Wien. Geriatrie klingt nicht sexy. Eher nach alt, tattrig und einsam. Man denkt an schmucklose Pflegeheime, hochbetagte Patienten und Ärzte, die auf verlorenem Posten die Stellung halten. Der Vorhof zum Friedhof sozusagen. Nicht unbedingt ein Fach, in dem ein junger Medizinstudent den Helden diverser Arztserien nacheifern kann.

Seit Oktober gibt es nun die erste Professur für Geriatrie an der Medizinischen Universität Wien. Nach der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg 2006 und der Medizinuniversität Graz vor einem Jahr hat man nun auch in Wien einen Lehrstuhl für die Altersheilkunde eingerichtet. Ein Meilenstein für Verfechter eines Faches, das viele Jahrzehnte nur mit Pflegemedizin gleichgesetzt wurde.

"Das hat lange verhindert, dass sich die Geriatrie etablieren konnte", sagt Franz Böhmer. Der Internist und Kardiologe gilt als Pionier der Geriatrie in Österreich. Seit den 1980er Jahren ist er fasziniert von der Medizin um die alten Menschen. Damals, als er zum ersten Mal einen Herzschrittmacher in einen älteren Patienten implantierte, wusste er genau, dass es damit nicht genug war. Dass eine umfassende Betreuung notwendig wäre, dass ein alter Mensch meistens nicht nur an einer, sondern an zehn Krankheiten leidet, da schafft man nicht so schnell Abhilfe mit einem Herzschrittmacher. Seine Kollegen belächelten seine Einwände, die Pumpe schlug wieder, es passte doch alles. Der Patient wurde entlassen. Zwei Wochen später wurde der alte Mann mit Beschwerden in einem anderen Krankenhaus eingeliefert. Der Initialmoment für Böhmer. Seither engagiert er sich für die Geriatrie, als Ehrenpräsident der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie sowie als langjähriger Verantwortlicher für das Geriatriediplom der österreichischen Ärztekammer. Dieses Jahr wird der zweitausendste Absolvent das Diplom erhalten.

Vor einem Jahr wurde die österreichische Ärzteausbildung um das Zusatzfach Geriatrie erweitert. Es ist ein sogenanntes Additivfach für Allgemeinmediziner und Ärzte bestimmter Fachrichtungen wie etwa Innere Medizin und Neurologie. Drei Jahre soll die Zusatzausbildung dauern.

Interesse steigt

"Das ist mein Baby", sagt Katharina Pils stolz. Die Präsidentin der Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie ist Institutsvorstand für Physikalische Medizin am Wiener Sophienspital. Jahrelang hat sie bei diversen Gesundheitsministern angesucht, um die Geriatrie endlich als Fach zu etablieren. "Die Allgemeinmediziner hatten Angst, dass wenn es das Fach Geriatrie gibt, dass der praktische Arzt aus dieser Hausarztrolle für alte und hochbetatge Menschen rausfällt", erklärt Pils den anfänglichen Widerstand.

Das Fach erfreut sich nun Beliebtheit. Im Jänner werden voraussichtlich tausend Ärzte das Additivfach abgeschlossen haben. Auch Regina Roller-Wirnsberger von der Medizinuniversität Graz erkennt ein Ansteigen von Interessenten unter ihren Studenten. Seit 2011 ist sie die erste Professorin für Geriatrie an einer öffentlichen Universität in Österreich. Ihr Schwerpunkt in Graz ist die Akutgeriatrie, also akut auftretende Erkrankungen bei älteren Menschen. In der Vergangenheit seien die meisten Studenten "monozentrisch" in einzelnen Fachbereichen unterrichtet worden. Ein Problem, eine Diagnose, eine Lösung. Bei geriatrischen Patienten reicht dieser Ansatz nicht. Roller-Wirnsberger versucht, ihren Studenten aufzuzeigen, dass "wenn sie einen Knopf drücken, ihnen alle anderen 17 Knöpfe hinausspringen." Ein vernetztes Denken und ein Grad an Professionalität sei für die Geriatrie notwendig, nicht umsonst spricht Roller-Wirnsberger von der "Crème de la Crème" von Studenten, die sich der Herausforderung des Fachs stellen.

Man wird sie in Zukunft als Experten brauchen, wenn man Österreichs demographische Entwicklung betrachtet. Derzeit sind 23 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt, 2030 werden es 30 Prozent sein. Nach Schätzungen der Statistik Austria wird vor allem die Zahl der 80-Jährigen und darüber am stärksten anwachsen. Im Jahr 2030 soll ihre Anzahl mit 635.000 um 57 Prozent größer sein als 2010. Darauf müssen die Ärzte von morgen vorbereitet sein. Ob sexy oder nicht.