Aber zur genauen Lage der Grabstelle im ungepflegten Simmeringer Wiesengrün verschweigen sich Museum wie Wiener Kulturpolitik. Der im kollektiven Gedächtnis Europas fest verankerte Kriegsmann nährt noch heute Ängste. Könnte sein Grab in Wien zum Gedenkplatz oder gar zur Pilgerstätte für Radikalislamisten werden - wie im Ehrenbezirk des Zentralfriedhofs das Grab des Ritterkreuzträgers Walter Nowotny für die Altneunazis?

Der Erinnerungskult lief in Wien andersrum: Der Türkensturm 1683 kam in der Ersten Republik als Codewort für den Weltbolschewismus, Kara Mustafa für Stalin in Gebrauch. Zum 250-JahrJubiläum 1933 wurde nicht zufällig nach Wien zum Allgemeinen Deutschen Kirchentag geladen. Auch Hitler wurde als Kara Mustafa ideologisiert. "Die Niederschlagung der osmanischen Truppen vor Wien 1683 gilt als Geburtsstunde des modernen Europa - und als Rettung der abendländisch-christlichen Kultur. Doch die Bedrohung durch die Türken wirkt noch immer im kollektiven Gedächtnis des Kontinents", schrieb die Wiener Arabistin und Völkerrechtsexpertin Karin Kneissl.

Türken-Trophäe: Begraben oder in Stille entsorgt? Foto: Wien Museum
Türken-Trophäe: Begraben oder in Stille entsorgt? Foto: Wien Museum

Tradition der Verheimlichung von Grabstellen

Mit der Verheimlichung der Grabstelle setzt die Stadt Wien freilich eine fragwürdige und sich letztlich nur aus politischer Opportunität erklärende Tradition des Verscharrens von Leichen, des Ausstreuens von Asche getöteter Feinde fort. Die Ethnologie kennt diese Bräuche auf allen Kontinenten und die europäische Geschichte Beispiele seit der Antike. Auch an Opfer Stalins und der NS-Blutjustiz muss man denken - und an die spurenlose Beseitigung der Überreste Adolf Eichmanns durch den Staat Israel.

Das Eingraben an geheim gehaltener Stelle verhindert freilich auch, dass der Schädel gestohlen wird - wie es schon bald nach der ersten Eroberung Belgrads geschehen ist. 1696 bestätigte Leopold von Kollonitz, Erzbischof von Gran und Primas von Ungarn, zwei Jesuitenpatres, die den Schädel nach Wien brachten, dass sie nicht selber das Feldherrn-Grab in der dem Orden übergebenen Belgrader Moschee geplündert haben. Ein in Fetzen gekleideter Strotter war es, der es auf die Kleider des Toten abgesehen hatte. Die Geschichte hinkt. Aber eben darum ist die Unbedenklichkeitsbescheinigung glaubhaft. Wer brauchte sie, hätte er nicht den wahren Schädel im Gepäck?

Es geistert noch eine moralischere Variante durch die Chronologie: Zwei Soldaten hätten den Schädel aus dem Grab geholt, weil sie sich am Wiener Hof reiche Belohnung versprachen. Doch seien sie als Grabschänder hingerichtet worden. Mit dieser Darstellung sollte wohl nachträglich der Gerechtigkeitssinn der hohen Herrschaft bekundet werden. Wer aber hätte ein schlechtes Gewissen, wenn er nicht eine echte Trophäe im Glaskasten hat?