Aufbruchsstimmung: Mit einer Idee zum großen Projekt, davon träumen viele. - © Heisenberg Media
Aufbruchsstimmung: Mit einer Idee zum großen Projekt, davon träumen viele. - © Heisenberg Media

Wien. Noch vor fünf Jahren gab es in Wien beziehungsweise in ganz Österreich wenige Neugründungen in der berüchtigten Start-up-Szene. Wo junge Menschen eine Idee verwirklichen und vor allem am Online- und Mobile-Sektor ihre Erfindungen in die Öffentlichkeit bringen und - wenn es gut geht - zu Geld machen können. Die Gründungen gingen von einzelnen mehr oder weniger starken Persönlichkeiten aus, die Szene war nicht klar vorhanden. Heute sieht es in Wien anders aus: Die damaligen Gründer coachen die nächste Generation. In deren Ideen wird zunehmend mehr Kapital etwa von privaten Investoren, den sogenannten Business Angels, gesteckt, die nicht nur ihr Geld, sondern auch ihr Wissen und ihre Kontakte einbringen. Auch die Hubs, Clusters und Coworking-Spaces als Orte der Vernetzung sind zunehmend mehr geworden.

Die "Wiener Zeitung" hat sich im Vorfeld des Pioneers Festivals, das heuer zum dritten Mal stattfindet, in der Szene umgehört. Die Veranstalter des Festivals, Andreas Tschas und Jürgen Furian, geben sich noch bedeckt, was die großen Neuentdeckungen angeht. Angekündigt wurde aber bereits, dass sich ein Tag rund um das Thema Robotic drehen wird. "Darüber hinaus wird heuer der Fokus auf Digital Health, Aerospace und Webmobile, wo die meisten Start-ups gegründet werden, gelegt", so Tschas. Neu ist, dass nicht mehr nur Software, sondern auch Hardware, wie der neue 3D-Drucker, präsentiert wird. Für Tschas ist das Festival "eine Brücke zwischen zwei Welten". "Wir bringen Start-ups mit großen etablierten Firmen zusammen", sagt er. Die Symbiose nennt er "True Economy". "Die großen Firmen helfen den kleinen dabei, groß zu werden, und die kleinen helfen den großen, innovativ zu werden."

Mehr als 670 Start-ups aus sechs Kontinenten haben sich für den jährlichen Wettbewerb, der Pioneers Challenge, angemeldet. 50, darunter sechs aus Österreich, wurden eingeladen, um am 29. Oktober ihre Erfindung den geladenen Investoren vorzustellen. Die Immobilienplattform Zoomsquare ist auch dabei. Am nächsten Tag bekommen acht von ihnen die Chance, ihr Produkt vor rund 2500 internationalen Gästen zu präsentieren. Der Gewinner erhält die Pioneers World Tour.

Zum Festival wiederkommen wird Thomas Funke. Der ehemalige Wahl-Wiener, der noch vor kurzem für die Wirtschaftsuniversität Wien "Ecnetwork" initiierte, jene Uni-übergreifende Plattform für Akademiker, die noch keine Idee haben, jedoch unternehmerisch tätig sein möchten, arbeitet heute für einen Think Tank des Wirtschaftsministeriums in Deutschland. Er soll dort den Bereich für Gründungen, im Speziellen im Bereich Entrepreneurship Education, aufbauen. Die Verbindung zu Österreich bleibt aber laut Funke nach wie vor bestehen. Immerhin initiierte er gemeinsam mit Thorsten Lambertus und Stefan Perkmann Berger die Ideenentwicklungssoftware "WhataVenture", die kommende Woche mit ihrem ersten Wettbewerb "Foundersbattle" starten wird. Im Unterschied zu Ecnetwork richtet sich WhataVenture an Menschen, die bereits eine Idee haben und diese verwirklichen möchten. 120 Anmeldungen sind bereits hereingeflattert. Der Wettbewerbsgewinner erhält einen Preis, gesponsert ist das Projekt unter anderen von der Wirtschaftsagentur Wien, dem Zentrum für Informationstechnologie (Zit) und der Styria-Digital.

Wie beurteilt sich die Szene selbst?


Funke ortet in der Start-up Szene in Wien den Beginn einer Konsolidierung. "Die Szene macht sich selbst Gedanken darüber, wohin sie gehen will." Differenzierungen würden getroffen werden. Gehört man eher zum Social Entrepreneurship, zum nachhaltigen Unternehmertum, oder möchte man möglichst schnell wachsen, stellen sich viele Gründer die Frage. Der Ruf nach Kapital steht zumindest für Funke nicht im Vordergrund. "Kapital ist wichtig. Aber an erster Stelle stehen die Talente, die Ideen. Dafür muss der Nährboden bereitet werden", sagt er. Und das sei in Österreich nach wie vor nicht so einfach. Denn in Österreich herrsche ein Klima der Zurückhaltung, was die Unternehmensgründung betrifft. "O Gott, mach das nicht. Das ist nicht möglich", würden hier viele sagen. Im Gegensatz zu den USA, wo Ausprobieren und Scheitern einfach dazugehöre. Laut Funke gibt es nicht mehr Ideen, als Geld dafür bereitstehen würde. Auch die Anzahl der Coworking-Spaces, jene Orte, wo sich die Szene vernetzt und wo sie arbeitet, wachse nicht mehr so rasant. Im Gegenteil, das seien fast schon zu viele, meint Funke. Für Festival-Gründer Tschas fehlt noch die "kritische Masse". "Es ist cool, es brodelt, es kann viel, trotzdem fehlt noch die kritische Auseinandersetzung", sagt er. Die Politik sollte nun "mehr hineinhören": Was brauchen die Gründer? Wie können Mitarbeiter finanziert werden? Braucht es neue Formen von Kapitalgesellschaften, wie Mini-AGs? Ebenso müssten die Universitäten mehr aufspringen. "Wien hat jetzt eine Riesenchance, auch um die Talente aus Osteuropa abzufangen", so Tschas.