Wien. Eine Maß, 8,50. Ein halber Liter G’Spritzter, 5,80. Ein Klopfer, 3 Euro. Halt, was ist ein "Klopfer"? Martina, eine junge Studentin im Dirndl, kramt in ihrem Bauchladen, kreuz und quer liegen darin die Schnapsfläschchen. Sie fischt ein birnenförmiges Glas heraus. Dann schlägt sie das Fläschchen fünfmal auf den Heurigentisch. "So macht man das", sagt sie. Der Schnaps schmeckt süß und künstlich. Warum man ihn vor dem Trinken klopfen muss, weiß keiner so genau. Aber Martina kennt günstigere Alternativen: "Ich würde den Marillenschnaps vorschlagen, der kostet nur 60 Cent mehr, hat aber dafür mehr Alkohol", sagt die Steirerin, die sich mit Schnapsverkaufen auf dem Wiener Wiesn-Fest etwas dazuverdient.

Die Wiener Après-Ski-Bourgeoisie sieht also so aus. - © Foto: Moritz Gottsauner-Wolf
Die Wiener Après-Ski-Bourgeoisie sieht also so aus. - © Foto: Moritz Gottsauner-Wolf

Die Wiener Wiesn will die Atmosphäre des bayrischen Oktoberfests nach Wien importieren. Zu diesem Zweck haben die Veranstalter auf der Wiese vor dem Wurstlprater eine Art Alpen-Dorf errichtet, ein paar Stände, eine runde Bar aus Holz, Heuballen und Fässer überall, zwei Almhütten und drei riesige Zelthallen, die ein paar tausend Menschen fassen. Sogenannte "Hüttenzauber"-Partys liegen in Wien seit einigen Jahren im Trend. Doch die Wiener Wiesn spielt in ihrer eigenen Liga. Vergangenes Jahr kamen insgesamt 165.000 Besucher zur zweiten Auflage des etwas mehr als zwei Wochen dauernden Fests.

Am frühen Abend füllen sich langsam die Zelte. Der Bandleader singt: "Es gibt kein Bier auf Hawaii" in der Brachial-Schlager-Version. Hunderte Dirndln und Lederhosen schunkeln im Takt auf den Bänken und Tischen. Auf Kommando reißen sie die Hände in die Höhe oder singen mit, wenn es "Ein Stern, der deinen Namen trägt" spielt. Kellner und Kellnerinnen drängen sich mit einem halben Dutzend Maßkrügen vor der Brust durch das Menschenmeer, so wie man es von Bildern aus München kennt. Andere schaffen große Pfannen mit Fleisch und Sauerkraut heran. Im bunten Scheinwerferlicht um sie herum spielen sich surreale Szenen eines Massengelages ab.

Ein Ort, wo man Menschen lieben und hassen kann

Mitten im Getümmel steht Anna, eine WU-Studentin aus Graz im rotkarierten Hemd. Sie habe das alles erst einmal beobachtet. Dann kam sie zu dem Schluss: "Ich liebe und hasse die Menschen. Das hier ist irgendwie ein guter Ort, um beides zu tun." Dann grölt ihr eine Lederhose im Vorbeigehen ins Gesicht. "Halb so wild", sagt Martina, die steirische Schnapsverkäuferin. "Das hier ist auch nichts anderes als ein Dorffest. Und das Publikum hier ist ja doch eher gehoben."

Tatsächlich kostet der Eintritt ab 18.30 Uhr 43,30 Euro. Vorher ist er gratis. Es ist vor allem die Wiener Après-Ski-Bourgeoisie, die sich das leisten will. Richtig die Sau rauslassen, nicht nur einmal im Jahr im Skiurlaub, sondern hier zu Hause in der Großstadt. Hüttenzauber eben, "zumindest glauben sie das", sagt Thomas, der Tiroler, ein Mittfünfziger mit dem Maßkrug und Skilehrergesicht. Er fühlt sich hier zwar wie ein "Außerirdischer", aber den Tiroler-Bonus will er trotzdem nicht missen. "Die Leute lieben das, für die ist das dann wie nach dem Skifahren, wenn ein Tiroler dabei ist." Sein Kumpel Jakob, ein Vierteljahrhundert jünger, hat soeben eine Runde Marillenschnaps bestellt. Dann sagt er: "Sales, also Verkaufen, das ist es, was die Österreicher wirklich können. Prost."

Damit meint Jakob die durchgeplante Vermarktung der Wiener Wiesn bis ins Detail, von der Weißwurscht bis zu Straßenschildern wie "Wiener Herzen Allee". Eine große Bäckereikette hat in einem Zelt eine mobile Filiale aufgemacht, wo "Brez’n" aufgebacken werden. Man kann das auch Kommerz nennen, eine große Abkassier-Maschine, die mit Tradition und Brauchtum nichts mehr zu tun hat. Doch wenn die Veranstaltung eines gezeigt hat, dann, dass es ein Publikum dafür gibt. Die Wiener Wiesn ist auf ihre Art Fasching, Hüttenzauber und eskapistische After-Work-Party in einem.

Es ist inzwischen 23 Uhr, eine halbe Stunde halten die Zelte noch offen, dann ist Schluss. Ein junger Mann hat aus vollen Bierkrügen einen meterhohen Turm gebaut. Die Party erreicht ihren Höhepunkt. "Die Sprüche werden auch langsam perverser", sagt Martina. Sie hat nur noch ein paar Minuten zu arbeiten. Sie wird heute mit weniger Geld in der Tasche nach Hause gehen, unter der Woche läuft das Geschäft langsamer als am Wochenende. Eine junge Frau mit Polizeihut und weißer Schärpe patrouilliert indes durch das Zelt. Sie bietet den Gästen Alkohol-Tests an, drei Euro pro Test. 2,1 Promille war der höchste Wert des Tages. Einmal, sagt sie, habe sie auch vier Promille gemessen. "Aber da hat das Gerät gesponnen, der wäre ja sonst schon tot gewesen."

Nur wenige sind dicht bis zum Abwinken

Draußen vor der Eingangs-Türe schnallen Sanitäter eine etwa Zwanzigjährige auf die Trage. Alkoholvergiftung, vermutlich. Es ist der einzige größere Zwischenfalls des Abends. Es sei generell eher ruhig auf der Wiesn, meint ein Sanitäter. So ähnlich sieht es auch der Türsteher am Zelteingang. Drinnen läuft der letzte Song des Abends. Die Übriggebliebenen liegen sich in den Armen. Clemens, ein großer, breiter, trinkfester Wiener, macht sich einen Spaß, indem er fremde Leute erst böse anschaut und dann freundschaftlich umarmt. Ist das hier die beste aller möglichen Welten? "Lustig isses", sagt Clemens. "Aber das hier, das is ja ka Wöd. Das is Wien."