Das Schild links oben ist für Radfahrer kaum wahrnehmbar.
Das Schild links oben ist für Radfahrer kaum wahrnehmbar.

Wien. Gegenseitige Rücksichtnahme und Wertschätzung unter allen Verkehrsteilnehmern dürfte in der Wiener City unter die Kategorie utopische Traumwelten fallen. Vielmehr gleicht das Verkehrsgeschehen auf den Straßen einem Kampf, bei dem es nur um eines geht: Recht zu haben.

Da beharren Autofahrer gegenüber Radfahrern darauf, Vorrang zu haben, Fußgänger schimpfen wiederum auf die Radfahrer, weil diese ihnen den Weg abschneiden - und alle berufen sich immer wieder auf Schilder, Bodenmarkierungen, Sperrlinien, rote Zonen, Vorrangregeln und so weiter. Und davon gibt es reichlich.

Dass die vielen Reglementierungen häufig mehr Konflikte produzieren als für einen reibungslosen Verkehrsfluss zu sorgen, zeigte der ÖAMTC bei einer Rundfahrt durch die Wiener Innenstadt zu besonders neuralgischen Konfliktbereichen. Die Rundfahrt erfolgte mit Segways - Staubsauger-ähnliche, elektrisch angetriebene Transportmittel mit zwei auf derselben Achse liegenden Rädern, zwischen denen die beförderte Person steht und durch eine elektronische Antriebsregelung in Balance gehalten wird.

Und schon allein der Anblick dieser Gefährte sorgte für Kommentare wie "Schleicht’s euch mit dem Scheiß" bei den Radfahrern oder "Runter von der Straße" bei den Autofahrern oder "Der Gehsteig ist kein Parkplatz" bei den Fußgängern. Dabei gelten für Segways dieselben Rechte und Pflichten wie für Radfahrer. Oft ist es nämlich Unwissenheit, die zu Konflikten führt - und in manchen Fällen die Verkehrsteilnehmer sogar gefährdet.

Schild in vier Metern Höhe


So zum Beispiel bei der Querung der Zedlitzgasse beim Parkring: Da hier ein Linienbus vom Ring einbiegt, wird dem Radverkehr kein Vorrang gegeben. Stattdessen wurde als Warnung ein roter Streifen aufgemalt - er sieht allerdings wie die Fortführung des Radweges aus. Und es wurde eine kaum sichtbare "Vorrang geben"-Tafel auf vier Metern Höhe direkt neben einer Litfass-Säule montiert (siehe Bild). Die Folge: Jeder Radfahrer quert ungebremst die Straße, weil er glaubt, im Recht zu sein, erklärten ÖAMTC-Generalsekretär Oliver Schmerold und Verkehrsjurist Martin Hoffer - und präsentierten viele weitere "Points of Interest": Bei der Christinengasse am Schubertring enden etwa Geh- und Radweg, weil man der einbiegenden Straßenbahn den Vorrang nicht nehmen wollte. Die Radfahrer haben daher gegenüber dem gesamten Querverkehr Nachrang - was ihnen aber nicht bewusst ist. "Unverständlich ist auch, dass viele Fahrradstreifen hinter Schrägparkern aufgebracht wurden, anstatt zwischen Gehsteig und Parkplatz", so Schmerold.

Dass sich der ÖAMTC plötzlich auch für die Radfahrer interessiert, begründete Schmerold mit dem Vorhaben der Stadtregierung, Wien für die Radler attraktiver machen zu wollen - "außerdem sind wir die Interessenvertretung für alle Verkehrsteilnehmer". Befürchtet wird nämlich, dass es der grünen Regierungsseite weniger um die Vermehrung der Radfahrer in Wien geht, sondern nur um die Absicherung der Rechtspositionen. Von den geplanten Radstraßen hält Schmerold im Übrigen wenig: "Radfahrer suchen sich den kürzesten Weg, egal ob es sich um eine Radstraße handelt oder nicht", meint er. "Shared space"-Lösungen werden vom ÖAMTC allerdings befürwortet - auch wenn dadurch der Autoverkehr entschleunigt wird. "Wenn es nur zwei Regeln gibt, dann passen die Verkehrsteilnehmer auch besser aufeinander auf, und um das sollte es in erster Linie gehen", so Schmerold.

MA 46 will Zonen überprüfen


Bei der zuständigen MA 46 (Verkehr) zeigt man sich sehr aufgeschlossen gegenüber den Anregungen des Touringclubs. "Die MA 46 dankt ausdrücklich für jeden Hinweis auf Problemzonen in der Stadt, wird betroffene Örtlichkeiten umgehend überprüfen und - wenn erforderlich - selbstverständlich alles daran setzen, so rasch wie möglich Verbesserungen herbeizuführen", hieß es am Freitag. Sollten Verkehrsteilnehmer Gefahrenstellen erkennen, können diese Mängel auch unter der Telefonnummer 01/95559 gemeldet werden, erklärte die Sprecherin der MA 46. Ob der freundliche Umgangston entsprechende Taten folgen lässt und auf das Klima im Stadtverkehr abfärbt, bleibt abzuwarten.