weil sie es aus religiösen Gründen ablehnten, den geforderten Untertaneneid zu leisten. Zudem prangerten sie jegliche Form von Gewalt an (auch jene, die von Rechts wegen von staatlichen Behörden ausging), weshalb man sie bezichtigte, umstürzlerisch zu agieren.

Bereits in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens gingen die Obrigkeiten in der Schweiz und in vielen deutschsprachigen Gebieten gegen die Täuferbewegung vor. Balthasar Hubmaier, der als der bedeutendste Theologe der Täuferbewegung gilt, wurde 1528 in Wien beim Stubentor lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt (drei Tage danach wurde seine Frau in der Donau ertränkt). Auch der aus Tirol stammende Jakob Hutterer, der die Huttererbewegung nach Mähren und ins nördliche Weinviertel brachte, endete 1536 in Innsbruck beim Goldenen Dachl auf dem Scheiterhaufen.

Die Anführer der einzelnen Täufer bewegungen wurden in jedem Falle hingerichtet, sobald man ihrer habhaft werden konnte. Gewöhnliche Mitglieder der Täuferbewegungen (ihre Anhänger wurden spöttisch auch als "Wiedertäufer" bezeichnet) konnten ihr Leben retten, sofern sie widerriefen. Verweigerten sie den Widerruf oder wurden sie trotz Widerruf rückfällig, ging man auch gegen sie mit voller Härte vor. Männer wurden verbrannt oder geköpft, Frauen zumeist durch Untertauchen ihres Kopfes in einem Trog ertränkt.

Sofern eine Frau hutterisch war, der Ehemann aber der "richtigen Religion" angehörte, legte man die Frau an eine lange Kette, sodass sie nur in einem kleinen Umkreis rund um das Haus bewegungsfähig war. Eine solche Strafform schien der Obrigkeit in solchen Fällen angemessen, weil bei Verbannung oder Tötung der Haushalt zusammengebrochen wäre und die Kinder ohne mütterliche Obsorge hätten leben müssen. Noch dazu wurde die Versorgung der "Delinquentin" ihrer Familie aufgebürdet. Für den Staat war das, wie im Falle der Gefangensetzung mithilfe einer elektronischen Fußfessel in unseren Tagen, von erheblichem Vorteil...

Artikel erschienen am 30. September 2010
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7