Wien. Marcus Köller ist eigennützig. Zumindest in Sachen Forschung. "Wenn ich in meinen jungen Jahren Erkenntnisse gewinne, kommen die mir selbst im Alter zugute", sagt er und grinst. Seit Oktober ist Köller der erste Professor für Geriatrie an der Medizinischen Universität Wien. Die nächsten drei Jahre will er forschen, was ihm und anderen im Alter von Nutzen sein wird. Wie kann man Osteoporose vorbeugen? Wie dem Muskelschwund im Alter Einhalt gebieten? Eigentlich wollte Köller während seines Medizinstudiums Chirurg werden, so wie die anderen jungen Adrenalinjunkies. Heute ist der Internist und Rheumatologe Leiter der Geriatrie am Wiener Sophienspital im siebenten Bezirk.

Für Köller ist Geriatrie viel mehr als Pflegemedizin. - © Khorsand
Für Köller ist Geriatrie viel mehr als Pflegemedizin. - © Khorsand

Zu lange wurde die Geriatrie als Pflegemedizin missverstanden, dabei ist die "Altersheilkunde" mehr als nur die Lehre, wie man alte Menschen von einer Seite des Bettes auf die andere Seite rollt, damit sie sich nicht wundliegen. Es ist ein multidisziplinäres Fach, in dem vom Orthopäden bis zum Psychiater jeder gefragt ist. Wichtig sei vor allem, dass ältere Menschen andere Behandlungskonzepte bräuchten als jüngere Patienten. Und hier habe die Forschung Nachholbedarf. "Die Geriatrie ist in den Kinderschuhen", kritisiert Köller. Ab einem bestimmten Alter fehle es an klinischen Studien. Pharmafirmen hätten diverse Ausschlusskriterien für ältere Patienten. Wenn ein 70-Jähriger nicht nur eine sondern gleich acht Krankheiten aufweist, passe er nicht mehr in das Konzept einer Forschungsreihe, da nur auf eine Krankheit getestet werden würde. Jahrzehntelang war die Geriatrie ein Stiefkind der medizinischen Forschung. Es ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Wer ist attraktiver für die Forschung, die krebskranke junge Mutter oder der demente 90-Jährige mit Muskelschwund? "Weil es nicht darum geht, Sterblichkeitsraten zu senken, sondern um Aspekte der Lebensqualität und Betreuung", erklärt Köller.

Eine Gratwanderung

Für ihn ist die Geriatrie "eine Gratwanderung zwischen Nihilismus und Beflissenheit". Man müsse aufpassen, dass man nicht zu wenig macht und sagt, "der Patient ist alt, das hat keinen Sinn und bringt nichts." Gleichzeitig sei es auch die Frage, ob man einen 98-Jährigen "bis auf die Knochen mit Untersuchungen quält". Schließlich geht es um die Lebensqualität des Patienten. In seiner Arbeit wird sich Köller immer wieder der Vergänglichkeit des Lebens bewusst. Er selbst fürchtet sich im Alter vor einer möglichen Demenz- oder Krebserkrankung. Doch noch fällt er mit seinen 47 Jahren nicht die Kategorie der geriatrischen Patienten, auch wenn ihn seine Tochter schon als "alten Knacker" tituliert.