Als Wiens Bürgermeister Michael Häupl vor rund zehn Jahren den Bahnhof Wien-Mitte als "Ratzenstadl" bezeichnet hatte, brachte er damit zum Ausdruck, dass das Gebäude in architektonischer Hinsicht ein Schandfleck sei und rasch abgerissen werden müsse. Vertreter der österreichischen Medien liebten den bürgermeisterlichen Sager und zitierten ihn bei allen möglichen Gelegenheiten. Mittlerweile ist der von Häupl solcherart angesprochene Bahnhof Geschichte, und die Eröffnung des Nachfolgebaus wird in absehbarer Zeit erfolgen.

Rückblende in die Geschichte Wiens: Nicht "der", sondern "das" Ratzenstadl ist eine Wortschöpfung, die der Wiener Volksmund in der frühen Neuzeit hervorgebracht hat. Erinnerungszeichen, die in gewisser Weise mit dem Ratzenstadl in Zusammenhang stehen, finden sich heute noch am Wiener Stephansplatz; die meisten Passanten gehen darüber hinweg, ohne sie wahrzunehmen: Es handelt sich um die im Straßenpflaster eingezeichneten Umrisslinien der ehemaligen Maria-Magdalena-Kapelle, die seinerzeit als Friedhofskapelle des Stephansdomes gedient hatte, ehe sie 1781 einem Brand zum Opfer fiel.

Säule auf dem Modell des Ratzenstadls im Bezirksmuseum Mariahilf. - © Foto: Johann Werfring
Säule auf dem Modell des Ratzenstadls im Bezirksmuseum Mariahilf. - © Foto: Johann Werfring

Siedlung mit verwinkelten Gässchen

Bei der Maria-Magdalena-Kapelle war in alter Zeit eine Bruderschaft angeschlossen, welche außerhalb der Stadt, im sogenannten Saugraben (im heutigen Bereich zwischen Kaunitzgasse und Wienfluss; Wien-Mariahilf), eine Liegenschaft besaß. Lange Zeit war diese Gegend von Weingärten dominiert, ehe 1683 die Osmanen verheerende Verwüstungen in den Kulturen anrichteten, woraufhin das Areal in Ackerland umgewandelt wurde. Um 1700 wurde mit der Besiedlung der Gegend begonnen. Schließlich erhielt die Siedlung – nach den bei der Maria-Magdalena-Kapelle befindlichen Grundeigentümern – den Namen Magdalenagrund.

Bei den Gebäuden, die dort entstanden waren, handelte es sich durchwegs um dürftige Häuser, in denen ärmliche Bewohner hausten. Der Eindruck der Siedlung mit ihren engen, verwinkelten Gässchen war dörflich, und die Wiener verpassten ihr alsbald den Spottnamen "Ratzenstadl" (auf Wienerisch "Ratz" bedeutet Ratte, und unter "Stadl" versteht man in Wien eine Scheune).

Blickfang im Museum

Ein von dem Wiener Maler Anton Bienert um 1900 angefertigtes drei mal drei Meter großes Modell des Ratzenstadls ist heute der augenfälligste Blickfang im Bezirksmuseum Mariahilf. Hinsichtlich der Herkunft des Namens gibt es unterschiedliche Ansichten. Unter anderem wurde ins Treffen geführt, dass sich in der ärmlichen Siedlung besonders viele Ratten tummelten.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass "Ratz" auf jene serbischen Familien gemünzt sei, die sich unter den Bewohnern am Magdalenagrund befanden (Serben wurden anno dazumal Raitzen respektive Ratzen genannt). Ein weiterer Ansatz für die Erklärung findet sich am Modell im Bezirksmuseum: Am Rand des Modells ist eine Säule zu sehen, die einst die folgende Inschrift trug: "Herr Ferdinand Ratz hat diese Säule erbaut anno 1668".

Wie auch immer: Fest steht, dass mit "Ratzenstadl" immer schon ein wenig reizvolles Umfeld gemeint war . . .

Print-Artikel erschienen am  18. Oktober 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7