Wien. "Ich werde mit Sicherheit im Verkehr verunglücken, und zwar als Fußgänger oder Radfahrer" - Sozialforscher Bernd Marin - vertraut mit Statistik und Wahrscheinlichkeiten - gibt sich illusionslos. Schließlich kreuzen einander in der Nähe seiner Wohnung am Wiener Schottenring auf 150 Metern allein die Rad- und Gehwege gleich vier Mal - "siebzehn Mal bin ich schon beinahe niedergeschoben worden", erzählt der 65-jährige Direktor des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien mit Galgenhumor.

Beim Internationalen Verkehrssicherheits-Kongress "Mobilität in einer alternden Gesellschaft" im Palais Ferstel diskutieren seit gestern Experten und Wissenschaftler zwei der brennendsten Zukunftsfragen der Verkehrssicherheitsarbeit: Wie wird es sich auswirken, wenn in kaum 20 Jahren jeder dritte Verkehrsteilnehmer über 60 Jahre alt sein wird? Und was kann man tun, um auch im Alter eine selbstbestimmte Mobilität möglich zu machen?

"Die frohe Botschaft der Statistik lautet: Wir werden immer älter. Bei guten Genen und gesundem Lebenswandel haben wir realistische Chancen, ein biblisches Alter zu erreichen. Die Bevölkerung nimmt zu, der Anteil der Senioren auch. In jedem Lebensabschnitt aber ändern Verkehrsteilnehmer ihr Mobilitätsverhalten und stellen unterschiedliche Anforderungen an die Verkehrssicherheitsarbeit", reißt Othmar Thann, Direktor des veranstaltenden Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV), die Problematik in der Pressekonferenz vor dem Kongress an.

Studien zur Prävention von Unfällen stehen im Zentrum der Diskussion - dabei geht es etwa um die Auswirkung von Ablenkung auf das Fahrverhalten, die Fahrzeugsicherheit und Frühwarnsysteme bei nachlassender Fahrleistung. Aber auch um Maßnahmen zur Erhöhung der Mobilität im Alter, ein Risikokompetenztraining -und vor allem um die Sicherheitsprobleme älterer Radfahrer.

"Mobilität darf keine Frage des Alters oder Geldes sein"

"Mobilität ist keine Frage des Alters. Entscheidend ist die Sicherheit bei der Fortbewegung. Um auch den zukünftigen Ansprüchen gerecht zu werden, braucht es neue Lösungsansätze. Denn die Mobilität umfasst weit mehr als die räumliche Bewegung - sie ist auch eine Möglichkeit, geistige, soziale und kulturelle Grenzen zu überwinden", so Thann.

"Die Mobilität älterer Menschen zu erhalten ist eine grundlegende Aufgabe unserer Gesellschaft", betont auch Karl Blecha, der gerade 70 gewordene Präsident des Pensionistenverbandes Österreichs (PVÖ) und des Österreichischen Seniorenrats. "Denn nur dadurch können Senioren ein aktiver Teil der Gesellschaft bleiben und am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Förderung der Mobilität ist also eine wichtige und konsequente Antwort auf drohende Vereinsamung und Isolation." Blecha findet auch gleich die gewohnt deutlichen Worte: "Mobilität muss für alle gewährleistet sein - ohne Hinblick auf Alter oder Geldbörse!"

Altersdiskriminierung finde sich besonders oft gerade auch im Straßenverkehr - und dies, obwohl zahlreiche Studien belegten, dass ältere Menschen viel seltener schwere Unfälle mit Körperverletzung verursachen als andere Altersgruppen. Senioren seien zudem nachgewiesenermaßen besonders verantwortungsbewusste und erfahrene Verkehrsteilnehmer. "Trotzdem fordern ignorante Kräfte immer wieder Maßnahmen wie Alterslimits für Führerscheine oder Zwangs-Untersuchungen für Senioren. Doch wir haben all diese bösartigen Forderungen bekämpft und abgewehrt!"

"Im Alter wird man anders, nicht schlechter"

In Österreich würde man ohnehin auf Bewusstseinsbildung setzen, denn es gibt "keinen Beleg, dass ältere Menschen bis 80 Jahre ein Risiko sind", sagte Thann und sprach sich ebenfalls gegen Zwangsprüfungen aus - diese seien unverhältnismäßig. Im Alter werde man nicht schlechter, sondern anders.

"Alter ist nicht gleich Alter", sagt auch Bernd Marin. Man müsse vom Lebensende her denken, die Lebenserwartung steigt: "60 Jahre zu Kreisky-Zeiten sind so wie 70 Jahre heute", so Marin.

"Über Alte können Sie so gut wie alles sagen. Es ist der einzige Rassismus, der erlaubt ist", konstatiert Marin. Ältere Personen seien aber "eine gefährdete und nicht eine gefährliche Gruppe". Denn: Ein Drittel der getöteten älteren Verkehrsteilnehmer verunglücken als Autofahrer, zwei Drittel aber als Radfahrer, Fußgänger oder als Mitfahrer. Über 75-Jährige sind nur bei vier Prozent der Unfälle Hauptverursacher, bei den 18 bis 25 Jahre alten Personen seien dies 18 Prozent, erklärte Marin. Und: 55- bis 65-Jährige seien die sicherste Gruppe der Autofahrer überhaupt. Allerdings, das räumt die Statistik ein: ältere Personen verursachen mehr Blechschäden.

Wichtig sei, dass man sich jetzt mit der Thematik beschäftige und nicht erst "um fünf vor zwölf", sagte Thann. Das Ziel: "Sicher mobil im Alter". Dafür müsse man "beim Menschen ansetzen und auch bei der Infrastruktur". Als Beispiel nennt Thann die "bewusst.sicher.werkstatt", ein Kurs des KFV, bei dem ältere Autolenker unterstützt werden, um sich für die Anforderungen des Straßenverkehrs fit zu halten. Österreichweit haben bereits 2000 Personen daran teilgenommen.