Wien. Sie wollten das nationalsozialistische System nicht länger hinnehmen, lehnten sich dagegen auf - und wurden am 30. Juni 1942 im Straflandesgericht mit dem Fallbeil hingerichtet. Zehn Eisenbahner aus Kärnten und der Steiermark, allen voran Maximilian Zitter, die somit zu den ersten politischen Häftlingen wurden, an denen während des NS-Regimes die Todesstrafe vollstreckt wurde.

Ihr Schicksal ist Teil jener Ausstellung, die am Donnerstag im Straflandesgericht in Wien-Josefstadt eröffnet: ein fünfmonatiger Reigen über die Geschichte des Grauen Hauses und die Entwicklung der Strafgerichtsbarkeit, die auf 30 Bannern unter anderem im historischen Egon-Schiele-Saal und im Großen Schwurgerichtssaal veranschaulicht wird. Parallel dazu finden Podiumsdiskussionen, Buchpräsentationen und Theateraufführungen statt. Für jede Führung und Veranstaltung bis auf das Mozart-Requiem am 26. Oktober ist der Eintritt frei, allerdings muss man sich vorher anmelden und einen Lichtbildausweis mitnehmen.


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Veranstaltungs-Programm unter www.justiz.gv.at
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"Die Ausstellung soll Berührungsängste abbauen", sagte Gerichtspräsident Friedrich Forsthuber am Dienstag vor Journalisten. Werde doch das Graue Haus, das 1839 auf dem Gelände der ehemaligen Schießstätte errichtet und seither mehrfach umgebaut wurde, zumeist mit Gefängnis und Haft in Verbindung gebracht. "In Wahrheit wird aber nur ein geringer Prozentsatz der Angeklagten verurteilt", stellte Forsthuber klar. Heute seien überhaupt nur noch das Straflandesgericht und die Staatsanwaltschaft Wien im historischen Trakt untergebracht - das alte Gefangenenhaus wurde von 1980 bis 1996 abgerissen. Zeitgleich entstand die Justizanstalt Wien-Josefstadt, die dem Straflandesgericht angegliedert und mit rund 1200 Häftlingen das größte Gefängnis des Landes ist.

1200 Todesurteile


während des NS-Regimes


Wer mehr darüber erfahren will: Auch diese geschichtlichen Hintergründe sind Teil der Ausstellung, die weiters über die Genese der Todesstrafe in Österreich - das letzte Todesurteil wurde 1950 vollstreckt -, gängige Foltermethoden im 18. Jahrhundert und die Justiz während des NS-Regimes informiert. "1200 Menschen wurden während 1938 und 1945 in der Weihestätte im Straflandesgericht mit dem Fallbeil hingerichtet - wegen politischer Delikte", präzisierte Forsthuber. Gedenktafeln mit deren Namen nehmen eine Wand der Weihestätte ein: ein karger, verfliester Raum mit Holzbänken, der von einem zentralen Abfluss dominiert wird. Auf einem mannshohen Foto ist ein Fallbeil zu sehen.

Der Egon-Schiele-Saal des Straflandesgerichts indes ist spektakulären Kriminalfällen gewidmet. Dazu zählt jener Martha Mareks, die ihren Mann, ihre Tochter, ihre Tante und ihre Untermieterin mit Rattengift getötet hat. Sie wurde im Dezember 1938 enthauptet und starb somit als erste Österreicherin durch das Fallbeil, das erst im September desselben Jahres von Berlin nach Wien gebracht worden war.

Auch die Causa Harald Sassak rangiert unter den spektakulärsten Fällen. Ist doch der heute 63-Jährige seit mittlerweile 38 Jahren in Haft und somit der am längsten einsitzende Gefangene in Österreich: Er überfiel und tötete alleinstehende Frauen, insgesamt wurden ihm sieben Morde nachgewiesen.

Die Verhandlung gegen Friedrich Adler, der 1916 den Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh erschoss und 1918 amnestiert wurde, wird am 10. November im Großen Schwurgerichtssaal nachgestellt - sie bildet den Schlusspunkt der Ausstellung. Als Auftakt werden hier aber erst einmal am 22. Juni Absolventen des Max Reinhardt Seminars das Theaterstück "Volksvernichtung" von Werner Schwab aufführen. Am 30. Juni folgt eine Gedenkfeier für die durch das NS-Regime zu Tode Verurteilten. Es ist der 70. Jahrestag der erstmaligen Hinrichtung: jener der zehn eingangs erwähnten Eisenbahner.