Die Aufnahme zeigt zwei Frauen im Jahre 1890 - kurz bevor sich der Hosenrock als bequemeres Radleroutfit etablierte.

- © Flickr, Pete, fixedgear
Die Aufnahme zeigt zwei Frauen im Jahre 1890 - kurz bevor sich der Hosenrock als bequemeres Radleroutfit etablierte.
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Wien.  "Wo ist denn der Meister?" Eine Kundin betritt die Fahrradwerkstatt und bekommt von Gudrun Pollack prompt eine Antwort: "Heute bin ich die Meisterin!" Die Fahrradmechanikerin erzählt von erstaunten Männern und Frauen, die ihr Fahrrad weiblichen Händen anvertrauen sollen. Die junge Frau mit Fahrradohrring im linken Ohr sitzt mit ölverschmierten Händen vor der Wiener Selbstreparaturwerkstatt Bikekitchen. Die ehrenamtliche Arbeit und ihren geringfügigen Job in der Werkstatt "Radhaus" brauche sie als Ausgleich zum Doktoratsstudium in Umweltgeschichte. Es ist ein Handwerksberuf, der wie viele andere auch, eine Männerdomäne sei. Immer noch. In Wien kennt Pollack gerade mal fünf Fahrradmechanikerinnen.


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Heels on Wheels (Fahrradgeschäft für Frauen)
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Bis heute ist Radfahren kultur- und sozialhistorisch bedingt ein hartes Pflaster für die Frauenwelt. Galt es doch im 19. Jahrhundert als unweiblich, sich auf den Sattel zu schwingen.
Jahrzehnte nach den ersten - einzig Männern vorbehaltenen -  Fahrradclubs mussten Frauen auch beim Zweirad um Gleichberechtigung kämpfen. 1893 gründeten Pionierinnen mit dem "Damen-Bicycle-Club" den ersten Frauenfahrradverein der k & k Monarchie. Kritiker  wie der Arzt Otto Gotthilf orteten um 1900 "Emanzipationsgelüste, Eitelkeit und Gefallsucht".

In Wellington, Neuseeland, hat sich die Bewegung "Frocks on Bikes" formiert, die ganz im Spirit des "Chycle Chic" steht.

- © Flickr, Su Yin Khoo (ksuyin)
In Wellington, Neuseeland, hat sich die Bewegung "Frocks on Bikes" formiert, die ganz im Spirit des "Chycle Chic" steht.
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Die Geburt des Hosenrocks

Dem Drang nach Unabhängigkeit und Freude am Fahren setzte man(n) die Befürchtung entgegen, die Frauen würden ihren Pflichten wie Heim, Mann und Kind davon radeln. Schnell hatte frau jedoch die Vereinbarkeit von Sport und Haushalt unter Beweis gestellt. Der Trend steckte weit über die Landesgrenzen an und auch die Industrie profitierte vom neuen Geschäft mit Damenrädern. Schließlich bröckelte der anfängliche Kompromiss "Rock statt Hose", und der Hosenrock war geboren.

"In Österreich hat eine Emanzipierung des Fahrradfahrens eher auf Vereinsebene stattgefunden", sagt Stadtplanerin Beate Stude. Sie war die erste Frau im Vorstand der Radlobby IG Fahrrad. - © Wiener Zeitung, Eva Zelechowski
"In Österreich hat eine Emanzipierung des Fahrradfahrens eher auf Vereinsebene stattgefunden", sagt Stadtplanerin Beate Stude. Sie war die erste Frau im Vorstand der Radlobby IG Fahrrad. - © Wiener Zeitung, Eva Zelechowski

Mode ist auch in der Gegenwart ein wichtiger Aspekt, der Lust aufs Fahrradfahren macht. So hat etwa die 24-jährige Andreea Toader in Bukarest die Initiative "SkirtBike" ins Leben gerufen, um Mädchen und Frauen zu zeigen: Das Rad ist ein Symbol für Spaß und Style. "Anders als in Amsterdam und Kopenhagen, wo das Radfahren inzwischen eine Tradition ist, ist "urban cycling" in Rumänien ein neuer Trend", sagt die 24-Jährige. Sicherheit sei laut Toader ein großes Hindernis, denn "wie fahrradfreundlich eine Stadt ist, sieht man an der Anzahl der Frauen auf Rädern." Davon ist auch Beatrice Stude, Vorstandsmitglied in der österreichischen Radlobby, überzeugt. "Je höher in einer Stadt der Frauenanteil unter den Radlern ist, desto sicherer ist es", sagt die Stadtplanerin.

Zum Alltagsradeln motivieren
Wie in Rumänien sind auch im 17.000 Kilometer entfernten Neuseeland Frauen auf Rädern eine Rarität. Das wollte Christina Bellis ändern und stellte 2008 gemeinsam mit anderen leidenschaftlichen Radfahrerinnen die Fun/Fashion-Bewegung "Frocks on Bikes" (Kleider auf Rädern) auf die Beine. Das Ziel war, Frauen zum Alltagsradeln zu motivieren. Und zwar mit Workshops, "Fricknicks" (Frocks und Picknick) und Modeschauen. Inspiriert von der inzwischen internationalen Initiative "Cycle Chic" soll auch "Frocks on Bikes" Lifestyle, Genuss und Coolness vermitteln. Politischer Aktivismus stehe nicht im Vordergrund: "Wir wollen die Hand nicht beißen, die uns füttert", sagt die Neuseeländerin. Zu groß sei die Abhängigkeit von finanzieller Unterstützung aus öffentlicher Hand.

Von finanzieller Förderung ist der chilenische Verein Macleta mit seiner Fahrradschule "Bicimujer" (bici = Fahrrad, mujer = Frau) noch weit entfernt. "Wir sind eine feministische Gruppe, die Gesellschaft und Entscheidungsträger für die sich ändernden Bedürfnisse der Frauen sensibilisieren will", erklärt Patricia Vargas bei der Radkonferenz Velo-city in einem Vortrag. Es gehe nicht um den Fun-Faktor, das Fahrradfahren symbolisiere mehr als urbanen Chic. Sie selbst hat vor zwei Jahren in einem "Bicimujer"-Kurs Radfahren gelernt, jetzt ist sie Teil des Teams. Das Trauma aus Unsicherheit im Straßenverkehr, Scham und Angst vor Stürzen werde von Frauen an die nächste - weibliche - Generation weitervererbt. "Nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung fährt Fahrrad. Noch vor zwei Jahren habe ich im Monat ein bis zwei Frauen in Santiago de Chile auf einem Rad gesehen", erzählt Vargas. Seit der Gründung der Fahrradschule 2007 haben 300 Frauen einen Kurs abgeschlossen. Quer durch alle sozialen Schichten und Altersstufen.