Wien. Im schiefen Turm von Pizza bäckt Mister Brocco Tag für Tag die besten Pizzen des Landes. Gummibärenkinder liegen in ihren Gummibetten und träumen von Gummitieren und Gummiwolken. Auch von sogenannten "Vexen" wird erzählt. Im Gegensatz zu Hexen, die auf ihrem Besenstiel durch die Lüfte fliegen, werden Vexen von sogenannten Skorpiondrachen geflogen. Viel Vorstellungskraft und Fantasie sind gefragt, wenn man den jungen Autoren im Alter von sieben bis zehn Jahren bei ihren Geschichten folgen will.

Diese Geschichten sind nun in Buchform erschienen. Nach dem Motto "Buch-Piloten. Wer Worte hat, kann fliegen" präsentierten am Freitag im Gschwandner mehr als 300 Volksschulkinder aus dem 16. und 17. Bezirk ihre eigenen literarischen Werke. Entstanden sind die Erzählungen in der Schreib-Werkstätte "art space" in Hernals, wo die Sieben- bis Zehnjährigen in 14 Workshops von Autoren, Illustratoren und Performern betreut wurden.

"Als Schauspieler versucht man oft längst verschüttete kindliche Gedanken- und Fantasiewelten wieder auszugraben und für die Bühne abzurufen", sagt Faris Endris Rahoma, Schauspieler und Performer, der an dem Projekt mitwirkte. "Die kleinen Buch-PilotenInnen führen uns in den Workshops vor Augen, welch aussichtsloses Unterfangen dieses Bestreben für uns Erwachsene jedoch ist."

Stundenplan hemmt Fantasie der Kinder


Die Idee zu den Buchpiloten entstand durch Vorbilder in den USA, England und Irland, so Robert Etlinger, Medienbetreuer der Buch-Piloten. Der Schulalltag sei durch Termine und Stundenplan sehr durchstrukturiert. Die Fantasie der Kinder, die fließen sollte, werde dadurch unterdrückt. Bei dem Buchprojekt hätte man hingegen den Kindern freien Lauf gelassen.

Die fünf Volksschulen aus dem 16. und 17. Bezirk wurden nicht zufällig ausgewählt. 90 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund. In den Vordergrund soll dies aber nicht gestellt werden. "Wir wollen weg von den klassischen Integrations- und Hilfsprojekten", betont Etlinger. Denn: "Es ist eine Normalität, dass Kinder mehrsprachig aufwachsen." Im Vordergrund stand vielmehr die Stärkung des Selbstbewusstseins. Das sah man auch bei der Bücherübergabe in der Schule, wo einige Kinder vor Stolz ihre Bücher umarmten.

Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung gibt hingegen zu bedenken, dass Kinder in ein marktwirtschaftliches Konkurrenzverhältnis hineingezwungen werden. Da sei die Sensibilität der Eltern gefragt: "Die Eltern sollen das Buch ihrer Kinder nicht am Erfolg der Auflage messen. Sie sollen es als ein Werk des Kindes Wert schätzen, ohne dessen Verwertungspotenzial weiter zu verfolgen." Viele Kinder würden heutzutage sowieso schon unter starkem Erfolgsdruck stehen.

Die Lehrer der jungen Autoren unterstützen die Initiative: "Solche Projekte sind positive Verstärker für das Selbstbewusstsein der Kinder. Es wäre wünschenswert, dass mehr Geld dafür verwendet wird als für standardisierte Tests, die demotivierend wirken", sagt Margit Zolnai, Lehrerin an der Volksschule Rötzergasse.

Das Projekt soll nun weitergeführt werden. Die Schreibwerkstätte soll in Zukunft ganztägig offen bleiben und auch für ältere Schüler zugängig sein. Weiters sind bis zu zehn Schreibwerkstätten in ganz Wien geplant.